- VonSereina Donatschschließen
Greenpeace-Expertin Viola Wohlgemuth über die verheerenden Klimafolgen von „Fast Fashion“, darüber, wie die Politik Großkonzerne in die Verantwortung nehmen muss und was wir als Verbraucher:innen tun können.
Frau Wohlgemuth, was bedeutet eigentlich „Fast Fashion“?
Fast Fashion bezieht sich auf die Textilindustrie und hat sich bereits ab den 90er Jahren entwickelt. Das Geschäftsmodell basiert auf der Idee „immer mehr, immer schneller, immer billiger“. Das führt dazu, dass sich die Tragezeit und Qualität der Kleider radikal verringert hat und immer mehr weggeworfen wird. In Deutschland wird ein Party-Top nur etwa 1,7 Mal getragen. H&M und Zara sind ein Sinnbild für diesen Billig-Schick, denn sie haben diesen Markt erfunden.
Kostenloser Klimanewsletter
Einmal pro Woche veröffentlicht die Frankfurter Rundschau einen kostenlosen Newsletter zum Klimaschutz.
Mit verheerenden Folgen für Mensch und Klima.
Fast Fashion verursacht riesige Mengen an Treibhausgasen. Da dafür vor allem fossile Energien wie Erdöl und Kohle verwendet werden, ist die Modebranche einer der größten Klimasünder. So werden ihr drei bis elf Prozent der weltweiten CO2-Emissionen zugeschrieben. Die Kleidung besteht zu großen Teilen aus Synthetik und Mischgewebe. Bereits bei der Herstellung kommen unter anderem hochgiftige Chemikalien zum Einsatz. Die gefährden nicht nur die Gesundheit der Arbeiter:innen massiv, sie verseuchen durch das Abwasser auch die umliegenden Flüsse. Zudem wird weltweit nur zwischen 0,1 und 1 Prozent der weggeworfenen Kleidung zu neuen Textilien recycelt. Der Großteil macht Mischgewebe aus, also verschiedene Fasertypen, die verwoben sind, nicht trennbar und damit auch nicht recyclefähig. Der Rest der Kleidung wird dann geschreddert, verbrannt oder landet auf Mülldeponien in Ländern des Globalen Südens.
In der Fast Fashion-Branche gibt es eine mangelnde Transparenz hinsichtlich der Produktionsbedingungen und Materialquellen. Wäre ein digitaler Produktpass eine Lösung?
Greenpeace fordert dies im Rahmen der Textilstrategie der EU. Laut der Europäischen Kommission soll Kleidung bis 2030 zum größten Teil aus recycelten Stoffen bestehen. Aber um überhaupt ein Recycling anzustreben zu können, brauchen wir eine Produktbeschreibung, die genau angibt, aus welchen Materialien ein Textil besteht und wie und wo es hergestellt wurde. Und wenn die Materialien nicht wiederverwendet werden können, dürfen diese Textilien nicht mehr auf den Markt. Eine andere Forderung, ist, dass eine bestimmte Menge an recycelten Textilfasern verbindlich für neue Textilien wiederverwendet werden muss. Textilien sollten so designet werden, dass sie langlebig und vollständig recyclefähig sind. Schließlich setzt sich Greenpeace dafür ein, dass radikal weniger produziert und folglich weniger vernichtet wird. Wir fordern, dass ab 2030 nur noch 40 Prozent der Textilien neu produziert werden und der Rest über die nachhaltigen Alternativen wie Leihen, Upcycling oder Secondhand gedeckt werden.
Wo stehen wir im Kampf gegen den Klimawandel? Und was können wir alle tun, damit die Erde keine gefährlichen Kipppunkte überschreitet – und die Menschheit die richtige Richtung einschlägt? Der Klima-Podcast der Frankfurter Rundschau macht sich daran, solche Fragen zu beantworten. In „Kipp und klar“ spricht das Klimateam der FR über das wichtigste Thema unserer Zeit: den menschengemachten Klimawandel, der zunehmend spürbar unseren Alltag bestimmt.
In der siebten Folge setzt sich das Klimateam mit dem Thema Klima und Gender auseinander und fragt sich: Hat die Klimakrise eigentlich ein Geschlecht? Frauen sind von der Klimakrise besonders betroffen. Sie sind aber nicht nur Opfer, sondern auch treibende Kraft des Wandels. Die Ökonomin Corinna Dengler erklärt in „Kipp und klar“, was das mit unserem patriarchalischen System zu tun hat und warum wir Ökofeminismus brauchen. Hören Sie rein!
Der Klima-Podcast der Frankfurter Rundschau ist überall auf den üblichen Kanälen zu hören und auf fr.de.
Ein großes Problem ist auch, dass jährlich 100 Milliarden Kleidungsstücke produziert, aber nur 80 Milliarden verkauft werden. Der Rest landet im Müll. Gibt es hier Vorschriften auf EU-Ebene?
In Deutschland ist die Vernichtung von neuen und gebrauchsfähigen Textilprodukten bereits seit zwei Jahren gesetzlich verboten. Die Industrie hat sich jedoch nie an dieses Gesetz gehalten, da es bisher nicht strafrechtlich verfolgt wurde, weil es auf EU-Ebene noch nicht umgesetzt war. Das hat sich jetzt geändert: Seit zwei Wochen gibt es auf europäischer Ebene eine Einigung auf die Ökodesign-Verordnung, die die Vernichtung von neuen Artikeln und Textilien untersagt. Das ist ein Riesenerfolg. Die Frage ist nun, wie schnell europäische Einzelstaaten diese Verordnung umsetzen werden.
Die Politik muss also Rahmengesetzgebung auf EU-Ebene setzen, damit sich was ändert?
Ohne Rahmengesetzgebung und Sanktionen übernehmen Großkonzerne keine Verantwortung. Wir brauchen hohe Geldstrafen, denn erst wenn es teurer wird, so weiterzumachen wie bisher, wird sich etwas ändern. Solange internationale Großkonzerne beispielsweise weiterhin Öl und Gas für die Produktion verwenden dürfen, wird sich nicht ändern. Sie haben keine Anreize recycelte Fasern zu verwenden oder faire Löhne zu zahlen. Zurzeit ist es immer noch günstiger jede Woche eine neue Kollektion zu entwerfen und die Kleider anschließend zu vernichten, als die alten Kleider wiederzuverkaufen, neu zu sortieren und lagern. Wenn die Gesetze in ganz Europa gleich sind, gilt auch nicht mehr die Ausrede woanders ginge es leichter, der Markt und das Geld für die Firmen ist hier.
Und wer sollte zur Verantwortung gezogen werden, die Verbraucher:innen, die Politik oder die Industrie?
Die Möglichkeit was zu verändern sehe ich bei der Politik, aber die Verantwortung liegt bei den Firmen, die wissen genau was sie tun. Die Produktion wurde nach Südostasien, China, Indien oder Bangladesch verlagert. Das Problem ist, dass wir uns nicht mehr betroffen fühlen. Damals, als die Chemie- und Textilfabriken die Flüsse in der DDR verschmutzten, fühlten wir uns angesprochen. Heute sehen wir überall H&M-Plakate aber kaum eines, das unsere Aufmerksamkeit auf die Problematik der Herstellung lenkt. Alternative Geschäftsmodelle haben die finanziellen Werbemittel nicht, um entgegenzuwirken und ein Bewusstsein zu schaffen. Wir brauchen aber vor allem die Politik, die Rahmenbedingungen schafft, unter denen eine Familie alternative Geschäftsmodelle tatsächlich nutzen kann. Dafür müssen solche Konzepte staatlich subventioniert werden.
Es wird noch einige Zeit dauern, bis sich in diesem Bereich etwas konkret ändert. Was können wir aus Verbrauchersicht tun?
Das nachhaltigste Textil ist immer eins, was nicht neu hergestellt worden ist. Denn auch das fairste Biobaumwoll-Shirt benötigt 2700 Liter Wasser in der Herstellung und das ist so viel wie ein Mensch in zweieinhalb Jahren trinkt. Deshalb sollte man sich überlegen, was ist das beste Modell für mich: Secondhand, Kleider leihen oder tauschen statt sie zu kaufen, sie reparieren zu lassen? Zu Weihnachten könnte ich meiner Schwester meine alte Lieblingsbluse schenken, statt was Neues zu kaufen. Als Weihnachtsgeschenk könnte man eine Freundin oder ein Familienmitglied zu einer Kleidertauschparty mitnehmen. Heutzutage ist es sogar möglich, Designerkleidung auszuleihen. In vielen deutschen Städten gibt es mittlerweile eine Kleiderbibliothek. Dort kann man sich Kleidung für eine Hochzeit, für Silvester oder eben für Weihnachten ausleihen. Es gibt viele Alternativen.
