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Die Not ukrainischer Zivilisten ist nach den massiven russischen Raketenangriffen noch einmal gewachsen. Die Vorbereitungen auf eine erneute Fluchtwelle laufen.
Berlin/Genf - Nach den russischen Raketenangriffen auf Kiew und andere ukrainische Städte ist die Sorge vor einer erneuten Fluchtwelle groß. UN-Flüchtlingskommissar Filippo Grandi warnte am Montagabend vor einem Anstieg der Flüchtlingszahlen. „Die Bombardierung von Zivilisten“ und „nicht-militärischer Infrastruktur“ bedeute, „dass der Krieg härter und schwieriger für Zivilisten wird“, sagte Grandi in Genf. „Ich fürchte, dass die Ereignisse der vergangenen Stunden mehr Flucht nach sich ziehen.“
Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD) kündigte nach einem Spitzengespräch mit Vertretern von Ländern und Kommunen am Dienstag (11. Oktober) auch deshalb an, dass der Bund Immobilien für die Unterbringung von 4000 Geflüchteten zur Verfügung stellt. Zudem werde die Kontrolle an den Grenzen zwischen Bayern und Österreich über den November hinaus verlängert. Finanzielle Zusagen machte Faeser nicht. Wie sich der Bund finanziell an den Flüchtlingskosten beteiligen will, soll in einer Bund-Länder-Runde Anfang November geklärt werden.
Flüchtlingswelle nach Raketenangriffen befürchtet: „Harter Kriegswinter“ könnte Situation verschärfen
Der Vizepräsident des Deutschen Städtetags, Leipzigs Oberbürgermeister Burkhard Jung, sagte, die Situation sei mancherorts sehr kritisch. In Leipzig seien bereits Zeltstädte errichtet worden, in Dresden müsse eine Messehalle für die Unterbringung genutzt werden. Die Situation sei vergleichbar mit den Jahren der sogenannten Flüchtlingskrise 2015 und 2016. Auch die Betreuung der vielen unbegleiteten Minderjährigen sei eine große Herausforderung.
Die Migrationsbeauftragte der Bundesregierung, Reem Alabali-Radovan, forderte derweil Vorbereitungen auf mögliche neue Fluchtbewegungen. Zurzeit seien die Zahlen der neu ankommenden Geflüchteten aus der Ukraine mit rund 150 pro Tag zwar weiter rückläufig, „aber ein harter Kriegswinter kann das ändern“, sagte Alabali-Radovan dem Redaktionsnetzwerk Deutschland.
Flucht aus Kriegsgebiet: Seit Kriegsbeginn mehr als 7,6 Millionen ukrainische Flüchtlinge registriert
Eine veränderte Fluchtbewegung träfe zunächst den direkten Nachbarn Polen und auch Tschechien, sagte sie. „Wir müssen daher in engem Austausch mit unseren Nachbarländern bleiben und bereit sein zur weiteren Aufnahme von Menschen, die vor Krieg und großer Not aus der Ukraine fliehen.“
Seit dem Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine am 24. Februar wurden europaweit bereits mehr als 7,6 Millionen ukrainische Flüchtlinge registriert. Einige von ihnen kehrten in ihr Heimatland zurück, mehr als 4,2 Millionen Ukrainern wurde ein temporärer Schutzstatus in EU-Ländern zugestanden. Nach Angaben der Internationalen Organisation für Migration (IOM) gibt es zudem fast sieben Millionen Binnenvertriebene in der Ukraine.
Video: Fast eine Million Menschen aus Ukraine zugezogen
Von Jahresbeginn bis September haben nach Angaben des Bundes fast 135.000 Menschen in Deutschland einen Erstantrag auf Asyl gestellt und damit knapp 35 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Zudem müssen Flüchtlinge aus der Ukraine untergebracht werden, die ohne Visum einreisen können und für einen legalen Aufenthalt keinen Asylantrag stellen müssen. Laut offiziellen Angaben wurden mittlerweile mehr als eine Million Flüchtlinge aus dem Kriegsgebiet erfasst. (fmü mit dpa/AFP)
