Finnland gerät in Putins Visier: Militärische Drohgebärden und Aufrüstung an der Grenze
VonSimon Schröder
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Finnland gerät in Putins Fokus: Nach einem möglichen Ukraine-Frieden droht die Verlegung russischer Truppen an die gemeinsame Grenze.
Moskau/Helsinki – Europa übt weiter Druck auf Russland aus, um ein Ende des Ukraine-Kriegs zu erreichen. Unterdessen rüstet Kreml-Chef Wladimir Putin sein Militär weiter auf. Direkt vor der Haustür der Nato-Militärallianz an der finnischen Grenze errichtet Moskau neue Militärbasen und Infrastruktur, wie die New York Times berichtet. Auf Satellitenbildern sind ganze Reihen neuer Zelte und Lager zu sehen, die Militärvehikel auf Abruf hausen sollen. Weiter werden alte Kampfjet-Luftbasen renoviert und ein sowjetischer, von Natur überwucherter, Helikopterstandort soll reaktiviert werden.
Finnlands Nato-Grenze zu Russland im Fokus: Putin rüstet auf
Bisher sollen die russischen Drohgebärden an der finnischen Grenze noch in ihrem Anfangsstadium sein, wie mehrere Nato-Beamte gegenüber der New York Times erklärten. Vergleichbar mit dem Militäraufgebot an der ukrainischen Grenze kurz vor Beginn des Ukraine-Kriegs sei die Aufrüstung nicht. Aktuell ist das russische Militär ohnehin voll umfassend mit dem russischen Angriffskrieg gegen Kiew beschäftigt. Doch sollte ein Waffenstillstand im Ukraine-Krieg zustande kommen, oder etwa ein Friedensabkommen in naher Zukunft unterzeichnet werden, könnte die Lage anders aussehen.
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Ruslan Pukhov, Direktor des pro-russischen „Center for the Analysis of Strategies and Technologies“ in Moskau, erklärte etwa: „Wenn die Truppen zurückkehren, werden sie über die Grenze auf ein Land blicken, das sie als Feind betrachten. Die Logik des letzten Jahrzehnts zeigt, dass wir mit einem Konflikt mit der Nato rechnen müssen.“ In den baltischen Staaten, die mit Russland, wie Finnland ebenfalls eine Grenze teilen, schätzt man die Lage ähnlich ein.
Baltikum warnt vor Folgen eines Waffenstillstands im Ukraine-Krieg: „Bedrohung wird steigen“
Der estnische Verteidigungsminister Hanno Pevkur warnte im Gespräch mit der Bild-Zeitung: „Die Bedrohung für uns wird im Fall eines Endes der Kämpfe in der Ukraine steigen.“ Die Argumentation Pevkurs ist dabei, dass die russischen Soldaten nach dem Ukraine-Krieg oder bei einem möglichen Waffenstillstand „nicht einfach nach Hause gehen“. Putin könnte sie dann an die Nato-Ostflanke verlegen.
Finnland steht dann vor einer besonderen Herausforderung. Denn das neueste Nato-Mitglied hat auch die längste Nato-Grenze zu Russland. Über 1300 Kilometer muss Finnland vor einer möglichen russischen Invasion absichern. Militäranalysten gehen davon aus, dass sich Finnland, sollte es zu einem Konflikt zwischen Russland und der Nato kommen, zu einem Hotspot entwickeln würde. Aus Sicht von Russland rüstet man sich unterdessen gegen weitere Nato-Expansions-Pläne.
Russland rüstet Militär auf: größere Bodentruppen als vor dem Ukraine-Krieg
Michael Kofman, Forschungsmitarbeiter am „Carnegie Endowment for International Peace“ in Washington, D.C. erklärte dazu: „Das russische Militär hat seine Streitkräfte erheblich aufgestockt. Nach dem Krieg wird die Bodentruppe wahrscheinlich größer sein als vor 2022. Wenn man sich die geplante Umstrukturierung der Militärbezirke ansieht, scheint es klar zu sein, dass sie den Gebieten, die der Nato gegenüberstehen, Priorität einräumen werden.“ Die Nato stimmt der Auffassung von Kofman größtenteils zu.
Finnland könnte dabei nicht nur wegen der langen und schwer zu verteidigenden Grenze in Russlands Fokus rücken. Das Land hoch im Norden grenzt auch an die Arktis an, das finnische Lappland liegt nördlich des Polarkreises. Das Forschungsinstitute „Friends of Europe“ etwa schreibt dazu: „Die Eiskappen der Arktis schmelzen in Rekordgeschwindigkeit und machen erstmals Gas-, Öl- und Mineralienvorkommen im Wert von Billionen von Dollar zugänglich. In den kommenden Jahren wird dies einen Wettlauf um die Vorherrschaft in der Arktis auslösen, den Russland unbedingt gewinnen will.“
Finnland für Russland als mögliches Angriffsziel attraktiv: Putin nimmt die Arktis ins Visier
Weiter warnt das Institut vor den russischen Aktivitäten in der Arktisregion: „Russland betreibt bereits ein Drittel mehr Militärstützpunkte in der Arktis als die USA und ihre Nato-Verbündeten. Jetzt verlegt Putin Soldaten, Eisbrecher, Kriegsschiffe und U-Boote in die Region und führt arktische Übungen durch, bei denen Hyperschallraketen getestet werden, die der amerikanischen Abwehr entgehen können.“ Deshalb ist es wohl nicht verwunderlich, dass Wladimir Putin seine Militärpräsenz besonders an der finnischen Grenze erhöht.
Laut der britischen Zeitung The i Paper, soll Moskau sogar einige erfahrene Soldaten aus dem Ukraine-Krieg abziehen, um sie in der Region zu stationieren. Demnach sollen um die 300 Soldaten aus Bataillonen, die an der Ukraine-Front im Einsatz sind, an die finnische Grenze verlegt worden sein. Aktuell soll sich Russland vor allem auf Häfen nahe der finnischen Grenze konzentrieren. Darunter sind die Städte Kamenka, nördlich von St. Petersburg und die idyllische Ortschaft Kamenogorsk, die sich nur rund 32 Kilometer von Finnland entfernt befindet.
Links Finnlands Grenze zu Russland bei Imatra. Hier soll künftig ein großer Zaun errichtet werden. Rechts russische T-90 Panzer bei einer Probe der Feierlichkeiten zum „Tag des Sieges“ in Moskau.
Entwarnung aus Finnland: Keine ernsthaften Sicherheitsbedenken von Russland, sondern Propaganda
Gleichzeitig gibt der finnische Militäranalyst Emil Kastehelmi von der „Black Bird Group“ Entwarnung: „Natürlich wirkt sich eine wesentlich größere Zahl von Soldaten auf das Sicherheitsumfeld aus (…) Die Wahrscheinlichkeit eines konventionellen Krieges ist relativ gering, auch wenn die Spannungen hoch sind.“ Weiter erklärt Kastehelmi: „Russland hat keine legitimen Sicherheitsbedenken im Norden, da die Nato eine rein defensive Haltung einnimmt, und Russland weiß das, auch wenn es in seiner Propaganda etwas anderes behauptet.“ Trotzdem müsse die Situation nach einem möglichen Ende des Ukraine-Kriegs konstant beobachtet werden, mahnt der Analyst.
Der finnische Generalleutnant Vesa Virtanen erklärte im Gespräch mit Welt: „Wenn Russland mit der Ukraine fertig ist, wenn es möglich wird, Truppen von der ukrainischen Grenze abzuziehen, dann stehen sie an unserer Grenze.“ Doch einen Angriff Russlands hält er vorerst für gering: „Ich sehe aber keine unmittelbare Bedrohung durch einen russischen Angriff.“ (sischr)