VonAndreas Schmidschließen
Die Nato wächst: Finnland verstärkt das Militärbündnis – auch mit Panzern und Soldaten. Die wichtigsten Fragen und Antworten im Überblick.
Helsinki – Finnland ist offiziell Nato-Mitglied. Das jahrzehntelang neutrale Nordlicht trat dem Militärbündnis am Dienstag bei. Was Anfang 2022 als abwegig galt, ist nach mehr als einem Jahr Ukraine-Krieg Realität. Was bedeutet der finnische Nato-Beitritt konkret?
Was bedeutet der Beitritt für die Nato?
Für die Nato-Mitgliedstaaten hat der Beitritt Finnlands eine erweiterte Beistandspflicht zur Folge. Sollte Finnland, das sich mit Russland eine 1340 Kilometer lange Grenze teilt, vom Nachbarn angegriffen werden, würde dies als Angriff auf alle Nato-Staaten angesehen werden. In diesem Fall greift der sogenannte Bündnisfall. Jeder Alliierte wäre dann aufgefordert, Beistand zu leisten.
Die Parteien vereinbaren, dass ein bewaffneter Angriff gegen eine oder mehrere von ihnen in Europa oder Nordamerika als ein Angriff gegen sie alle angesehen werden wird.
Übrigens wird sich durch den finnischen Beitritt die direkte Grenze zwischen der Nato und Russland mehr als verdoppeln. Zugleich wird das 1949 gegründete Bündnis durch Finnlands Beitritt größer und schlagkräftiger.
Wie ist Finnland militärisch ausgestattet?
Nach Angaben von Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg verfügt das nördlichste EU-Land über gut ausgestattete und trainierte Streitkräfte und investiert derzeit in mehr als 60 hochmoderne Kampfjets vom Typ F-35. Wegen der geografischen Lage Finnlands könnten zum Beispiel die baltischen Nato-Staaten Estland, Litauen und Lettland im Fall eines russischen Angriffs deutlich besser verteidigt werden.
Finnland gehört nach Zahlen des International Institute for Strategic Studies (IISS) schon jetzt zu den Ländern, die jährlich zwei Prozent ihres Bruttoinlandsprodukts in Verteidigung investieren. Dieser wichtige Nato-Richtwert wird von Deutschland und etlichen anderen Bündnispartnern derzeit nicht erreicht. Die Größe der finnischen Streitkräfte wird vom IISS mit 19.000 Männern und Frauen angegeben, hinzu kommen knapp 240.000 Reservisten. Für den Schutz der Landesgrenzen verfügt Finnland unter anderem über etwa 100 Kampfpanzer von Typ Leopard 2A6 sowie hunderte Artilleriegeschütze.
Wie reagiert Russland auf den Nato-Beitritt?
Kremlchef Wladimir Putin hat sich wiederholt gegen etwaige Nato-Erweiterungen ausgesprochen. Das russische Außenministerium kritisierte, ein Nato-Beitritt des Nachbarn werde den russisch-finnischen Beziehungen schweren Schaden zufügen. „Russland wird gezwungen sein, entsprechend zu antworten – in militärisch-technischer und in anderer Hinsicht -, um den Gefahren mit Blick auf seine nationale Sicherheit Rechnung zu tragen“, hieß es bereits im Mai in einer Mitteilung des Ministeriums. Auch nun reagierte der Kreml verstimmt. „Die Erweiterung der Nato ist ein Angriff auf unsere Sicherheit und die nationalen Interessen Russlands“, sagte Putins Sprecher Dmitri Peskow.
Die Nato widerspricht derweil Behauptungen, das Bündnis wolle Russland regelrecht einkreisen. Nach Nato-Angaben sind von der mehr als 20.000 Kilometer langen russischen Landgrenze derzeit nur 1215 Kilometer Grenze zu Nato-Staaten. Selbst wenn nun noch einmal 1340 Kilometer dazukommen, ist die gemeinsame Grenze damit vergleichsweise klein, argumentiert die Allianz. Dennoch dürfte dem Kreml der finnische Beitritt nicht gefallen.
Eine russische Reaktion mit Gewalt gilt insgesamt aber als unwahrscheinlich. Dann würde sich Putin auch mit den anderen 30 Nato-Staaten anlegen. Denkbarer scheinen Cyberangriffe, mit denen Russland immer wieder in Verbindung gebracht wird.
Was ist eigentlich mit Schweden?
Wie Finnland will auch Schweden in die Nato, eigentlich war ein gleichzeitiger Eintritt geplant. Das scheitert bislang jedoch aufgrund eines doppelten Vetos. Die Türkei will dem schwedischen Nato-Beitritt weiterhin nicht zustimmen, obendrein hat auch Ungarn immer noch nicht ratifiziert. Ankara moniert einen aus türkischer Sicht unzureichenden Einsatz gegen „Terrororganisationen“ und will Zugeständnisse erzwingen. Budapest stößt sich unter anderem an schwedischen Aussagen zur Rechtsstaatlichkeit in Ungarn. Wann die beiden Länder die Nato-Tür auch für die Schweden aufmachen, ist weiterhin unklar.
Stoltenberg sagte zuletzt, er sei absolut zuversichtlich, dass Schweden ebenfalls Mitglied werde. Das Land werde nicht allein gelassen und könne schon heute darauf zählen, dass die Nato auf Drohungen oder Angriffe gegen das Land reagieren würde. (as/dpa)

