Der Konfliktforscher Hein Goemans stuft die Panzerlieferungen Deutschlands und der USA an die Ukraine als einen Wendepunkt des Krieges ein.
Rochester/Berlin/London - «Mit dieser Entscheidung scheint der Westen den Rubikon überschritten zu haben», sagte der Professor für internationale Politik an der Universität Rochester im US-Staat New York der Deutschen Presse-Agentur. «Der Westen verfolgt nicht länger die Linie, dass die Ukraine nicht verlieren darf. Er verfolgt jetzt das Ziel, dass die Ukraine gewinnen muss.» Der Niederländer Goemans ist ein international renommierter Experte, der sich insbesondere mit der Frage beschäftigt hat, wie militärische Konflikte beendet werden. Sein Buch «War and Punishment» gilt als Standardwerk auf diesem Forschungsfeld.
Das entschlossene und koordinierte Vorgehen der USA, Deutschlands und anderer westlicher Staaten sei auf jeden Fall die richtige Vorgehensweise, sagte Goemans. Artikel 51 der Charta der Vereinten Nationen räume jedem UN-Mitglied das Recht auf Selbstverteidigung ein. «Diejenigen, die vor einer „Eskalation“ warnen und darum keine Leopard-2-Panzer in die Ukraine schicken wollten, scheinen dieses Recht einschränken zu wollen. Das wäre ein äußerst gefährlicher Präzedenzfall. Damit würde der Aggressor - Russland - bestätigt.»
Von den Drohungen, die Russland jetzt ausstoße, dürfe man sich nicht beeindrucken lassen, sagte Goemans. «Russland kommuniziert immer über Drohungen. Es begann den Krieg mit Drohungen und hat nie damit aufgehört. Bisher waren es jedoch leere Drohungen - Bluff. Russland hat in der Vergangenheit zur Genüge bewiesen, dass ein Einknicken nur weitere Drohungen und noch mehr Forderungen nach sich zieht.» Das müsse man durchschauen. «Russland - mit anderen Worten Wladimir Putin - versteht nur eine Sprache: kollektives Handeln und Unterstützung der Ukraine. Verhandlungsangebote haben hingegen keinerlei Wirkung.»
Die gemeinsame Panzer-Lieferung der Verbündeten sei nicht nur militärisch, sondern auch politisch von großer Bedeutung. Das Signal, das davon ausgehe, sei, dass Putin den Westen nicht spalten könne. «Das ist wichtig, denn Putins Hoffnung auf einen Sieg hängt davon ab, wie sich der Westen verhält», sagte Goemans. «Gegen einen Westen, der geschlossen hinter der Ukraine steht, hat Russland mittel- und langfristig keine Chance.»
Deutschland, die USA und andere Verbündete hatten am Mittwoch angekündigt, dass sie die Ukraine mit weit mehr als 100 Kampfpanzern westlicher Bauart unterstützen wollen. Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) sagte der Regierung in Kiew 14 Leopard-2-Panzer aus Bundeswehrbeständen zu, US-Präsident Joe Biden kündigte die Lieferung von 31 M1 Abrams an.
Einschätzung: Mehr Truppen werden nach Belarus geschickt
Großbritannien rechnet damit, dass Russland weitere Einheiten zur Ausbildung und zur Auffrischung ins Nachbarland Belarus schickt. Die 2. Garde-motorisierte-Schützendivision habe ihr Training offensichtlich abgeschlossen und werde vermutlich bald wieder in die Kämpfe in der Ukraine geschickt, teilte das Verteidigungsministerium in London am Donnerstag unter Berufung auf Geheimdiensterkenntnisse mit. Russland werde das Modell vermutlich fortsetzen, um so seine Kräfte in der Ukraine aufrechtzuerhalten.
Die nun in Belarus trainierte Division habe zu Kriegsbeginn heftige Verluste erlitten, hieß es weiter. «Sie besteht nun hauptsächlich aus mobilisierten Soldaten mit älterem Gerät, das aus Lagern stammt. Ihre Kampfkraft wird trotz mehrwöchiger Ausbildung wahrscheinlich begrenzt sein», so das Ministerium.
Das britische Verteidigungsministerium veröffentlicht seit Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine unter Berufung auf Geheimdienstinformationen täglich Informationen zum Kriegsverlauf. Damit will die britische Regierung sowohl der russischen Darstellung entgegentreten als auch Verbündete bei der Stange halten. Moskau wirft London eine Desinformationskampagne vor. (dpa)