Interview

Fridays for Future streiken mit Verdi: Warum auch der Rechtsruck eine Rolle spielt

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Darya Sotoodeh, Aktivistin von Fridays for Future, spricht über den Streik mit Verdi, warum sich die Klimabewegung mit der Gewerkschaft solidarisiert, und über den Rechtsruck im Land.

Frau Sotodeh, Fridays for Future solidarisiert sich in der Kampagne „Wir Fahren Zusammen“ mit den Beschäftigten, die im ÖPNV streiken. Was vereint Sie mit den Streikenden?

Wir haben ein klares gemeinsames Interesse. Wir sind uns einig, dass sich die Lage in vielen Verkehrsbetrieben in Deutschland bessern muss und dass es dazu vor allem Investitionen der Politik braucht. Momentan ist der ÖPNV in einem schlechten Zustand. Durch die schlechten Arbeitsbedingungen herrscht massiver Personalmangel. Das wirkt sich auf das Angebot aus, das an die Menschen gemacht werden kann. Bahnen und Busse fahren nicht zuverlässig, fallen oft aus, sind überfüllt. Wir brauchen eine gerechte Verkehrswende, um Klimaziele einhalten zu können. Deswegen fordern wir gemeinsam bessere Arbeitsbedingungen für die Beschäftigten und von Bund und Ländern 16 Milliarden Euro mehr pro Jahr bis 2030 für den Ausbau des Nahverkehrs. Es ist auch gut, Gruppen zusammenzubringen, die von der Politik gerne gegeneinander ausgespielt werden. Denn wir sehen: Es gibt gemeinsame Lösungen, die sozial und klimagerecht sind.

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Fridays for Future: Die Bundesregierung sollte mehr für den ÖPNV zahlen

Wie kam es zu der Zusammenarbeit?

Die Idee ist vor einigen Jahren entstanden. Wir haben Kontakt zu Verdi aufgenommen. Es gab regelmäßige Treffen zwischen Klimaaktivist:innen und den Beschäftigten vor Ort, bei denen man sich gegenseitig kennengelernt hat und die Kampagnen vorgestellt hat. In den vergangenen eineinhalb Jahren ist daraus aber eine intensive Zusammenarbeit geworden, in der Klimaaktivist:innen und Beschäftigte eine gemeinsame Auseinandersetzung um die Zukunft des ÖPNV vorbereiten.

Fridays for Future steht auch im Kampf gegen Rassismus in Deutschland an vorderster Front, wie hier bei einer Demo in Berlin.

Viele Kommunen haben nicht mehr Geld, um den ÖPNV auszubauen. Müssen Länder und Bund also einspringen?

Auf jeden Fall. Wir sehen, dass auch viele Kommunen unter Druck stehen, deshalb muss letztendlich die Bundesregierung mehr Geld bereitstellen.

Haben Sie eine Idee, woher?

Wir wissen, dass das Geld da ist. Dazu gibt es Berechnungen und verschiedene Vorschläge, woher man das Geld nehmen kann. Zum Beispiel wird an anderen Stellen gerade massiv subventioniert, das Verkehrsministerium macht Politik vor allem für Automobilkonzerne und Menschen mit mehr Geld.

Spaltung vermeiden: Kampf für Klimagerechtigkeit und gegen Rechtsruck

Bei den Demos gegen Rechtsextremismus waren und sind in vielen Bündnissen Fridays for Future-Gruppen beteiligt. Warum engagieren Sie sich dort?

Zum einen ist es wichtig, dass sich alle gegen rechtsextreme Ideologien stellen. Es ist Aufgabe der Gesamtgesellschaft, sich an die Seite derer zu stellen, die bedroht sind. Abgesehen davon ist es auch ein wichtiger Teil des Kampfs für Klimagerechtigkeit. Wir wollen am Ende, dass alle Menschen auf der Welt, in Deutschland, in Sicherheit und würdevoll leben können. Dagegen geht die AfD aktiv vor. Die Kampagne „Wir Fahren Zusammen“ ist auch ein wichtiges Mittel in diesem Kampf gegen den Rechtsruck, weil wir damit gegen ihre Spaltungstaktik angehen. Weil wir dafür kämpfen, dass Existenzängste, die vollkommen berechtigt sind, sich nicht gegen andere richten, die auch zu wenig bekommen, gegen Geflüchtete zum Beispiel. Stattdessen setzen wir uns dafür ein, dass wir gemeinsam das Beste für uns alle erreichen.

Darya Sotoodeh ist 26 Jahre alt und seit 2022 Sprecherin von Fridays for Future Deutschland. Sie studiert Übersetzungswissenschaften in Heidelberg. FR Bild: privat

Sie sprechen von Spaltung. Was müsste die Regierung tun, damit Menschen weniger Angst vor dem Klimaschutz haben?

Immer, wenn mehr Geld gefordert wird, ob im sozialen Bereich, in der Bildung oder fürs Klima, wird auf andere Bereiche verwiesen. Zum Beispiel Finanzminister Christian Lindner, der bei den Bauernprotesten anfing, über Geflüchtete zu sprechen und damit bewusst Gruppen gegeneinander ausspielte. Wir sehen gleichzeitig, dass an anderen Stellen Geld verloren geht, das nur reichen Menschen und Konzernen zugute kommt.

Fridays for Future bemüht sich um neue Verbündete

Wenn umweltschädliche Subventionen abgebaut werden, ist es dann überhaupt vermeidbar, dass die betroffenen Gruppen gegen Klimaschutz sind?

Beim Klimaschutz kommt es darauf an, dass er sozial gerecht gestaltet wird. Das ist auch möglich. Die Furcht vor Subventionsabbau ist verständlich, vor allem wenn Landwirte in ihrer Existenz bedroht sind. Wir fordern vor allem, dass Subventionen für fossile Konzerne abgebaut werden. Die Subventionen in der Landwirtschaft machen nur einen kleinen Teil der Emissionen aus, die sind nicht entscheidend.

Generell ist es also gerade Strategie von Fridays for Future, sich mit anderen gesellschaftlichen Gruppen zusammenzutun?

Wir sehen, dass es noch Hemmschwellen gibt, sich mit der Klimabewegung zusammenzutun. Wir wollen deshalb weitere und stärkere Bündnisse schließen, damit wir möglichst eine Politik für alle fordern können. Das ist vor allem wichtig, weil die Klimakrise die Verteilungskämpfe zuspitzt, die gerade im Raum stehen. Und es gibt viele verschiedene Gruppen, die dazu wichtige Arbeit leisten.

Neubauer, van Baalen, Jeschke: Das sind die bekanntesten Klimaaktivisten Deutschlands

Die Klimaschutzaktivistin Greta Thunberg spricht vor Teilnehmern der Klima-Demonstration „Fridays for Future“ in Hamburg
Sie gilt als das Gesicht der jungen Generation Klimaaktivisten: Greta Thunberg aus Schweden hat die „Fridays for Future“-Bewegung ins Leben gerufen. Und auch in Deutschland gibt es einige Mitstreiterinnen und Mitstreiter ... © Christian Charisius/dpa
Luisa Neubauer von Fridays for Future während einer Podiumsdiskussion
Die Gruppe von Gründerin Thunberg ist auch in der Bundesrepublik aktiv. Luisa Neubauer ist das populärste Gesicht der von „Fridays for Future Deutschland“ (FFFD). © Fabian Sommer/dpa

Die Klimaaktivistinnen Luisa Neubauer (l) und Greta Thunberg nehmen an der Demonstration von Klimaaktivisten bei Lützerath unter dem Motto „Räumung verhindern! Für Klimagerechtigkeit“ teil
Gemeinsam mit der Schwedin zeigte sich Neubauer (l.) schon mehrfach bei Klima-Demos. Hier ist sie mit Thunberg in Lützerath unterwegs. © Oliver Berg/dpa
Klima-Aktivistin Carla Reemtsma bei der ARD-Talkshow Hart aber Fair im WDR-Studio Köln
Neubauers Cousine Carla Reemtsma engagiert sich als Klimaaktivistin bei „Fridays for Future“. Hier ist sie in der ARD-Talkshow „Hart aber Fair“ zu Gast.  © Christoph Hardt/Imago
Klimaaktivistin Carla Reemtsma spricht während einer Demonstration ins Mikrofon
Carla Reemtsma gilt als Co-Gründerin des deutschen Ablegers von „Fridyas for Future“. Sie entstammt einer bekannten Tabak-Unternehmerfamilie. © Daniel Lakomski/Imago
Ragna Diederichs und Jakob Blasel von „Fridays for Future Deutschland“
Weitere bekannte Gesichter von „Fridays for Future Deutschland“ sind Ragna Diederichs (l.) und Jakob Blasel. © Florentine Dame/dpa
Polizeibeamte stehen an der Wexstraße um die Klimaschutz-Demonstrantin Aimée van Baalen von der Gruppe „Letzte Generation“
Die Gruppe „Letzte Generation“ verbinden wohl die meisten Menschen mit Szenen wie diesen. Immer wieder kleben sich deren Klimaaktivisten an Straßen fest – wie hier Aimée van Baalen. © Paul Zinken/dpa
Aimee van Baalen bei der Pressekonferenz der Letzten Generation zu geplanten Protestaktionen in Berlin in der St. Thomas
Die gebürtige Dresdnerin van Baalen ist auch in der „Fridays for Future“-Bewegung und bei der Organisation „Extinction Rebellion“ aktiv. Sie fungiert u.a. als Pressesprecherin der „Letzten Generation“.  © Mauersberger/Imago
Carla Hinrichs, Sprecherin der Gruppe „Letzte Generation“ sitzt bei mit einer festgeklebten Hand in Berlin (Archivfoto vom 16. Mai 2023) auf dem Asphalt.
Carla Hinrichs, Sprecherin der Gruppe „Letzte Generation“, sitzt bei einer Aktion mit einer festgeklebten Hand in Berlin (Archivfoto vom 16. Mai 2023) auf dem Asphalt.  © Paul Zinken/dpa
Carla Hinrichs, Sprecherin der Letzten Generation, spricht neben Robert Habeck (Bündnis 90/Die Grünen), Bundesminister für Wirtschaft und Klimaschutz, während einer Podiumsdiskussion beim 38. Deutschen Evangelischen Kirchentag
Hinrichs tritt ebenfalls regelmäßig als Sprecherin der „Letzten Generation“ in Erscheinung. Hier diskutiert sie mit Wirtschaftsminister Robert Habeck von den Grünen. © Daniel Karmann/dpa
Henning Jeschke, einer der beiden verbliebenen Teilnehmer des „Hungerstreiks der letzten Generation“
Mit einem Hungerstreik wollte Henning Jeschke, Mitglied der „Letzten Generation“, den damaligen SPD-Kanzlerkandidaten Olaf Scholz dazu bringen, den Klimanotstand auszurufen. Der wollte sich aber nicht erpressen lassen. © Jörg Carstensen/dpa
Klimaaktivist Henning Jeschke von der Letzten Generation sitzt bei einer Protestaktion vor dem Bundesverkehrsministerium. Seine Hand klebt an einem Tisch
Auch an Klebe-Aktionen seiner Gruppe beteiligte der Klimaaktivist sich. Was ihn vor Gericht brachte – wo er sich ebenfalls festklebte.  © Christophe Gateau/dpa
Bekanntes Mitstreiterin der „Letzten Generation“: „Klima-Shakira“ Anja Windl, die aus Niederbayern stammt.
Bekannte Mitstreiterin der „Letzten Generation“: „Klima-Shakira“ Anja Windl aus Niederbayern. © Eibner Europa/Imago
Sängerin Shakira und Klimaaktivistin Anja Windl
Wegen ihrer vermeintlichen Ähnlichkeit zur kolumbianischen Sängerin (l.) wird Aktivistin Windl von diversen Medien immer weider als „Klima-Shakira“ bezeichnet. © Montage: IPPEN.MEDIA/Erwin Scheriau/Bilal Jawich/dpa/APA
Letzte Generation besprüht Verkehrsministerium von Feuerwehrfahrzeug mit Farbe und Wasser Pressesprecher Jakob Beyer gib
Auch Jakob Beyer tritt immer wieder als Aktivist der „Letzten Generation“ in Erscheinung. Und saß infolge des Protests bereits knapp drei Wochen im Gefängnis. © Jonas Gehring/Imago
Klimaaktivist Jakob Beyer kippt einen Eimer mit ölartigem Kleister über die Grundgesetztafeln am Deutschen Bundestag
Hier kippt Beyer einen Eimer mit ölartigem Kleister über die Grundgesetztafeln am Deutschen Bundestag. © aal.photo/Imago
Die Klimaaktivistinnen Lina Johnsen und Carla Rochel sitzen in Berlin auf einer Straße und halten sich an den Händen
Zu den bekanntesten Mitgliedern der „Letzten Generation“ zählen auch Lina Johnsen (l.) und Carla Rochel. Beide treten immer wieder als Sprecherinnen der Klimaaktivisten-Gruppe auf. © aal.photo/Imago
Klimaaktivist Christian Bläul wird in Dresden nach einer Klebeaktion von Polizisten weggetragen.
Klimaaktivist Christian Bläul wird in Dresden nach einer Klebeaktion von Polizisten weggetragen. Er beteiligte sich schon mehrfach an Protesten der „Letzten Generation“. © Sylvio Dittrich/Imago
Klimaaktivisten der Letzten Generation vor einem Monet-Gemälde, dass sie mit Kartoffelbrei überschüttet haben
Nicht jede Protestaktion der Klimaaktivisten findet Zustimmung: Hier schütten Aktivisten der „Letzten Generation“ Kartoffelbrei über ein historisches Monet-Gemälde. Dennoch bleibt festzuhalten: Der Einsatz gegen den Klimawandel ist an sich eine ehrenhafte Sache. © Screenshot / Twitter.com/AufstandLastGen

Kampagne „Wir Fahren Zusammen“: Busfahrer als Klimaaktivisten

Welche Hemmschwellen gibt es denn?

Fridays for Future wird als eher akademische Bewegung gesehen. Das stimmt strukturell betrachtet. Es sind aber auch viele andere Menschen dabei. Die Kampagne „Wir Fahren Zusammen“ konkret spannt eine Allianz vom Betriebshof zum Hörsaal und zurück. Busfahrer:innen bezeichnen sich jetzt selbst als Klimaaktivist:innen – und weitere schließen sich an. In diese Richtung wollen wir weiterarbeiten. Wir wollen das öffentliche Bild über uns ändern und zeigen, dass wir mit allen Menschen zusammenarbeiten, die keine gefährliche rassistische Gesinnung haben. Während der Kampagne mit den ÖPNV-Beschäftigten sind tolle Zusammenarbeiten auf persönlicher Ebene entstanden. Das finde ich motivierend.

Die Fridays for Future-Gründerin Greta Thunberg steht weiterhin wegen einseitiger Parteinahme für Palästina in der Kritik – Fridays for Future Deutschland hat sich mehrfach distanziert. Diskutieren Sie über eine Namensänderung, wie sie mehrfach gefordert wurde?

Soweit ich das mitbekommen habe, wird eine Namensänderung nicht diskutiert. Das wird nicht als sinnvoller Schritt bei der Lösung des Konfliktes bewertet.

Wird es noch gemeinsame internationale Klimastreiks geben?

Es gibt Bemühungen um Gespräche zwischen Fridays for Future Deutschland und internationalen Aktivist:innen. Man versucht, eine Zusammenarbeit basierend auf gemeinsamen Werten zu ermöglichen. Letztendlich ist Fridays for Future eine globale Bewegung.

Rubriklistenbild: © IMAGO/dts Nachrichtenagentur

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