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Die FDP gilt Kritikern als männliche Klientelpartei, Forsa-Chef Manfred Güllner wähnt ihre Wähler im Kampf gegen den Zeitgeist. Wen will die Partei erreichen?
Berlin – Um die FDP steht es schlecht, laut Umfragen müsste die Partei derzeit um das Erreichen der Fünf-Prozent-Hürde bangen. Kritikern gelten die Liberalen unter Parteichef Christian Lindner als Klientelpartei der Wohlhabenden – und als Männerbund. Insbesondere letzteres gilt es zu ändern, heißt es aus Teilen der Partei, auch bei den Julis drängt man darauf, die geringe Frauenquote endlich ernstzunehmen.
Der durchaus meinungsstarke Forsa-Chef und Meinungsforscher Manfred Güllner sieht das anders: Er glaubt, die FDP müsse ihre Klientel mehr bedienen, nicht weniger. Die Klientel seiner Einschätzung nach: Junge Männer im Kampf gegen den Zeitgeist.
Die FDP als Männerbund: Erneuerung oder dem Zeitgeist entgegen
„Die FDP wird als Männerpartei wahrgenommen“ erklärte Juli-Chefin Franziska Brandmann erst kürzlich der Berliner Morgenpost, und das stimmt: Die Liberalen haben einen geringen Frauenanteil – und schlechte Zustimmungswerte. Auch bei den Jungen Liberalen macht man einen Zusammenhang aus. Manfred Güllner, seines Zeichens Chef des Forsa-Instituts, sieht das hingegen anders. Seiner Einschätzung nach ist die Partei eine Partei der verärgerten jungen Männer. Er folgert, die FDP müsse für mehr Stimmanteil auch mehr Politik für ihre Klientel machen. Besonders zukunftsgewandt klingt das bisweilen nicht. Güllner sagt gegenüber der Kreiszeitung von IPPEN.MEDIA, die Zahl junger männlicher FDP-Wähler sei „ein Fingerzeig dafür, dass die FDP sich auch gegen diesen grünen, weiblichen Zeitgeist stemmen sollte und jetzt nicht sagt, wir sollten weiblicher werden. Das wäre völlig idiotisch.“
Innerhalb der Partei sehen das einige deutlich anders. Sabine Leutheusser-Schnarrenberger gegenüber IPPEN.Media: „Der geringe Frauenanteil in der Partei führt zu einem Wettbewerbsnachteil. Es ist ein wichtiges und notwendiges Ziel, den Frauenanteil auf allen Ebenen der Freien Demokratischen Partei zu erhöhen. Die Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit betrachtet diese Herausforderung von unterschiedlichen Perspektiven und fördert und ermutigt Frauen in einem intensiven Empowerment-Programm, stärkere Rollen in Politik und Gesellschaft einzunehmen.“
Vom „Aufstand der jungen Männer“: Die FDP und ihre Klientel
Forsa-Chef Güllner hat eine klare Einschätzung, wer der FDP zuletzt seine Stimme gegeben hat: „Gerade bei der FDP ist Folgendes zu verzeichnen: Sie hat bei der Bundestagswahl relativ viele Stimmen von jungen Männern bekommen. Das war eine Art Aufstand der jungen Männer gegen den zu grün-weiblichen Zeitgeist. Die jungen Frauen, die haben Grün gewählt und die jungen Männer, die haben sich dagegen gewehrt: Die haben FDP gewählt.“ Was etwas holzschnittartig klingt, wirft dennoch eine Frage auf: Ist es wirklich diese Klientel, die die FDP erreichen will? Auch innerhalb der Liberalen scheint es dazu unterschiedliche Ansichten zu geben.
Die Partei wird zeigen müssen, wohin ihre Entwicklung geht: Ist sie eine Partei meist wohlhabender junger Männer oder schafft sie die Erneuerung, um mehr Frauen, zumindest innerhalb ihrer potenziellen, oft wohlhabenden, Zielgruppe anzusprechen. Für Güllner geht es nicht um Parität und auch nicht um programmatische Erneuerung. Er glaubt, der Mittelstand müsse seine Interessen wieder stärker vertreten sehen. Damit meint er offenbar vor allem den männlichen Mittelstand, wenn er sagt: „Die Partei kriegt die jungen Männer, die sich aufregen.“
Keine Volkspartei: „Wenn der Mittelstand die FDP wählt, bringt das immer genügend Stimmen“
Wer eine Volkspartei sein will, braucht einen maßgeblich höheren Frauenanteil, als ihn die FDP hat, so viel ist klar. Doch wollen die Liberalen das überhaupt? Güllner sagt „Die FDP ist keine Volkspartei“. Er befindet, die FDP sei „im durchaus nicht negativ gemeinten Sinne eine Klientelpartei. Sie ist die Partei des Mittelstandes, der Handwerker, der kleinen Unternehmer der freien Berufe – man kann auch sagen: der Besserverdiener.“ Der Meinungsforscher weiter: „Diese Kernwähler der FDP haben ganz bestimmte Interessen. Sie erwarten, dass die FDP das in die Politik einbringt“. Sein Schluss: „Es ist gar nicht so der Punkt der programmatischen Erneuerung. Es geht darum, dass die FDP die Interessen ihrer Klientel in Politik umsetzt. (...) Wenn der Mittelstand die FDP wählt, bringt das immer genügend Stimmen, um an die 10 Prozent zu kommen.“
Auch Wolfgang Kubicki räumt ein, dass seine Partei keine Volkspartei ist. Der Bundestagsabgeordnete gegenüber IPPEN.Media: „Auch wenn ich diesen Umstand bedauere, aber: Die FDP ist keine Volkspartei. Regelmäßig wählt uns ein großer Teil der Wählerinnen und Wähler nicht. Selbst die SPD hat bei der letzten Bundestagswahl rund drei Viertel der abgegebenen Wählerstimmen nicht erhalten. Das heißt, wir müssen diejenigen Wählerinnen und Wähler ansprechen, die für uns – mit unserem programmatischen Profil – überhaupt erreichbar sind.“ Er gesteht: „Das kann sicherlich noch besser als derzeit gelingen.“
Niedrige Frauenquote der FDP: Güllner und Kubicki messen Frage wenig Bedeutung bei
Ähnlich wie Manfred Güllner sieht auch Wolfgang Kubicki, anders als einige seiner Parteikolleginnen und Parteikollegen, den Grund für die schlechten Umfragewerte nicht in einer zu geringen Zahl von Frauen in der FDP: „Ich werbe sehr dafür, dass sich mehr Frauen in unserer Partei engagieren. Und wir haben mit Bettina Stark-Watzinger, Marie-Agnes Strack-Zimmermann oder Gyde Jensen großartige Frauen, die in der Partei und Fraktion eine tragende Rolle spielen. Aber interessanterweise hat die Tatsache, wie hoch die Frauenquote in der Partei ist, nur bedingt etwas mit dem Wählerverhalten zu tun.“ Kubicki misst der Frage offenbar keine übergeordnete Bedeutung bei.
Meinungsforscher Güllner sagt, um ihr Klientel zu bedienen sei es für die FDP „wichtig sich als Gegenpol zu den Grünen zu positionieren, die dem vermeintlichen Zeitgeist frönen. Die FDP sollte sich gegen diesen Zeitgeist sperren, der ja auch immer mehr Bürokratie und Vorschriften will.“ Ob ein „Sperren gegen den Zeitgeist“ in der Debatte um den Anteil von Frauen in der Partei wirklich der Weg ist, den die Partei gehen will, dürfte auch intern mehr als umstritten sein.
Es scheint: Manfred Güllner und Wolfgang Kubicki stehen sich in ihrer Einschätzung näher, als sie Sabine Leutheusser-Schnarrenberger und Franziska Brandmann stehen – auch das lässt Deutungsspielraum zu. Die FDP steht am Scheideweg.
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