VonSteven Mickschschließen
Einschnitte bei der Beratung geflüchteter Menschen bedeuten weniger Hilfe - und das bedeutet Folgekosten.
Thomas Brandt legt zwei Bilder, mit Buntstiften gemalt auf gelbem Papier, auf den Tisch. Das eine zeigt traurige Gesichter, ein diagonales Kreuz, das wie eine Barriere zwischen den Menschen wirkt, alles ist einfarbig. Das andere Bild ist farbenfroh, die Sonne scheint – und eine Familie steht Hand in Hand neben einem Haus. Gemalt hat die Bilder ein vierjähriges afghanisches Kind, dessen geflüchtete Familie erst vor kurzem wieder in Hessen zusammen fand. Solche Bilder geben den Beschäftigten des Frankfurter Arbeitskreises Trauma und Exil, kurz Fatra, Kraft. Doch angesichts der drohenden Kürzungen durch den Bund könnten solche Zeichnungen bald zur Seltenheit werden.
80 000 Euro werden der Einrichtung künftig fehlen, erklärt Brandt, der im Verein die Koordination und Öffentlichkeitsarbeit übernimmt. Die fehlende Summe würde dazu führen, dass etwa 60 Prozent weniger geflüchtete Familien beraten und therapiert werden können. Gut eineinhalb Stellen fielen weg, 400 Beratungsstunden im Jahr.
Die Kürzung kommt aus heiterem Himmel. 2023 war das Budget sogar noch erhöht worden, nachdem es von 2016 bis 2022 unverändert geblieben war – trotz Kostensteigerungen. Werden die neuen Kürzungen Realität, liege das vom Bund zur Verfügung gestellte Budget sogar unter dem Wert von 2016.
„Viele haben in ihrem Land Gewalt erfahren“
Dabei ist der Bedarf an psychosozialer Beratung für Geflüchtete in Hessen nicht weniger geworden. Noch immer kommen Menschen aus Syrien, Afghanistan, der Ukraine oder anderen Krisengebieten der Welt nach Deutschland. „Viele haben in ihrem Land Gewalt erfahren“, sagt Barbara Wolff, Vorstandsvorsitzende bei Fatra. Das bedeutet: Vergewaltigung, Folter und Narben – physisch wie psychisch.
Um letztere kümmern sich die Beraterinnen und Berater des Arbeitskreises. Eine von ihnen ist die Psychologin Gabriela Garcia Pérez. „Die Menschen werden in ihrem Land wegen ihrer Religion, ihrer sexuellen Orientierung oder ihrem politischem Aktivismus verfolgt“, berichtet sie. Einige haben Familienangehörige sterben sehen, andere haben selbst getötet, weil sie Kindersoldaten in Uganda waren. Auch auf der Flucht widerfahre ihnen Traumatisierendes.
20 bis 25 Stunden Beratung bekommen sie bei Fatra, fast alle bräuchten mehr. Zwar versuche man weitere Angebote, unter anderem auch bei niedergelassenen Ärzt:innen, zu vermitteln, doch die Plätze sind rar. Manche Hilfesuchenden kommen nach Jahren wieder und fragen erneut nach einer Beratung.
Aus der Beratung: Mit 14 Jahren geflüchtet
Ein 17-jähriger Mann wird vom pädagogischen Personal einer Unterkunft bei uns angemeldet, da er seit Wochen auffällig sei und sich nur noch zurückziehe. In der Beratung berichtet er stockend seine Geschichte: Er kommt aus einem Land am Horn von Afrika und habe miterleben müssen, wie sein Vater vor seinen Augen ermordet wurde. Er, damals 14 Jahre alt, und ein entfernter männlicher Verwandter hätten sich auf die Flucht begeben. Auf seiner Flucht durch die Wüste seien sie getrennt worden. In Libyen gerät er in Razzien, wird inhaftiert und während der Haft körperlich misshandelt. Schließlich gelingt ihm die Flucht übers Mittelmeer und nach Deutschland. Hier ist er zunächst hochmotiviert, Deutsch und einen Beruf zu erlernen, um seine Mutter und die Schwestern zu Hause unterstützen zu können. Dann gerät er in eine Polizeikontrolle. Obwohl er gültige Ausweispapiere dabeigehabt habe, habe er sich wieder wie in Libyen bedroht gefühlt. In diesem Moment habe er sich „wie in einem Film“ wieder in der damaligen Situation gewähnt. Seither habe er Angst, auf die Straße zu gehen und besuche seinen Deutschkurs nicht mehr. Er schäme sich wegen seiner Ängste. In unserer Beratung kann er über seine Scham und seine Ängste sprechen. Nach einigen Wochen ist er wieder in der Lage, seinen Deutschkurs zu besuchen.
Aufgezeichnet von Fatra e.V.
Dabei sind es nicht nur die Gewalterfahrungen, welche die geflüchteten Menschen umtreiben, erklärt Wolff. Eine Vielzahl von Problemen kumulierten sich bei den meisten zur psychischen Belastung. Das fremde Land, enge Wohnverhältnisse, mangelnde Integration, keine Arbeit. Gerade für Familien, auf die sich Fatra mit spezialisiert hat, bedeute das große Herausforderungen. Die Väter litten unter dem Statusverlust, die Mütter hätten eigene Traumata oder Belastungen. Die Eltern könnten dadurch nicht sensibel für die Bedürfnisse der Kinder sein, so leide die ganze Familie. „Begleitete Jugendliche werden oft übersehen“, sagt Brandt. Durch die Kürzung der Mittel werde die Familienberatung extrem schrumpfen.
Und was droht, wenn die psychosoziale Arbeit abnimmt? Wolff mag es sich nicht ausmalen und nennt nur die Fakten. Einige der Menschen seien suizidal. Viele andere litten unter Angstzuständen und hätten Konzentrations- und Schlafstörungen. Blieben diese bestehen, könnten sie ihrer Arbeit oder der Schulpflicht nicht effektiv nachkommen. Auch Substanzmissbrauch könne die Folge sein. Generell werde die gesunde Entwicklung gestört und psychosomatische Erkrankungen könnten nicht ausgeschlossen werden. Das werde das Gesundheitssystem belasten. „Unsere Arbeit ist eine Investition in die Zukunft“, fasst es Wolff zusammen. Alles andere würde wieder zu Folgeproblemen und -kosten führen.
Auch die Angebote für geflüchtete Menschen im Evangelisches Zentrum Am Weißen Stein in Frankfurt sind von den Kürzungen betroffen. Es bildet gemeinsam mit Fatra und dem Sigmund-Freud-Institut Frankfurt den Psychosozialen Verbund Rhein-Main. Dieser ist eines von vier Psychosozialen Zentren in Hessen, die vom Hessischen Ministerium für Soziales und Integration gefördert werden.
Am Weißen Stein werden 3,5 Vollzeitstellen mit den Bundesmitteln finanziert, erklärt Anja Frank-Ruschitzka. Eine Kürzung dieser Mittel um 60 Prozent würde bedeuten, dass etwa 500 Personen weniger erreicht würden. Nicht nur im psychotherapeutischen Bereich, sondern auch in der Asylverfahrensberatung, auf die sich das Evangelische Zentrum spezialisiert hat und für die es eine enorm hohe Nachfrage gebe. Es zeichnet sich ein düsteres Bild für die Versorgung von geflüchteten Menschen ab. Fast wie jenes, das das vierjährige Kind aus Afghanistan malte.
Aus der Beratung: Traumatisierte Eltern
Die Familie M., bestehend aus Vater, Mutter und ihren drei kleinen Kindern, kam vor sieben Monaten in Deutschland an. Ihre Flucht aus Afghanistan war von lebensgefährlichen Situationen geprägt. In Afghanistan sowie während ihrer Flucht musste die Familie schreckliche Erlebnisse verkraften, die tiefe seelische Traumata hinterlassen haben. Nach drei Monaten in Deutschland erreichte Frau M. eine erschreckende Nachricht: Ihre Mutter, ihre Schwester und deren Familie, bestehend aus Ehemann und zwei kleinen Kindern, sind nur wenige Kilometer vor der italienischen Küste im Mittelmeer ertrunken. Frau M wurde durch ihre Cousine bei Fatra e. V. angemeldet. Wir boten ihr umgehend eine schnelle Krisenintervention an. Zu Beginn der Beratung zeigte sich, wie stark die Last der traumatischen Erfahrungen aus Afghanistan und der Flucht war und wie schmerzlich die familiären Verluste auf Frau M. drückten. Schlafstörungen, starke Gefühle der Schuld, Hoffnungslosigkeit und Sinnlosigkeit, verbunden mit Suizidgedanken, plagten sie. Während des ersten Gesprächs wurde offensichtlich, dass auch der Ehemann Unterstützung benötigte. Die Kinder wurden ebenfalls bei Fatra gesehen. Zahlreiche Weitervermittlungen wurden initiiert, darunter eine ambulante psychiatrische Versorgung für die Mutter sowie eine Beratung im Asylverfahren für die gesamte Familie. Im Laufe einiger Monate andauernder Beratung erlangten beide Eltern eine deutlich stabilere Verfassung, von der auch die Kinder profitieren konnten.
Aufgezeichnet von Fatra e.V.
