VonFriederike Meierschließen
Darya Sotoodeh, Aktivistin von Fridays for Future, spricht über den Streik mit Verdi, warum sich die Klimabewegung mit der Gewerkschaft solidarisiert, und über den Rechtsruck im Land.
Frau Sotodeh, Fridays for Future solidarisiert sich in der Kampagne „Wir Fahren Zusammen“ mit den Beschäftigten, die im ÖPNV streiken. Was vereint Sie mit den Streikenden?
Wir haben ein klares gemeinsames Interesse. Wir sind uns einig, dass sich die Lage in vielen Verkehrsbetrieben in Deutschland bessern muss und dass es dazu vor allem Investitionen der Politik braucht. Momentan ist der ÖPNV in einem schlechten Zustand. Durch die schlechten Arbeitsbedingungen herrscht massiver Personalmangel. Das wirkt sich auf das Angebot aus, das an die Menschen gemacht werden kann. Bahnen und Busse fahren nicht zuverlässig, fallen oft aus, sind überfüllt. Wir brauchen eine gerechte Verkehrswende, um Klimaziele einhalten zu können. Deswegen fordern wir gemeinsam bessere Arbeitsbedingungen für die Beschäftigten und von Bund und Ländern 16 Milliarden Euro mehr pro Jahr bis 2030 für den Ausbau des Nahverkehrs. Es ist auch gut, Gruppen zusammenzubringen, die von der Politik gerne gegeneinander ausgespielt werden. Denn wir sehen: Es gibt gemeinsame Lösungen, die sozial und klimagerecht sind.
Kostenloser Klimanewsletter
Einmal pro Woche veröffentlicht die Frankfurter Rundschau einen kostenlosen Newsletter zum Klimaschutz.
Fridays for Future: Die Bundesregierung sollte mehr für den ÖPNV zahlen
Wie kam es zu der Zusammenarbeit?
Die Idee ist vor einigen Jahren entstanden. Wir haben Kontakt zu Verdi aufgenommen. Es gab regelmäßige Treffen zwischen Klimaaktivist:innen und den Beschäftigten vor Ort, bei denen man sich gegenseitig kennengelernt hat und die Kampagnen vorgestellt hat. In den vergangenen eineinhalb Jahren ist daraus aber eine intensive Zusammenarbeit geworden, in der Klimaaktivist:innen und Beschäftigte eine gemeinsame Auseinandersetzung um die Zukunft des ÖPNV vorbereiten.
Viele Kommunen haben nicht mehr Geld, um den ÖPNV auszubauen. Müssen Länder und Bund also einspringen?
Auf jeden Fall. Wir sehen, dass auch viele Kommunen unter Druck stehen, deshalb muss letztendlich die Bundesregierung mehr Geld bereitstellen.
Haben Sie eine Idee, woher?
Wir wissen, dass das Geld da ist. Dazu gibt es Berechnungen und verschiedene Vorschläge, woher man das Geld nehmen kann. Zum Beispiel wird an anderen Stellen gerade massiv subventioniert, das Verkehrsministerium macht Politik vor allem für Automobilkonzerne und Menschen mit mehr Geld.
Spaltung vermeiden: Kampf für Klimagerechtigkeit und gegen Rechtsruck
Bei den Demos gegen Rechtsextremismus waren und sind in vielen Bündnissen Fridays for Future-Gruppen beteiligt. Warum engagieren Sie sich dort?
Zum einen ist es wichtig, dass sich alle gegen rechtsextreme Ideologien stellen. Es ist Aufgabe der Gesamtgesellschaft, sich an die Seite derer zu stellen, die bedroht sind. Abgesehen davon ist es auch ein wichtiger Teil des Kampfs für Klimagerechtigkeit. Wir wollen am Ende, dass alle Menschen auf der Welt, in Deutschland, in Sicherheit und würdevoll leben können. Dagegen geht die AfD aktiv vor. Die Kampagne „Wir Fahren Zusammen“ ist auch ein wichtiges Mittel in diesem Kampf gegen den Rechtsruck, weil wir damit gegen ihre Spaltungstaktik angehen. Weil wir dafür kämpfen, dass Existenzängste, die vollkommen berechtigt sind, sich nicht gegen andere richten, die auch zu wenig bekommen, gegen Geflüchtete zum Beispiel. Stattdessen setzen wir uns dafür ein, dass wir gemeinsam das Beste für uns alle erreichen.
Sie sprechen von Spaltung. Was müsste die Regierung tun, damit Menschen weniger Angst vor dem Klimaschutz haben?
Immer, wenn mehr Geld gefordert wird, ob im sozialen Bereich, in der Bildung oder fürs Klima, wird auf andere Bereiche verwiesen. Zum Beispiel Finanzminister Christian Lindner, der bei den Bauernprotesten anfing, über Geflüchtete zu sprechen und damit bewusst Gruppen gegeneinander ausspielte. Wir sehen gleichzeitig, dass an anderen Stellen Geld verloren geht, das nur reichen Menschen und Konzernen zugute kommt.
Fridays for Future bemüht sich um neue Verbündete
Wenn umweltschädliche Subventionen abgebaut werden, ist es dann überhaupt vermeidbar, dass die betroffenen Gruppen gegen Klimaschutz sind?
Beim Klimaschutz kommt es darauf an, dass er sozial gerecht gestaltet wird. Das ist auch möglich. Die Furcht vor Subventionsabbau ist verständlich, vor allem wenn Landwirte in ihrer Existenz bedroht sind. Wir fordern vor allem, dass Subventionen für fossile Konzerne abgebaut werden. Die Subventionen in der Landwirtschaft machen nur einen kleinen Teil der Emissionen aus, die sind nicht entscheidend.
Generell ist es also gerade Strategie von Fridays for Future, sich mit anderen gesellschaftlichen Gruppen zusammenzutun?
Wir sehen, dass es noch Hemmschwellen gibt, sich mit der Klimabewegung zusammenzutun. Wir wollen deshalb weitere und stärkere Bündnisse schließen, damit wir möglichst eine Politik für alle fordern können. Das ist vor allem wichtig, weil die Klimakrise die Verteilungskämpfe zuspitzt, die gerade im Raum stehen. Und es gibt viele verschiedene Gruppen, die dazu wichtige Arbeit leisten.
Neubauer, van Baalen, Jeschke: Das sind die bekanntesten Klimaaktivisten Deutschlands




Kampagne „Wir Fahren Zusammen“: Busfahrer als Klimaaktivisten
Welche Hemmschwellen gibt es denn?
Fridays for Future wird als eher akademische Bewegung gesehen. Das stimmt strukturell betrachtet. Es sind aber auch viele andere Menschen dabei. Die Kampagne „Wir Fahren Zusammen“ konkret spannt eine Allianz vom Betriebshof zum Hörsaal und zurück. Busfahrer:innen bezeichnen sich jetzt selbst als Klimaaktivist:innen – und weitere schließen sich an. In diese Richtung wollen wir weiterarbeiten. Wir wollen das öffentliche Bild über uns ändern und zeigen, dass wir mit allen Menschen zusammenarbeiten, die keine gefährliche rassistische Gesinnung haben. Während der Kampagne mit den ÖPNV-Beschäftigten sind tolle Zusammenarbeiten auf persönlicher Ebene entstanden. Das finde ich motivierend.
Die Fridays for Future-Gründerin Greta Thunberg steht weiterhin wegen einseitiger Parteinahme für Palästina in der Kritik – Fridays for Future Deutschland hat sich mehrfach distanziert. Diskutieren Sie über eine Namensänderung, wie sie mehrfach gefordert wurde?
Soweit ich das mitbekommen habe, wird eine Namensänderung nicht diskutiert. Das wird nicht als sinnvoller Schritt bei der Lösung des Konfliktes bewertet.
Wird es noch gemeinsame internationale Klimastreiks geben?
Es gibt Bemühungen um Gespräche zwischen Fridays for Future Deutschland und internationalen Aktivist:innen. Man versucht, eine Zusammenarbeit basierend auf gemeinsamen Werten zu ermöglichen. Letztendlich ist Fridays for Future eine globale Bewegung.
Rubriklistenbild: © IMAGO/dts Nachrichtenagentur


