VonStefan Brändleschließen
Macrons Regierung führt mit dem Verbot der traditionellen islamischen Kleidung eine Neuauflage der alten Kopftuchdebatte ein. Proteste werden kaum ausbleiben.
Paris – Frankreichs Bildungsminister Gabriel Attal hat in der vergangene Woche bekannt gegeben, dass die Abaya, ein traditionelles arabisches Überkleid für Frauen und Mädchen, als religiöses Bekleidungsstück anzusehen sei – und daher an Schulen künftig nicht mehr toleriert werde. Nach einem Streit über das islamische Kopftuch sind seit 2005 „ostentative“ Religionssymbole, wie auch die jüdische Kippa oder christliche Kreuze, an französischen Schulen verboten.
Viele Rektor:innen reagierten nun erleichtert auf die Klarstellung, die von Präsident Emmanuel Macron ausgeht. Der bisherige, im Juli abgelöste, Minister Pap Ndiaye hatte ihnen die Entscheidung überlassen. Viele waren unsicher, wie sie auf die zunehmende Zahl von Abayas reagieren sollten. An einzelnen Banlieue-Schulen trugen sie über hundert Mädchen, sagte ein Lehrer in einem Interview. Das männliche Pendant, der luftige, ebenfalls bis an den Boden reichende Qamis sei weniger verbreitet.
Diskussion um Abaya-Verbot: Die meisten Schülerinnen richten sich nach der neuen Regel
Das neue Verbot wurde am Montag ersten Rückmeldungen nach, wie seinerzeit das Kopftuchverbot, relativ gut befolgt. Einzelne Mädchen erschienen zwar in der Abaya am Schuleingang, entledigten sich dort aber des Übergewandes, unter dem sie eine normale Kleidung trugen. Auf dem Portal X (ehemals Twitter) gab es Hashtags wie „Zeig dich zum Schulbeginn in der Abaya“. Auch viele der Posts riefen aber nicht offen zur Nichtbefolgung auf; vielmehr gab eine männliche Stimme die Anweisung, „Schwestern“ sollten die Abaya auf Gürtelhöhe in zwei Teile schneiden, womit das Kleid nicht mehr als Abaya gelte; der männliche Qamis sollte zum Betreten des Schulareals mit einem – an sich unüblichen – Gürtel umschnallt werden.
In den sozialen Medien, aber auch in der Nationalversammlung in Paris, kochte die Debatte jedoch seit Tagen hoch, ob eine Abaya tatsächlich ein religiöses Kleid sei. Selbst in der muslimischen Gemeinschaft herrscht Uneinigkeit. Der französische Rat des muslimischen Kultes (CFCM) hatte in einem Communique festgehalten: „In der islamischen Tradition ist ein Bekleidungsstück grundsätzlich kein religiöses Symbol.“ Die feministische Imamin Kahina Bahloul erwiderte, die Abaya stelle auf jeden Fall ein „politisches Projekt“ dar. Aus diesem Grund unterstützt Bahloul das Abaya-Verbot an den Schulen.
Auf religiösen Internetseiten wie „Ajib.fr“, die unter anderem Musliminnen zum richtigen Verhalten anhält, heißt es: „Die Abaya entspricht den Anforderungen des Islam“. Und: „Jeder Muslim muss sich von Ungläubigen in jeder Beziehung unterscheiden, also auch in seiner Bekleidung“.
„Bekleidungspolizei“ in den Schulen Frankreichs: Vorwürfe gegen Macron
Hochumstritten ist der Symbolgehalt der weiblichen Abaya und des männlichen Qamis auch in politischen Parteien. Linken-Sekretär Manuel Bompard erklärte, seine Partei werde das neue Verbot vor dem Staatsrat anfechten. Frankreich brauche auch an Schulen keine „Bekleidungspolizei“, fügte seine Parteifreundin Clémentine Autain an.
Nuancierter reagierten die Sozialdemokraten, die traditionell der Laizität verbunden sind, und das Kopftuch- und das Burkaverbot mitgetragen haben. Sie lehnen das Verbot nicht offen ab, werfen Macron aber vor, er versuche mit einem härteren Immigrationskurs die konservativen Republikaner auf seine Seite zu ziehen, da er in der Nationalversammlung keine Mehrheit habe.
Attal gab am Montag auch bekannt, dass er im Herbst ein breites Experiment mit Schuluniformen durchführen werde. Das ist eine alte Forderung der Konservativen. Die Rechtsextremistin Marine Le Pen führt indessen eine andere Debatte: Seit den jüngsten Banlieue-Krawallen verlangt sie eine Volksabstimmung über die Immigration. (Stefan Brändle)
