Die französische Rechtspopulistin Marine Le Pen gibt sich betont proisraelisch. Hinter dem offiziellen Parteikurs gibt es aber auch Sukkurs für die Palästinenser – aus purem Antisemitismus.
Paris – Wir stehen mehr denn je auf der Seite der israelischen Demokratie“, wiederholt Marine Le Pen seit Tagen. „Die Sicherheit des israelischen Volkes ist nicht verhandelbar.“ Was die Gründerin des Rassemblement National (RN) da im Brustton der Überzeugung deklamiert, ist gar nicht so selbstverständlich: Ihre Bewegung hat tiefe antisemitische Wurzeln. Ihr Vater Jean-Marie Le Pen wurde deshalb mehrfach verurteilt, so etwa, als er die Gaskammern des Zweiten Weltkriegs als „Detail der Geschichte“ abtat. Der von ihm 1973 gegründete Front National (FN), der dem RN vorausging, war ein Sammelbecken von Ex-Nazis, Vichy-Anhängern und Mitgliedern der gewalttätigen Studentengruppe Groupe Union Défense (GUD). Diese war schon in den 90er Jahren mit dem Slogan aufgefallen: „In Paris und in Gaza – Intifada!“
Nach dem Hamas-Terror von vor vier Wochen twitterte die Pariser GUD-Sektion: „Weder Kippa noch Kippa“. Dieser absurd klingende Slogan nimmt Bezug auf die alte rechtsextreme Losung „weder Kippa noch Keffieh“ (das Palästinensertuch) und tut unverhüllt die Ablehnung Israels kund.
Rechtspopulisten in Frankreich: Mix aus Antisemitismus und pro-israelischer Haltung
Das RN stellt jede Nähe zu den GUD-Extremisten in Abrede. Marine Le Pen treibt ihre Strategie der politischen Mäßigung und Banalisierung ihrer Thesen sehr zielgerichtet voran, um bei den nächsten Präsidentschaftswahlen 2027 mehrheitsfähig zu werden. Dazu gehört auch ihr proisraelischer Kurs. So nahmen Mitte Oktober acht RN-Abgeordnete in Paris an einer großen Kundgebung des Dachverbandes der französischen Juden (Crif) teil. Sie wurden dort geduldet, was für sie schon ein Erfolg war: Vor fünf Jahren war Marine Le Pen an einer Versammlung nach dem Mord an einer Jüdin noch ausgebuht und weggedrängt worden. Doch auch jetzt beherrscht das französische Judentum ein starkes Misstrauen gegenüber Le Pen & Co. Ihre fast mantramäßigen Beteuerungen kontrastieren mit der Haltung der Basis. Laut Umfragen glaubt man im RN an mehr antisemitische Stereotypen – Reichtum, Medienmacht, Freimaurertum – als in anderen Parteien.
Le Pen selbst wettert gerne über islamistische Attentate auf Juden, unterschlägt aber opportunistisch die rechtsextremen Attacken mit gleichem Ziel. Sie behauptet, sie habe ihre Partei von jeder Art von Faschos gereinigt. Pariser Medien fragen allerdings, ob Le Pens „GUD-Connection“ wirklich beendet sei. Im Frühjahr wurde bekannt, dass die zwei prominenten GUD-Mitglieder Frédéric Chatillon und Axel Lousteau Spitzenkandidatin Le Pen bis vor wenigen Jahren persönlich assistiert hatten.
Heute bezieht die dem GUD zugeordnete Webseite VoxNR im Nahostkonflikt klar Stellung: Israel wird als „Schurkenstaat“ verunglimpft; dagegen heißt es, Frankreichs „Nationalrevolutionäre“ (NR) stünden „auf der gleichen Seite wie die Palästinenser“. Nicht von ungefähr übernahm VoxNR einen Aufruf für eine vor allem von der Linken getragenen Palästina-Demo von Samstag – inklusive Slogan „Von Paris bis Gaza – Widerstand!“
Der Extremismusexperte Jean-Yves Camus erinnert daran, dass der Nahostkonflikt die französische Rechte schon immer gespalten hat. Aus Islamophobie und Antikommunismus hätten im vergangenen Jahrhundert Einzelne auf das westlich orientierte Israel gesetzt; andere seien aus Judenhass für die Palästinenser eingetreten und hätten das Verschwinden Israels propagiert.
Vor dem Gaza-Krieg: Die Geschichte des Israel-Palästina-Konflikts in Bildern
Rechte Szene in Frankreich: Antisemitisch, aber auch pro-israelisch
Heute „unterstützen sie aus Antisemitismus sogar die Hamas“, stellt die liberale Pariser Zeitung „L’Opinion“ voller Verblüffung fest. Der Chef des ultrarechten Parti de la France, Thomas Joly, wirft den Lepenisten vor, sie betätigten sich mit ihrem proisraelischen Kurs als „Sprecher von Zahal“, also der israelischen Armee. Im Präsidentschaftswahlkampf von 2022 hatte Joly den Rechtsaußen Eric Zemmour unterstützt. Jetzt weicht er wieder von ihm ab, weil Zemmour nach dem 7. Oktober Israel besucht und den Judenstaat als Hort gegen den internationalen Islamismus gepriesen hat.
In letzter Konsequenz gehen diese Querelen, Ambivalenzen und Widersprüche zum neuen Nahostkrieg auf das Grunddilemma der französischen Rechtsextremen zurück: aus Antisemitismus für die Hamas oder aus Islamfeindlichkeit für Israel? Einige können sich gar nicht entscheiden zwischen den beiden Hasshaltungen.