Proteste

Plünderungen auf der Prachtstraße

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Protestierende (hinten) fliehen in der Nacht zu Sonntag vor den Schwaden einer Tränengasgranate, die die Polizei (vorne) in eine Straße in Paris geschossen hat.
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Die Proteste nach dem Tod des 17-jährigen Nahal M. verlieren ihre politische Motivation. Jetzt geht es um Party und Plündern. Die Regierung muss aber Frieden stiften. Präsident Macron sagt seine dreitägige Deutschland-Reise ab.

Alles ist relativ – auch die Krawalle in Paris. Innenminister Gérald Darmanin sprach am Sonntag von einer „ruhigeren Nacht“. Zu verdanken sei dies dem „entschlossenen Vorgehen der Polizei“, fügte der Minister an, dessen Regierung unter starkem politischen Druck steht. Im Ballungsraum Paris, wo über zehn Millionen Menschen leben, kamen zusätzliche Hubschrauber zum Einsatz. Sie erlaubten es den Bodentruppen – Polizei und paramilitärische „Compagnies républicaines de sécurité (CRS)“ –, die Bewegungen der äußerst mobilen und offenbar sehr entschlossenen Stadtguerilleros zu verfolgen.

In der südfranzösischen Metropole Marseille, einem wichtigen Ankunftsort nordafrikanischer Einwanderer:innen, setzte die Polizei erstmals gepanzerte Fahrzeuge ein. Rund um den alten Hafen lieferten sich vermummte Jugendliche stundenlange Straßenschlachten mit der Polizei. Wie in der Nacht zuvor standen landesweit 45 000 Polizisten und mehrere Tausend Feuerwehrleute im Einsatz. Nachdem die Krawalle im Verlauf der Woche auf Vororte der belgischen Hauptstadt Brüssel übergegriffen hatten, kam es am Wochenende auch in der frankophonen Westschweiz zu Krawallen.

In Frankreich gab es in der Nacht auf Sonntag offiziell 719 Festnahmen, knapp die Hälfte davon in der Hauptstadt. Diese Zahlen zeugen von einem gewissen Rückgang der Gewalt, die nach dem Tod eines 17-jährigen Autofahrers nordafrikanischer Herkunft durch einen Polizeischuss ausgelöst wurde. In den beiden Vornächten waren jeweils mehr als 1000 Randalierer – am Samstag deren 1311 – festgenommen worden.

Ruhig verlief am Samstag die Beisetzung von Nahel M. in seinem Wohnort Nanterre westlich von Paris. In der Universitätsstadt, wo 1968 die historischen Maiunruhen begannen, versammelten sich mehrere Hundert Trauergäste; viele nahmen an einer Abdankung in der örtlichen Moschee teil.

Während die Zahl der Festnahmen rückläufig ist, haben allerdings die Intensität und der Gewaltpegel der Krawalle bis in kleine Provinzstädte erneut zugenommen. Im Pariser Vorort L’Haÿ-les-Roses wurde ein brennendes Fahrzeug einem Rammbock gleich während der Nacht in das Wohnhaus des Bürgermeisters gestoßen. Die Polizei fand in dem Schrottauto später Brandbeschleuniger in Flaschen.

Bürgermeister Vincent Jeanbrun, das offensichtliche Ziel der Attacke, war aber gar nicht anwesend, da er die Nächte im Rathaus verbringt, um Rettungsaktionen zu koordinieren. Seine Frau und die fünf- und siebenjährigen Kinder mussten hingegen durch eine Hintertür aus dem brennenden Haus fliehen – sie wurden von Angreifern bis in den Garten verfolgt. Die Mutter wurde mit einem Knochenbruch ins Krankenhaus eingeliefert; auch ein Kind wurde verletzt.

Andere Berichte zeugen ihrerseits von der Gewaltzunahme. Bei Pontoise im Norden von Paris stoppten Jugendliche mehrere Fahrzeuge, die sie sodann mit schweren Steinen bewarfen. Eine Frau erzählte, ein Jugendlicher habe ihre Rückscheibe zertrümmert und erst davon abgelassen, als er einen Säugling auf der Rückbank bemerkte.

Neu hinzu kommen nun auch Plünderungen von Supermärkten und Einkaufszentren. Aus dem ganzen Land mehren sich Kurzvideos koordinierter Attacken, aber auch von erwachsenen Spontiprofiteuren, die in die teils brennenden Läden eindringen und sie mit Kleidern, Elektrogerät oder Handys unterm Arm verlassen. Der spektakulärste Angriff fand auf einen Nike-Store mitten in Paris statt.

In Nizza feiert die Jugend den Aufstand auf den Straßen mit Krachern.

Entlang von Ladenstraßen wie der Pariser Prachtavenue Champs-Elysées vernageln viele Gewerbetreibende nun ihre Schaufenster mit Holzbrettern. Das hält die gezielt vorgehenden Jugendlichen aber nicht ab. Oft machen sie die Überwachungskameras mit Sprühfarbe blind, bevor sie die Schaufenster einwerfen oder die Holzverschalungen abreißen. Die Polizei kommt meist zu spät, und wenn nicht, wird sie mit Feuerwerksböllern so massiv eingedeckt, dass sie zurückweichen muss.

Finanzminister Bruno Lemaire gab am Samstag bekannt, dass in Frankreich mehr als 700 Läden und Märkte, aber auch Restaurants und Bankfilialen geplündert worden seien. Präsident Emmanuel Macron sagte am Samstag nach einer Besprechung mit Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier seinen dreitägigen, sehr symbolischen Staatsbesuch beim Nachbarn ab.

Innenpolitisch ist der französische Präsident unter Druck, da die Rechte die Ausrufung eines Nationalen Notstands verlangt und andere Aktionen zur Wiederherstellung von Recht und Ordnung – manche reden gar vom Einsatz der Armee.

Macron hatte am Freitag die Eltern beteiligter Jugendlicher aufgerufen, ihre Sprösslinge besser zu überwachen. Auch könnten die Behörden bald Handy-Apps wie Snapchat oder Tiktok sperren. Dort zirkulieren nämlich Aufrufe zur Sammlung vor Ladengeschäften oder zur taktischen Zusammenrottung gegen die Polizeikräfte.

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