Der Fotograf Stefanos Paikos macht in seiner Reportage zum Weltflüchtlingstag Verdrängtes sichtbar. Er dokumentiert Routen und Lager.
Frankfurt - Inmitten der Covid-19 Pandemie im Jahr 2020 hatte ich die Idee eines Projekts, das sich mit den Erfahrungen und Perspektiven von geflüchteten Menschen auseinandersetzt. Während die Berichterstattung über die Flüchtlingssituation hauptsächlich die Lage innerhalb Europas beleuchtete, insbesondere nach dem Brand im Flüchtlingslager Moria im September 2020, stellte ich mir die Frage, wie diese Menschen überhaupt nach Europa gelangt sind. Welche Wege haben sie zurückgelegt? Was geschieht an den Grenzen Europas und der Europäischen Union? Um diese Fragen zu beantworten, habe ich beschlossen, eine Flüchtlingsroute bis zu ihrem Ursprung zurückzuverfolgen und die einzelnen Stationen auf dem Weg zu dokumentieren. Das Langzeitprojekt umfasst die Reise von Griechenland über die Türkei und den Iran bis nach Afghanistan, um ein umfassenderes Verständnis der Flüchtlingssituation zu erlangen. Es trägt den Titel: „Reaching for Dusk“.
Die erste Station im Jahr 2021 war die Insel Lesbos. Nach dem Brand im Jahr 2020 und der Umsiedlung der geflüchteten Menschen ins neue Lager Kara Tepe konzentrierte sich meine Arbeit primär auf die Lebensumstände im neuen Lager. Meine griechische Staatsbürgerschaft und meine Sprachkenntnisse haben mir schlussendlich dazu verholfen, ins Lager zu gelangen und dort zu fotografieren. Ein wichtiger Aspekt meines Projekts war es, nicht nur die geflüchteten Menschen zu dokumentieren, sondern auch den Umgang der griechischen Bevölkerung mit den aktuellen Krisen des Landes wie der Flüchtlingskrise, der Corona-Pandemie und der Wirtschaftskrise einzufangen.
Im Jahr 2022 plante ich, mein Fotoprojekt in die Türkei zu erweitern. Ich begann meine Reise in der Grenzstadt Van und reiste weiter durch Assos, eine antike griechische Stadt, die als Ausgangspunkt für die Überfahrt nach Lesbos dient, Edirne, ein Grenzpunkt an der griechischen Landesgrenze am Fluss Evros, und schließlich nach Istanbul. Eine meiner wichtigsten Entdeckungen war das „Flüchtlingshaus“ an der Küste von Assos, das bis heute als provisorische Unterkunft dient.
Obwohl oft über die Situation von Flüchtlingen an den Stränden von Lesbos berichtet wird, gibt es kaum Informationen über die Situation von Geflüchteten auf türkischem Boden. Das verlassene Haus in Assos erwies sich als wichtiger Ausgangspunkt für die Überfahrt nach Lesbos und bot einen neuen Blickwinkel auf die Flüchtlingskrise. In Van, dem ersten Anlaufpunkt für Geflüchtete, die aus dem Iran kommen und das nahezu unüberwindbare Vandogusu-Gebirge zu Fuß überqueren, konzentrierte sich meine Arbeit vor allem auf den „Friedhof der Namenlosen“ und Porträts und Interviews mit Grenzpolizist:innen.
Ich wollte ein detailliertes und umfassendes Bild der Lebensumstände und Herausforderungen der Geflüchteten auf ihrem Weg nach Europa einfangen und der Öffentlichkeit zugänglich machen. Meine vierwöchige Reise endete schließlich in der europäisch-anliegenden Grenzstadt Edirne am Evros, die eine wichtige Rolle in der Flüchtlingsthematik spielt. Bis heute sterben Menschen bei dem Versuch, die Europäische Union zu erreichen, indem sie den Fluss überqueren.
Während meines Aufenthalts in der Türkei war es mir wichtig, mit den Bewohner:innen über die aktuelle Situation im Land zu sprechen, insbesondere über die zu diesem Zeitpunkt bevorstehenden Wahlen, die Hyperinflation und den politischen Einfluss von Recep Tayyip Erdogan. Ich fotografierte und interviewte Menschen aus allen Schichten der Gesellschaft, um ein umfassendes und detailliertes Bild der Herausforderungen und Realitäten der Geflüchteten auf ihrem Weg nach Europa zu erhalten und diese der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.
Mein Langzeitprojekt „Reaching for Dusk“ wird in den kommenden Jahren vor allem in Iran und Afghanistan fortgesetzt. Die Reise wird durch die iranischen Städte Tabriz, Teheran und Yazd sowie die Grenzstadt Zabol führen und schließlich in der afghanischen Stadt Kabul enden. Insgesamt werden dabei etwa 5500 Kilometer zurückgelegt. Dieser Teil des Projekts wird sich auf die Dokumentation der Lebensumstände und Herausforderungen von Geflüchteten konzentrieren, die auf ihrem Weg in die Europäische Union durch diese Regionen reisen.
Flucht und Vertreibung: Die Hölle von Lesbos
Am 8. September 2020 ereignete sich eine humanitäre Katastrophe auf der ägäischen Insel Lesbos, als das Flüchtlingslager Moria in Flammen aufging. Mehr als 12.600 Menschen, die in dem Lager lebten, verloren schlagartig ihre Unterkunft und ihre Existenzgrundlagen. Das Lager befand sich im Landesinneren der Insel, nahe der Stadt Mytilini, und hatte zu seiner Höchstzeit fast 20 000 Bewohner:innen. Es war Europas größtes Flüchtlingslager, und die Bedingungen dort waren jahrelang katastrophal.
Aufgrund der Überfüllung lebten Tausende Menschen in Zelten, notdürftigen Hütten und auf Paletten, ohne Strom und Wasser. Es gab keine ausreichende Hygiene, die Menschen lebten dicht gedrängt und waren oft Regen und Kälte ausgesetzt. Trotz zahlreicher Forderungen von Politiker:innen, Ärzt:innen und NGOs, das Lager zu evakuieren, wurden die Bedürfnisse der Bewohner:innen jahrelang ignoriert. Der Brand in Moria war ein tragisches Beispiel für die mangelnde Solidarität und das Versagen des europäischen Flüchtlingssystems.
Im Norden der Insel, in den Hügeln hinter der Stadt Molyvos, zeigt sich ein beunruhigendes Bild. Zehntausende Rettungswesten liegen hier verstreut und sind ein sichtbarer Beweis dafür. Der größte Teil dieser Westen sind gefälschte Produkte, die in der Türkei zu einem günstigen Preis verkauft werden. Sie sind gefüllt mit Schichten von Plastik, die sich mit der Zeit mit Wasser vollsaugen und zu einem zusätzlichen Gewicht werden. Diese Rettungswesten sind oft die einzigen, die sich viele Geflüchtete leisten können, insbesondere wenn sie mehrfach den Versuch unternehmen, das europäische Grenzgebiet zu erreichen. Auch Kinderwesten sind darunter, die aus Schwimmbädern stammen. Sie sind nicht für den Gebrauch auf einem Boot geeignet und mit einer Warnung versehen: „Schützt nicht vor Ertrinken“.
Milads Geschichte
Im Januar 2023 traf ich mich mit Milad Ebrahimi, einem jungen Mann aus dem Iran mit afghanischen Wurzeln, der durch seine Beteiligung an dem Film „A Short Story of Moria“ bekannt wurde. Mittlerweile lebt Milad, der in der iranischen Großstadt Karadsch geboren wurde, in Hamburg. Wir vereinbarten ein Treffen, um über seine Lebensgeschichte und über seine Reise vom Iran bis nach Deutschland zu sprechen. Als ich Milad das erste Mal traf, sah er nicht aus wie in dem Kurzfilm. Die Jahre und die Erlebnisse hatten ihre Spuren hinterlassen.
Milad ist ein zierlicher Mann mit sanften Gesichtszügen und welligen, pechschwarzen Haaren. Seine Wortwahl ist bedacht und sorgfältig, wenn er über seine Erinnerungen spricht. Dabei vergräbt er oft seine Hände im Gesicht, fast so, als ob er das Erlebte lieber vergessen würde, anstatt es wieder aus seinen Gedanken herauszugraben. Milad hat eine beschwerliche und gefährliche Reise hinter sich, um sein Ziel – Deutschland – zu erreichen.
Aufgewachsen im Iran, fühlte er sich dort nie als vollwertiger Bürger akzeptiert und die rassistischen Demütigungen, die er erfahren hat, trieben ihn dazu, sein Heimatland zu verlassen und nach Deutschland auszuwandern. Er entschied sich für den gefährlichen Weg über das Vandogusu-Gebirge und organisierte sich einen Schlepper, der ihn und eine Gruppe von fast 40 Menschen, mit denen er reiste, über die Grenze schmuggelte.
Im Interview erzählte er von der Organisation der Schmugglerbanden und deren Zusammenarbeit über die Ländergrenzen hinweg. In jeder neuen Stadt musste er einen neuen Fahrer bezahlen, und um nicht betrogen zu werden, gab es auf der Seite der Reisenden einen Mittelsmann, der das Geld verwaltete. Würden sie ihr Ziel nicht erreichen, würde der Fahrer das Geld auch nie bekommen.
Die Reise dauerte fast vier Monate, und während dieser Zeit musste er in Bahnhöfen, Polizeistationen, auf Parkbänken oder der Straße übernachten. Bezahlt, schätzt er, hat er für die Reise 2000 bis 3000 Dollar. In Istanbul angekommen, benötigte er vier Versuche, um die griechische Insel Lesbos zu erreichen. Während seiner gesamten Reise wusste er nicht, was ihn auf der Insel erwarten würde. Bis dahin war Europa für ihn ein Ausweg. Doch dieses Bild änderte sich schlagartig, als er auf Lesbos ankam. Heute sitzt er in einem 14 Quadratmeter großen Zimmer, das er mit einem Mitbewohner teilt, und wartet auf das Urteil, ob sein Asylantrag genehmigt wird.
Spuren des Elends
Der Landkreis Ayvacik, mit seiner antiken Stadt Assos, ist ein beliebter Urlaubsort für wohlhabende Istanbuler:innen, die dem Chaos der Hauptstadt entfliehen wollen. Ein Jahr nach meinem Besuch auf der Insel Lesbos stand ich nun auf der anderen Seite der Meerenge und blickte, wie viele andere vor mir, auf die Insel. Aus Korubasi führte eine steile, etwa fünf Kilometer lange Straße Richtung Meer hinunter.
Am Strand angekommen, war das Areal mit Kleidungsstücken übersät. Der 500 Meter lange Abschnitt war in zwei Bereiche unterteilt, einen kieseligen Strandabschnitt direkt am Wasser und einen hinteren Bereich mit Gras. Diese Bereiche waren durch Olivenbäume und Büsche voneinander getrennt.
Es war offensichtlich, dass viele Menschen diesen Ort passiert haben mussten, da die Menge an zurückgelassenen Gegenständen wie Hosen, Unterwäsche, Büstenhaltern, Schuhen und sogar zerstörte Schlauchboote darauf hindeutete. Am Ende der Grünfläche, umgeben von Olivenbäumen, erhoben sich zwei unvollendete Häuser. Beide waren offensichtlich von ihren Besitzern verlassen worden. Der Zustand der Gebäude war desolat, die Innenräume waren mit zurückgelassenen Habseligkeiten überfüllt und der Zugang war erschwert.
Im ersten Haus türmten sich leere Trinkflaschen und Kleidungsstücke in den oberen Räumen auf. Das Nachbargebäude war nur über einen zusammengebrochenen Dachstuhl zugänglich. Im Inneren war alles von Rauch und Brandflecken gezeichnet, offenbar hatten die Bewohner:innen Lagerfeuer entfacht, um sich in den kalten Wintermonaten zu wärmen.
Dieser verlassene Ort am Strand von Korubasi ist ein beunruhigender Hinweis auf die Lebensbedingungen, die die Geflüchteten hier durchgemacht haben müssen, bevor sie ihre gefährliche Überfahrt auf die Insel Lesbos unternahmen.
Heikler Zwischenstopp
Im Jahr 2023 steht die Türkei noch stärker im globalen Fokus, da sie ein bedeutendes Jubiläum feiert. Die Republik wird 100 Jahre alt. 1923 entstand das Land aus dem Osmanischen Reich heraus. Unter dem Gründervater Mustafa Kemal Atatürk wurden grundlegende demokratische Strukturen nach westlichem Vorbild geschaffen und die Säkularisierung vorangetrieben. Dies änderte sich jedoch unter der Führung von Recep Tayyip Erdogan grundlegend. Der aktuelle Staatspräsident ist politisch angeschlagen. Historisch hohe Inflationsraten und eine allgemein schwierige wirtschaftliche Lage für die Bevölkerung haben die Beliebtheit des Amtsinhabers erheblich sinken lassen. Die Inflation in der Türkei hat etwa im September 2022 einen neuen Höchststand erreicht, mit 83,45 Prozent, dem höchsten Wert seit 24 Jahren. Expert:innen gehen sogar davon aus, dass die jährliche Inflation bei 186,27 Prozent liegt.
In Bezug auf die Beziehungen zwischen der Türkei und Europa hat der türkische Präsident Erdogan in der Vergangenheit immer wieder damit gedroht, die Grenzen für Geflüchtete nach Europa zu öffnen. Dies dient als politischer Druck auf die EU und kann potenziell zu einer humanitären Krise führen, da es eine große Anzahl von Geflüchteten gibt, die in der Türkei leben und versuchen, nach Europa zu gelangen.
Eine wichtige Rolle hat auf den Routen der Flüchtlinge die Stadt Tatvan. Sie wird oft von Migrant:innen als Zwischenstopp nach Ankara genutzt. Dort erhebt sich auch das Vandogusu-Gebirge, das Geflüchtete zu Fuß vom Iran aus überqueren. Viele kommen bei dem Versuch ums Leben.
Leben in der Illegalität
Die türkische Stadt Van, gelegen in der Region Ostanatolien am Ostufer des Van-Sees nahe der iranisch-türkischen Grenze, dient als erste Anlaufstation für Geflüchtete, die aus dem Iran kommen. Seit 2021 hat die türkische Regierung begonnen, eine 534 Kilometer lange Grenzmauer zum Iran in der Nähe der Grenzstadt zu errichten.
In gebirgigen Gebieten sollen Wärmebildkameras und Drohnen helfen, illegal einreisende Menschen und Schleuser aufzuhalten. Trotz der Tatsache, dass die Türkei finanzielle Unterstützung für die Aufnahme von Geflüchteten erhält, setzt sie Migrant:innen an der Grenze zurück, ohne ihre Ansprüche auf internationalen Schutz zu prüfen.
Die Türkei hat weltweit die meisten Geflüchteten aufgenommen, geschätzte 3,9 Millionen Menschen. Diejenigen, die es über die Grenzen schaffen, müssen in Illegalität und auf der Straße leben. Ein Friedhof der „namenlosen Toten“ in Van zeigt das Elend dieser Art von Migration. Hier ruhen diejenigen, die nach ihrem Tod in den Bergen gefunden wurden.
Ort der Trauer
Am östlichen Ende des Seyrantepe-Friedhofs in Van befindet sich der „Friedhof der Namenlosen“. Jedes Jahr sterben unzählige Geflüchtete auf dem gefährlichen Weg über die Berge. Die Toten werden am Rande von Van auf dem „Friedhof der Namenlosen“ beigesetzt. Pro Familie, die über die Grenze gebracht werden, müssen die Geflüchteten 1000 bis 1500 US-Dollar für die Strecke Afghanistan–Istanbul bezahlen. Auch, um Grenzbeamte zu bestechen.
Ohne Strom im Zelt 898
Eines Abends auf der Insel Lesbos fiel mir auf Instagram ein Beitrag einer Person auf, die aus dem Inneren des neuen Lagers Kara Tepe berichtete, dass der Strom im Camp ausgefallen sei. Ich kontaktierte diese Person und arrangierte ein Treffen für den nächsten Morgen auf dem Parkplatz eines Supermarktes neben dem Camp. Vor Ort traf ich Mohammed B (34), seine Frau Layla (32) und ihren gemeinsamen Sohn Jabdad (8) an. Zu meinem Erstaunen konnte Mohammed fließend Deutsch sprechen.
Auf dem Parkplatz erzählte er mir, dass er vor vier Jahren aus Afghanistan vor den Taliban geflüchtet war. Er reiste damals mit seinem erstgeborenen Sohn von Afghanistan über den Iran und die Türkei, durch Bulgarien, Serbien, Ungarn und Österreich bis nach Augsburg. Die letzte Strecke von Istanbul bis nach Deutschland ging er zu Fuß. Nach seiner Aussage brauchte er ungefähr einen Monat. In Deutschland angekommen, entschloss sich Layla, die noch in Kabul lebte, den gleichen Weg mit ihrem zweitgeborenen Sohn Jabdad zu gehen.
Mohammeds Zeltnummer war die 898, direkt am Wasser in der Nähe der Sanitäreinrichtungen, deren Abwasser neben ihrem Zelt ins Meer geleitet wurde. Es roch stark, und die Dichte an Menschen im Camp war enorm. Nachts, erzählte mir Mohammed, wurde es so laut, dass die Bewohner:innen kaum schlafen konnten. Er und seine Frau nahmen Medikamente, um zumindest einige Stunden Schlaf zu bekommen. (Stefan Paikos)









