VonFlorian Naumannschließen
Emmanuel Macron hat die erste Runde der französischen Präsidentschaftswahl gewonnen - doch Marine Le Pen fährt ein Rekordergebnis ein. Was das für die Stichwahl bedeutet.
Paris/Berlin - Frankreich hat gewählt - allerdings noch nicht final: Am 24. April geht das Land mit Amtsinhaber Emmanuel Macron und der Rechtspopulistin Marine Le Pen in die Präsidentschafts-Stichwahlen. Vor der Entscheidung scheint einiges für einen Erfolg Macrons zu sprechen. Unter anderem das Ergebnis vom Sonntagabend (10. April) - schon erste Hochrechnungen und Prognosen sahen ihn überraschend klar in Führung.
Doch sicher fühlen kann Macron sich wohl noch nicht. Denn Experten halten Leihstimmen für Le Pen auch von unerwarteter Seite für möglich. Sie deutete schon in ihrer Rede am Wahlabend eine durchaus brisante Strategie an: Die Rechte gab sich vor allem betont sozial. Diese Flanke hatte Macron im Wahlkampf - und seiner Amtszeit - offen gelassen. Nun könnten enttäuschte Linke das Zünglein an der Waage werden. Für die eine oder die andere Seite.
Frankreich-Wahl: Fast 50 Prozent für „Extreme“ - Macron vor heiklem Stichwahlgang
Die Frankreich-Expertin Ronja Kempin zog kurz nach Verkündung der ersten Prognose ein durchaus alarmiertes Fazit. Mit Le Pen, ihrem rechtsextremen Kontrahenten Eric Zémmour und dem Linkspopulisten Jean-Luc Mélenchon hätten „extreme Politikerinnen und Politiker“ mehr als 50 Prozent der abgegebenen Stimmen erhalten, sagte sie im TV-Sender Phoenix. „Das ist schon etwas, das uns sehr beunruhigen sollte.“
Schnell begann aber natürlich das ganz profane Rechnen. Wem könnte das Stimmenreservoir der zehn ausgeschiedenen Präsidentschaftskandidaten zufließen? Erste Verlierer der Runde gaben unmittelbar Wahlempfehlungen ab: Die Konservative Valérie Pécresse etwa sprach sich, ebenso wie die krachend gescheiterte Sozialistin Anne Hidalgo und der Grüne Yannic Jadot, für Macron aus. Doch all diese zusammen kommen nur auf knapp 12 Prozent der Stimmen.
| Kandidat/in | Macron | Le Pen | Mélenchon | Zemmour (Rechtsextrem) | Pécresse (Konservativ) | Jadot (Grüne) | Lassalle (Zentrist) | Roussel (Kommunist) | Hidalgo (Sozialistin |
|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|
| Hochrechnung | 28,1 - 28,4 % | 23,3 - 24,2 % | 20,4 - 21,2 % | 6,8 - 7,3 % | 4,7 - 5,1 % | 4,5 - 4,8 % | 2,8 - 3,2 % | 2,3 - 2,6 % | 1,7 - 1,8 % |
Frankreich-Wahl: Macron unter Mélenchon-Wählern geradezu verhasst - Linker warnt dennoch vor Le Pen
Zugleich dürften die rund sieben Prozentpunkte Zemmours Le Pen zugute kommen. Die beiden Rechtsaußen hatten sich im Wahlkampf mit dem Thema Migration gegenseitig Konkurrenz gemacht. Wahlentscheidend könnte die einmal mehr große Wählerschaft von Mélenchon werden. Paradoxerweise, so meint auch Kempin, könnten Teile der Anhänger-Schar des Linken letztlich für die Rechtsextreme votieren.
Unter den Wählern Mélenchons sei Macron „geradezu verhasst“, sagte die Expertin der Stiftung Wissenschaft und Politik bei Phoenix. Gut möglich sei zwar, dass ein Großteil von in der Stichwahl gar nicht mehr an die Wahlurnen treten werden. Vielleicht „ein Fünftel“ könne sich aber Le Pen zuwenden. Das wären hypothetisch weitere vier Prozent für die Galionsfigur des Rassemblement National.
Ich kenne eure Wut. (...) Gebt euch nicht der Gefahr hin, dass sie euch Fehler begehen lässt, die nicht mehr rückgängig zu machen sind.
Mélenchon warnte am Sonntag ausdrücklich vor der Wahl Le Pens. „Ihr solltet keine einzige Stimme Madame Le Pen geben“, rief er. „Ich kenne eure Wut“, sagte Mélenchon. „Gebt euch nicht der Gefahr hin, dass sie euch Fehler begehen lässt, die nicht mehr rückgängig zu machen sind.“ Dennoch: Le Pen tat ihr Bestes, das Stimmenreservoir des Linken zu heben. Sie sorgt jedoch auch für einen außenpolitischen Eklat, indem Le Pen schwere Vorwürfe gegen Deutschland erhebt.
Frankreich-Wahl: Marine Le Pen gibt sich vor Duell mit Macron „fürsorglich“ - Rechte schielt nach links
Der Staat müsse „fürsorglich sein“, rief sie ihren Anhängern zu. Es gehe um „Solidarität gegenüber den Verletzlichen und Schwachen, es geht darum, dass man gesund in die Rente eintreten kann“, erklärte Le Pen. Macron habe die „einfachen Menschen sehr oft ignoriert in den vergangenen fünf Jahren“.
Die Rechte griff damit einerseits einen gerade für französische Verhältnisse heiklen Kurs des Präsidenten auf: Macron will das Renteneintrittsalter auf 65 Jahre anheben. Auch Mélenchon hatte diesen Punkt ins Auge gefasst - und die Rente mit 60 gefordert. Ohnehin gilt Macron nicht als Präsident der „kleinen Leute“: Die Zeitung Le Monde erinnerte am Wahlabend an seinen Spitznamen „Präsident der Reichen“, den er spätestens seit einem Nein zu einer Steuer auf Groß-Einkommen innehabe.
Zugleich geht es um eine größere Linie in der französischen Politik, die unter anderem der renommierte Soziologe Didier Eribon in seinem Buch „Rückkehr nach Reims“ beschrieben hatte: Die lange Zeit staatstragende Partei der Sozialisten hat unter finanziell weniger gut gestellten Menschen, gerade in der Arbeiterschaft, an Zuspruch verloren - die Rechtsextremen drängen in diese Lücke.
Auch am Sonntag bestätigte sich wohl diese Tendenz. Die Pariser Bürgermeisterin Hidalgo fuhr für die Partei Francois Mitterrands keine zwei Prozent ein - das schlechteste Ergebnis aller Zeiten für die Sozialisten in der ersten Runde einer Präsidentschaftswahl. Le Pen indes punktete nicht zuletzt in ländlichen Räumen. Und fuhr das höchste Wahlergebnis der hart Rechten aller Zeiten ein.
Frankreich-Wahl: Umfragen sprechen für Macron - wichtige Entscheidung auch für die EU
Umfragen sahen zuletzt Macron in einem - damals noch hypothetischen - Duell mit Le Pen mit rund 53 Prozent der Stimmen knapp in Führung. Am Sonntagabend legte das Institut Ifop-Fiducial mit einer weiteren Erhebung nach. Sie sah Macron bei 51 Prozent, Le Pen bei 49.
Doch in zwei Wochen kann einiges passieren. Zuletzt waren die Umfrage-Ergebnisse Macrons rückläufig gewesen. Am Sonntag lag der Präsident dann allerdings immerhin am oberen Rande des für ihn prognostizierten Ergebnis-Spektrums. Macron wäre der erste Präsident in der jüngeren französischen Geschichte, dem die Wiederwahl glückt. Vor fünf Jahren hatte er in der Stichwahl Le Pen deutlich mit 66 zu 34 Prozent geschlagen.
Klar ist, dass nun zwei sehr unterschiedliche Kandidaten zur Wahl stehen. Gerade für Europa und die EU könnte der Ausgang der Stichwahl große Konsequenzen haben. Macron gilt als eine treibende Kraft bei einem möglichen Ausbau der EU; auch als Vermittler im Ukraine-Konflikt trat er massiv in Erscheinung. Le Pen hält wenig von der Europäischen Union - und stand mit ihrer Partei Berichten zufolge lange beim Kreml (und nun in Ungarn) finanziell in der Kreide. (fn)

