VonTatjana Coerschulteschließen
Studien verraten: Frauen, die sich bewusst gegen Mutterschaft entschieden haben, kommen bestens damit klar.
Frauen ohne Kinder sind in Deutschland eine Minderheit – allerdings keine kleine. Statistisch gesehen bleibt etwa jede fünfte Frau ohne Kinder. Der Anteil von durchschnittlich rund 20 Prozent kinderlosen Frauen ist seit Jahren konstant. Nach dem Krieg bis Ende der 50er Jahre waren kinderlose Frauen mit einem Anteil von 14 Prozent seltener. Von den Frauen, die heute zwischen 70 und 75 Jahre alt sind, hat jede siebte kein Kind. Ab den 60er Jahren stieg der Anteil auf gut 20 Prozent an.
Die Mütter: Die große Mehrheit der Frauen in Deutschland sind Mütter, und die meisten von ihnen haben zwei Kinder: Nach Angaben des Bund-Länder-Demografieportals hatten im Jahr 2022 rund 38 Prozent der Frauen zwischen 45 und 49 Jahren – also gegen Ende der gebärfähigen Phase – zwei Kinder. Etwa jede vierte Frau hatte ein Kind, gut jede 6. Frau drei oder mehr Kinder.
Die Geografie: Je ländlicher die Region, desto mehr Mütter finden sich dort. Das liegt daran, dass viele Familien aus den Städten raus ins Umland oder ganz ins Grüne ziehen. Im Jahr 2022 waren in Städten 23 Prozent der Frauen zwischen 45 und 49 Jahren ohne Kinder, in ländlichen Gemeinden aber nur 17 Prozent. Von den Städterinnen dieser Altersgruppe hatten 35 Prozent zwei Kinder, während es bei den Müttern auf dem Land 42 Prozent waren. In Ostdeutschland liegt die Kinderlosenrate mit 15 Prozent niedriger als in Westdeutschland (22 Prozent).
Der Bildungsstand: Größer sind die Unterschiede nach Bildungsstand: Während der Anteil der Mütter mit zwei Kindern über alle Bildungsgruppen hinweg zwischen 36 und 40 Prozent liegt, geht die Schere bei kinderreichen Frauen auseinander. Mit 35 Prozent hatte jede dritte Frau mit niedrigem Bildungsstand drei oder mehr Kinder, bei den Akademikerinnen waren es 15 Prozent. Auf der anderen Seite blieb nur jede zehnte Frau mit niedrigem Bildungsabschluss ohne Kinder. Bei den Akademikerinnen waren es mit 23 Prozent mehr als doppelt so viele.
Gewollt kinderlos: Die Sozialwissenschaftlerinnen Claudia Rahnfeld und Annkathrin Heuschkel von der Dualen Hochschule Gera-Eisenach haben untersucht, warum Frauen ohne Kinderwunsch kinderlos bleiben. „Wenn über Kinderlosigkeit berichtet wird, wird meistens unterstellt, dass sie ungewollt ist“, sagt Rahnfeld gegenüber der Frankfurter Rundschau. Diese unausgesprochene Annahme stellen die Wissenschaftlerinnen in einer Studie in Frage, die im vergangenen Jahr erschien. „Es gibt Frauen, die keinen Kinderwunsch verspüren“, sagt Rahnfeld. Es habe aber keine Untersuchungen dazu gegeben. Über soziale Medien suchten die Forscherinnen Frauen zwischen 18 und 45 Jahren, die gewollt kinderlos sind, und werteten schließlich Fragebögen von 1100 Teilnehmerinnen aus. Ein Ergebnis: Jede zweite Frau, die bewusst ohne Kinder bleibt, hat diese Entscheidung bereits vor ihrem 21. Lebensjahr getroffen.
Die Gründe: Am häufigsten nannten die Frauen Zeitgründe. „Viele sagen, dass sie ihre Zeit anders verbringen wollen“, sagt Claudia Rahnfeld. Dabei gehe es um Selbstverwirklichung, aber nicht um eine berufliche Karriere: „Sie wollen sich nicht verpflichten, sondern mehr Selbstbestimmung.“ Viele der gewollt kinderlosen Frauen seien Kindern gegenüber positiv und generell sozial eingestellt. Unter den Teilnehmerinnen seien zum Beispiel Lehrerinnen und Kindergärtnerinnen, aber auch viele, die sich ehrenamtlich engagierten.
Die Männer: Für die Entscheidungsfindung der Frauen, bewusst ohne eigene Kinder zu leben, spielen Männer kaum eine Rolle. In der Geraer Studie geben nur acht Prozent der gewollt Kinderlosen an, dass ihnen der geeignete Partner fehle.
Die Beziehung: Auch das Vorurteil, dass gewollt kinderlose Frauen Singles sind, widerlegten die Geraer Forscherinnen. Sieben von zehn befragten Frauen, die bewusst ohne Kinder bleiben, leben demnach in einer Partnerschaft; zwei von zehn waren verheiratet. „Viele gaben an, dass sie glücklich in ihrer Beziehung sind und den Status so bewahren wollen“, sagt Claudia Rahnfeld.
Reue und Einsamkeit: „Das Vorurteil, dass gewollt kinderlose Frauen ihre Entscheidung später bereuen, konnten wir überhaupt nicht bestätigen“, sagt Rahnfeld. In der Altersgruppe der 35- bis 40-Jährigen sei die Entschiedenheit genauso unbeirrt gewesen wie zehn Jahre früher. „95 Prozent der gewollt kinderlosen Frauen fühlen sich mit der Entscheidung sicher“, sagt die Sozialwissenschaftlerin. Das bedeute auch: „Politische Maßnahmen, die Geburtenrate zu heben, wären bei diesen Frauen sinnlos.“ Ebenfalls haltlos sei die Annahme, dass sie im Alter einsam würden: Daten zeigten, dass Kinderlose ein größeres soziales Netzwerk hätten.
Mutterschaft, Vaterschaft: Die Frage der Mutterschaft sei für viele Frauen ein „tiefidentitäres Moment“, sagt Claudia Rahnfeld. Welche Rolle die Vaterschaft für das Selbstbild der Männer spielt, untersuchen die Geraer Forscherinnen in einer aktuell laufenden Studie. Dabei zeichne sich ab, dass Männer in dieser Hinsicht flexibler seien, sagt Rahnfeld. Es gebe nur einen ganz kleinen Teil mit „tiefem Vaterwunsch“.
Annkathrin Heuschkel, Claudia Rahnfeld: Gewollte Kinderlosigkeit. Theoretische Einordnung und empirische Erkenntnisse zur Entscheidung von Frauen für ein Leben ohne Kinder, Wiesbaden 2023, 147 Seiten, eBook 46,99 Euro.
