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Die Ukraine darf sich nach der US-Kehrtwende Hoffnung auf F-16-Jets machen. Experten erwarten, dass sich die Kräfteverhältnisse in der Luft drehen könnten.
Kiew – Die Hartnäckigkeit von Wolodymyr Selenskyj und seinen Gefolgsleuten hat sich einmal mehr ausgezahlt. Wie schon bei den sogenannten Defensivwaffen und später den Kampfpanzern zierte sich der Westen als Verbündeter von Kiew im Ukraine-Krieg auch hinsichtlich der Bitte um Kampfjets monatelang. Doch mittlerweile ist das aus Sicht des ukrainischen Präsidenten hart erkämpfte Go da.
Die USA sind bereit, ihre als Exportschlager geltenden F-16-Jets für den Einsatz im Kampfgebiet freizugeben, sollten Partnerländer ihre Exemplare an die Ukraine abtreten wollen. Präsident Joe Biden gab seine ablehnende Haltung ebenso auf wie vor einiger Zeit Bundeskanzler Olaf Scholz bei der Frage nach der Entsendung der Leopard 2 für Europas blutigsten Krieg seit 80 Jahren. Ukrainische Streitkräfte sollen nun an den Fliegern ausgebildet werden, um diese im Zuge der Verteidigung des eigenen Territoriums gegen die Invasoren einsetzen zu können.
Ukraine-Krieg: Selenskyj kämpft erfolgreich um Freigabe für F-16-Jets durch Biden
Immer wieder hatte Selenskyj in den vergangenen Monaten darauf gepocht, wie essenziell es für den ukrainischen Erfolg gegen Russland und die Separatisten sei, sich auch aus der Luft wehren zu können. Beim G7-Gipfel im japanischen Hiroshima gab es die langersehnte positive Antwort von Biden. Zuvor war der Druck auf den starken Mann im Weißen Haus bei diesem Thema innenpolitisch immer größer geworden.
Einige Beobachter erklärten die Jets made in the USA sogar schon zum Game Changer. Nach Bidens Kehrtwende stellt sich nun umso mehr die Frage, wie groß ihr Einfluss auf das Kriegsgeschehen sein kann. Zwar bemühten sich Experten wie Politiker bereits, die allzu hochfliegenden Erwartungen wieder etwas zu erden. Doch klar dürfte sein, dass sich den ukrainischen Streitkräften mit den F-16 ganz neue Möglichkeiten eröffnen, um die Aggressoren wieder aus ihrem Land zu vertreiben.
F-16-Jets für die Ukraine: Laut Experten können wenige Dutzend Kampfflieger „entscheidenden Unterschied“ machen
Womöglich sogar schneller, als bislang angenommen? Wie das Portal Newsweek unter Bezugnahme auf mehrere Experten berichtet, würden schon wenige Dutzend der Kampfflieger – im Verbund mit den ausgebildeten Piloten – „einen entscheidenden Unterschied im Luftkampf“ ausmachen.
Bislang sind die Truppen Kiews auf die aus der Sowjetära stammenden Modelle MiG-29 und Su-27 angewiesen, die ihnen von den Partnern Polen und Slowakei zur Verfügung gestellt wurden. Im April erklärte ein Sprecher der ukrainischen Luftwaffe, es stünden fünf Abfangjäger-Brigaden parat: drei mit MiG-29 und zwei mit Su-27. Russland könne jedoch mindestens das Fünffache dieser Anzahl einsetzen.
Das Kräfteverhältnis in der Luft ist also bislang eindeutig, könnte sich nach dem Grünen Licht aus Washington allerdings drehen. Allein: Noch hat sich kein F-16-Importeur bereiterklärt, die Ukraine beliefern zu wollen. Womöglich setzt hier wie so häufig der Ketchupflaschen-Effekt ein: Erst wenn sich ein Unterstützer der Ukraine aus der Deckung wagt, ziehen auch andere nach. Über F-16-Jets verfügen etwa Belgien, die Niederlande, Dänemark, Rumänien, Polen, Bulgarien, Portugal, die Türkei und Griechenland.
Ukraine bekomt F-16-Kampfjets: Experten erwarten Vorteil in der Luft gegenüber Russland
Andrew Curtis, ehemaliger Offizier der britischen Royal Air Force, betonte laut Newsweek, angesichts der bisherigen Ungleichheit in der Luft würde schon jeder eingesetzte F-16-Jet einen Unterschied machen. Er rechnet jedoch nicht damit, dass die Ukraine in diesem Jahr noch genug Exemplare einsetzen kann, um wirklich die Lufthoheit übernehmen zu können.
24 bis 30 der Kampfflieger würden laut David Jordan vom Freeman Air and Space Institute am King’s College London „die Fähigkeiten der Ukrainer spürbar verbessern“. Zwar würde diese Anzahl allein „den Luftkrieg vielleicht nicht gewinnen“, Kiew aber gegenüber den russischen Streitkräften „in Bezug auf das Fliegen, Kämpfen und Planen“ einen Vorteil verschaffen.
Für Greg Bagwell, der als ehemaliger Air Marshall bis zum stellvertretenden Kommandeur der britischen Royal Air Force aufstieg, wären bis zu 100 F-16-Jets nötig, allein für den Start „sicherlich über 60“. Der ebenfalls befragte einstige britische Militäroffizier Frank Ledwidge, der mittlerweile Militärstrategien an der University of Portsmouth lehrt, gibt derweil zu bedenken, dass ukrainische Piloten zwar durchaus binnen weniger Monate mit den Maschinen umgehen könnten, es jedoch deutlich mehr Zeit benötigen wird, bis sie deren Wirkung voll ausschöpfen könnten.
Die Ukrainer brauchen den Experten zufolge also in jedem Fall einen langen Atem. Den beweisen sie schon seit Beginn des Überfalls. Auch beim beharrlichen Warten darauf, dass sich der verbündete Westen bewegt. (mg)
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