VonJana Stäbenerschließen
Die AfD hat nur Erfolg, weil Nachrichtensendungen gendern, sagt Friedrich Merz. Wir schauen den Argumenten gegen die geschlechtergerechte Sprache auf die Finger.
Wenn am kommenden Sonntag Bundestagswahl wäre, würden laut einer Umfrage ganze 19 Prozent der Befragten die AfD wählen. Damit erreicht die Partei ähnliche Zustimmungswerte wie die SPD. CDU-Chef Friedrich Merz meint zu wissen, wer Schuld am AfD-Hoch ist: das Gendern.
„Mit jeder gegenderten Nachrichtensendung gehen ein paar hundert Stimmen mehr zur AfD“, sagt Merz. Wenn „die ganz normalen Bürgerinnen und Bürger“ bei den Regierungsparteien kein Gehör mehr fänden, wendeten sie sich jenen zu, die ganz besonders scharf dagegen seien, schrieb er in seinem Newsletter „MerzMail“ und wirft den Grünen eine „penetrant vorgetragene Volkserziehungsattitüde“ vor.
Verstehst du Ironie? Wenn ja: Hier zehn Gründe, warum du die AfD wählen solltest.
Friedrich Merz über das Gendern – „übergriffig“
Es ist nicht das erste Mal, dass sich Politiker der CDU und CSU zum Thema „Gendern“ äußern. Auch der CSU-Vorsitzende Markus Söder wettert immer wieder gegen das Gendern. So scheint es, als würden am liebsten Gender-Gegner:innen übers Gendern reden. Oder Menschen wie Rudi Völler, die mit Gendern eigentlich gar nichts am Hut haben.
„Gegenderte Sprache und identitäre Ideologie werden von einer großen Mehrheit der Bevölkerung nicht mehr nur im Stillen abgelehnt. Sie werden als übergriffig empfunden“, schreibt CDU-Chef Friedrich Merz bereits am 3. Juni 2023 am Twitter. Hier siehst du fünf seiner Argumente gegen das Gendern, die sich selbst ausmerzen.
1. Gendern „spaltet“
„Gendersprache schafft neue Einteilungen und Kategorien von Menschen, sie spaltet nach äußeren Merkmalen und Gruppenidentitäten. Befürworter des #Gendern|s erreichen damit das Gegenteil dessen, was wir alle wollen: Anerkennung, Respekt und Gleichberechtigung.“ (tm) #WeltamSonntag
— Friedrich Merz (@_FriedrichMerz) May 16, 2021
Menschen, die sprachlich unterrepräsentiert sind, rücken gesellschaftlich in den Hintergrund, sagt die Philologin Heidrun Deborah Kämper dem Deutschlandfunk (Dlf). „Wir können auch sagen, wenn nie über etwas gesprochen wird, dann existiert es nicht in der sozialen Welt.“ Es mag also stimmen, dass bei einem generischen Maskulinum weniger „Spaltung“ da ist, aber dann nur, weil eine Gruppe kategorisch aus der Sprache ausgeschlossen wird. Das sieht übrigens auch Duden-Online so und gendert seit 2021 bei rund 12.000 Artikeln über Personen- und Berufsbezeichnungen.
2. Gendern ist ein „moralischer Zeigefinger“
„Jeder soll privat #gendern wie er will, aber ich möchte mich nicht im öffentlich-rechtlichen Rundfunk mit moralischem Zeigefinger belehren lassen, wie ich zu sprechen habe. Wer gibt gebührenfinanzierten Redakteuren das Recht, dafür Anpassungsdruck zu erzeugen?“ (tm) #Merz #Lanz
— Friedrich Merz (@_FriedrichMerz) May 6, 2021
Friedrich Merz regt sich auf, dass im gebührenfinanzierten öffentlich-rechtlichen Rundfunk gegendert wird und spricht von einem „moralischen Zeigefinger“. Dabei tun das nicht alle Sender und Medienangebote. Nur einige Moderator:innen und oder Medienmarken entscheiden sich individuell und bewusst dafür, zu gendern. Viele Angebote, wie beispielsweise die Tagesschau nennen einfach nur beide Formen (Renter und Rentnerinnen), ZDFheute gendert nicht. Jede:r also wie er oder sie will – wo ist da der „Anpassungsdruck“?
3. Gendern ist „kein Ausdruck des Zeitgeistes“
„Ich weiß, dass ich bei diesem Thema die Mehrheit der Bevölkerung auf meiner Seite habe. #Gendern ist also gerade kein Ausdruck des Zeitgeistes, sondern steht ihm entgegen. Sprachwissenschaftlich gesehen sind die Geschlechtsbezeichnungen keine Diskriminierung." (tm) #Merz #Lanz
— Friedrich Merz (@_FriedrichMerz) May 6, 2021
Gendern ist „kein Ausdruck des Zeitgeistes“, twittert Friedrich Merz. Das sieht Kersten Roth, Professor für Linguistik an der Universität Magdeburg, beim Dlf anders: „Sprache schafft in nahezu allen Fällen eine bestimmte Wirklichkeit“, sagt er. „So wie die Welt sich verändert, wandelt sich auch die Sprache. Worte sind Spiegel von Wirklichkeit und sie wirken zugleich in die Gesellschaften hinein.“ Sprache und ihre Verwendung sind also nicht unveränderbar und Sprachwissenschaft ist keine höhere Mathematik, die sich für immer an allgemein gültige Naturgesetze halten muss.
4. Gendern bei „Kinder:innen“ ist lächerlich
„Grüne und Grüninnen?
— Friedrich Merz (@_FriedrichMerz) April 17, 2021
Frauofrau statt Mannomann?
Einigkeit und Recht und Freiheit für das deutsche Mutterland?
Hähnch*Innen-Filet?
Spielplätze für Kinder und Kinderinnen?
Wer gibt diesen #Gender-Leuten eigentlich das Recht, einseitig unsere Sprache zu verändern?" (tm) #Merz
Kinder:innen und Grün:innen sind Worterfindungen von Friedrich Merz, die niemand je so verwenden würde. Genauso wie man nicht Berliner:innen-Luft nicht gendern sollte, finden wir. Denn das lenkt nur vom wahren Ziel beim Gendern ab: der sprachlichen Gleichberechtigung. Studien beweisen, dass Mädchen sich Berufe eher zutrauen, wenn sie gegendert werden. Gendern soll bewirken, dass wir, wenn wir den Begriff „Politiker:innen“ hören, eben nicht nur an alte weiße Männer im Anzug denken – Gäst:innen, Frauofrau und Hähnch:innen sind nichts als Quatsch.
5. Die Diskussion ums Gendern ist unwichtig
#China hat heute die weltweit größte #Freihandelszone der Welt auf die Beine gestellt und wir diskutieren hier ernsthaft über korrektes Gendern in Gesetzesentwürfen? Wir können doch die Welt um uns herum nicht völlig ausblenden! (tm) #AnneWill #Merz
— Friedrich Merz (@_FriedrichMerz) November 15, 2020
Natürlich sind viele Dinge wichtiger als das Thema Gendern. Dem würde wahrscheinlich niemand widersprechen. Immer wieder argumentieren Gender-Gegner:innen, dass es doch so viel besseren Diskussionsstoff gebe – zum Beispiel die Freihandelszone Chinas. Alles schön und gut. Aber warum reden dann am liebsten Gender-Gegner:innen übers Gendern? Rufen wir uns in Erinnerung, wie die Diskussion damals entstand:
Das Bundesjustizministerium unter Christine Lambrecht (SPD) verfasste 2020 einen Gesetzentwurf zum neuen Sanierungs- und Insolvenzrecht – und zwar im generischen Femininum. Dem von Horst Seehofer (CSU) geführten Bundesinnenministerium stieß daraufhin eine Debatte an. Wie die Süddeutsche Zeitung (SZ) berichtete, forderte das Ministerium eine juristische Untersuchung – aus Angst, dass das Gesetz möglicherweise nur für Frauen gelten könne. So entlarven sich Gender-Gegner:innen also letztlich selbst.
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(Mit Material der dpa)
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