„Mit Dankbarkeit und Demut“

Söder verkündet seine Minister: Warum die größte Wackelkandidatin nicht zittert

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Melanie Huml hat in Bayerns Kabinett schon einiges durchgestanden. Bei Söders Minister-Verkündung gilt sie als Wackelkandidatin - aber zittert nicht.

München – Vielleicht war es der Tiefpunkt ihrer Karriere, als Melanie Huml nicht gefeuert wurde. August 2020, die Gesundheitsministerin hatte den Corona-Testskandal an den bayerischen Autobahnen politisch zu verantworten, da lud ihr Chef Markus Söder zu einer Pressekonferenz. Er teilte mit, die Ministerin nun doch nicht zu entlassen, sie solle gern selbst „die Scharte auswetzen“. Humls Wortbeitrag: „Ich bin dankbar.“ Man erlebe, so schrieb unsere Zeitung, „eine Ministerin, die wie ein ungezogenes Schulmädchen vorgeführt wird“.

Söders Kabinett: Huml ist Bayerns dienstälteste Ministerin - und bleibt Wackelkandidatin

Wer so was aufrecht durchstanden hat, kann all die weiteren Wirren, Spekulationen und Kämpfe, die so ein Amt mit sich bringt, gelassener betrachten. So hält das Huml, 48, auch, und dies seit geraumer Zeit. Die CSU-Politikerin ist eigentlich bei jeder Kabinettsbildung Gegenstand von Spekulationen. Seit Jahren heißt es jedes einzelne Mal, jetzt werde sie aber ganz gewiss ausgetauscht, in der nächsten Regierung sei echt kein Platz mehr. Seit ebenso vielen Jahren ist sie stets wieder dabei. Mehr noch: Sie ist längst Bayerns dienstälteste Ministerin, seit 2007 im Amt, als der Ministerpräsident noch Beckstein hieß.

Bayerns Ministerpräsidenten seit 1945

Bundeskanzler Konrad Adenauer (mit Zylinder, CDU), Bundesratspräsident Karl Arnold (l, CDU) und Fritz Schäffer (r, CSU) bei der feierlichen Eröffnungssitzung des Deutschen Bundestages am 07.09.1949 in Bonn.
28. Mai 1945 – 28. September 1945: Fritz Schäffer (r, CSU) mit Konrad Adenauer (mit Zylinder, CDU), Bundesratspräsident Karl Arnold (l, CDU) bei der feierlichen Eröffnungssitzung des Deutschen Bundestages am 07.09.1949 in Bonn. © dpa
28. September 1945 – 21. Dezember 1946: Wilhelm Hoegner (SPD), ernannt durch die USA.
28. September 1945 – 21. Dezember 1946 (erste Amtszeit): Wilhelm Hoegner (SPD), ernannt durch die USA. © IMAGO/Rolf Poss
21. Dezember 1946 –
 14. Dezember 1954: Hans Ehard (CSU) mit Ehefrau Sieglinde.
21. Dezember 1946 – 14. Dezember 1954: Hans Ehard (CSU) mit Ehefrau Sieglinde. © IMAGO
14. Dezember 1954 – 16. Oktober 1957 (zweite Amtszeit): Wilhelm Hoenger (SPD) trat nach Verlust der Mehrheit im Landtag zurück.
14. Dezember 1954 – 16. Oktober 1957 (zweite Amtszeit): Wilhelm Hoenger (SPD) trat nach Verlust der Mehrheit im Landtag zurück. © IMAGO
16. Oktober 1957 – 26. Januar 1960: Hanns Seidel (CSU) überreicht General Lauris Norstad den Bayerischen Lowen.
16. Oktober 1957 – 26. Januar 1960: Hanns Seidel (CSU) überreicht General Lauris Norstad den Bayerischen Lowen. © IMAGO
26. Januar 1960 – 11. Dezember 1962 (zweite Amtszeit): Hans Erhard (CSU).
26. Januar 1960 – 11. Dezember 1962 (zweite Amtszeit): Hans Erhard (CSU). © IMAGO
11. Dezember 1962 – 7. November 1978: Ministerpräsident Alfons Goppel und Parteivorsitzender Franz Josef Strauß (beide CSU).
11. Dezember 1962 – 7. November 1978: Ministerpräsident Alfons Goppel, der aus Altersgründen zurücktrat, und Parteivorsitzender Franz Josef Strauß (beide CSU). © IMAGO
7. November 1978 – 3. Oktober 1988: Franz Josef Strauß (CSU) mit Münchens ehemaligem Oberbürgermeister Erich Kiesl.
7. November 1978 – 3. Oktober 1988: Franz Josef Strauß (CSU) mit Münchens ehemaligem Oberbürgermeister Erich Kiesl. © Heinz Gebhardt/IMAGO
3. Oktober 1988 – 19. Oktober 1988: Max Streibl (CSU) führte das Amt erst kommissarisch und trat dann in seiner offiziellen Amtszeit (19. Oktober 1988 – 28. Mai 1993) wegen der „Amigo-Affäre“ zurück.
3. Oktober 1988 – 19. Oktober 1988: Max Streibl (CSU) führte das Amt erst kommissarisch und trat dann in seiner offiziellen Amtszeit (19. Oktober 1988 – 28. Mai 1993) wegen der „Amigo-Affäre“ zurück. © IMAGO
28. Mai 1993 – 9. Oktober 2007: Edmund Stoiber (CSU) trat nach einem innerparteilichen Machtkampf zurück.
28. Mai 1993 – 9. Oktober 2007: Edmund Stoiber (CSU) trat nach einem innerparteilichen Machtkampf zurück. © IMAGO/Astrid Schmidhuber
9. Oktober 2007 – 27. Oktober 2008: Günther Beckstein (CSU) schied aus dem Amt, als die CSU bei der Landtagswahl 2008 einen deutlichen Stimmenverlust hinnehmen musste.
9. Oktober 2007 – 27. Oktober 2008: Günther Beckstein (CSU) schied aus dem Amt, als die CSU bei der Landtagswahl 2008 einen deutlichen Stimmenverlust hinnehmen musste. © IMAGO
27. Oktober 2008 – 13. März 2018: Horst Seehofer (CSU) gab das Amt ab, als die Ernennung zum Bundesminister des Innern, für Bau und Heimat anstand.
27. Oktober 2008 – 13. März 2018: Horst Seehofer (CSU) gab das Amt ab, als die Ernennung zum Bundesminister des Innern, für Bau und Heimat anstand. © Sammy Minkoff/IMAGO
13. März 2018 – 16. März 2018: Ilse Aigner (CSU) übernahm das Amt der Ministerpräsidentin kommissarisch.
13. März 2018 – 16. März 2018: Ilse Aigner (CSU) übernahm das Amt der Ministerpräsidentin kommissarisch. © Charles Yunck/IMAGO
Seit 16. März 2018: Markus Söder (CSU) ist Ministerpräsident von Bayern und CSU Vorsitzender.
Seit 16. März 2018: Markus Söder (CSU) ist Ministerpräsident von Bayern und CSU Vorsitzender. © IMAGO

Man mag es kaum schreiben, aber wieder gilt: Wenn am Mittwochmittag Markus Söder seine neue Ministerriege vorlegt, ist Huml die größte Wackelkandidatin – und ebenso gut möglich ist, dass sie einfach im Amt bleibt. Inzwischen ist sie ja Europaministerin, irgendwann waren es einfach zu viele Aufgeregtheiten im Gesundheitsressort; aber die Argumente, sie abzulösen, sind nicht anders und nicht mehr geworden.

Söders neues Kabinett: Für Huml, Spitzname „Biene Maja“, spricht auch der Proporz

Für Huml sprechen zwei Proporzgründe. Sie ist Oberfränkin, eine an aufstrebenden CSU-Abgeordneten arme Region, die trotzdem immer mit am Kabinettstisch vertreten sein muss. Und sie ist eine Frau in dieser männerlastigen Partei. Eine, die sich auffallend wenig Feinde, aber auch nicht viele Freunde gemacht hat. Keine Hausmacht. Keine Job-Garantie vom Chef.

Markus Söder und Melanie Huml Ende 2022 bei einer Veranstaltung in Bamberg.

Wer mit Huml zu tun hat, erlebt eine sehr freundliche, verbindliche, zugewandte Politikerin. In ihrer Zeit als Pflegeministerin berichteten Verbände, der CSU nicht von Haus aus zugeneigt, wie sehr die junge gelernte Ärztin zuhöre, Empathie zeige. Anfängliche Herablassung, darunter der Spitzname „Biene Maja“ für freundliches Augenklimpern, verpuffte.

Als junge Ministerin – die erste, die im Amt Mutter wurde –, sprach sie offen über diese Doppelrolle. Und ließ mal eine Kabinettssitzung unterbrechen, weil sie sich zum Stillen zurückzog. Vor zehn Jahren war sowas eine Nachricht in Bayern. Und brachte ihr viel Sympathie ein.

Söder verkündet CSU-Ministerriege: Huml wartet „mit Dankbarkeit und Demut“

Trotzdem werden ihr unverändert Schwächen nachgesagt. Im Gesundheitsressort galt als größtes Defizit ein hartes, enges Führen des Ministeriums, egal ob vor oder während der Pandemie. Jetzt als Europaministerin ist sie Teil der Staatskanzlei, der Führungsaufwand minimiert. Was auch hier bleibt, ist aber eine geringe Außenwirkung. Oder, freundlich gesagt, eine angenehme Zurückhaltung, sich nicht ins Rampenlicht zu schieben. Die wenigen tollen Termine, etwa der Start eines Bayern-Büros in London, um den Brexit-geplagten Briten die besten Köpfe abzuwerben, inszenierte sie nicht. Niemand bekam davon was mit.

Reicht das, zumal kurz vor einer Europawahl, die für die CSU auch wegen dünner Promi-Dichte schwierig wird? Will Söder Konstanz oder lieber mehr Wumms auf der Stelle? Braucht es den Ministerposten überhaupt? Gibt es einen neuen Anlauf, sie in die Bamberger Stadtpolitik zu verschieben? Huml macht nicht den Eindruck, davon sonderlich aufgewühlt zu sein. Sie warte das, so machte sie im August in einem TV-Interview deutlich, nach 16 Jahren im Kabinett „mit Dankbarkeit und Demut“ ab.

Christian Deutschländer

Rubriklistenbild: © IMAGO/Dwi Anoraganingrum

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