Mai ist der blutigste Monat

Russlands Verluste erreichen offenbar düsteren Meilenstein: Putin will Erfolge – um jeden Preis

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Trauer in Kriegszeiten: Täglich sollen Hunderte an der Front sterben. (Szene von der Beerdigung eines russischen Kriegskorrespondenten)
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Im Ukraine-Krieg soll Russland mittlerweile mehr als 500.000 Männer und Frauen verloren haben. Der Mai 2024 bildet wohl den traurigen Höhepunkt.

London – Binnen drei Tagen wollte Wladimir Putin Kiew erobern. Hätte das geklappt, wäre es Moskau womöglich gelungen, den Ukraine-Krieg auch international lediglich als militärische Spezial-Operation zu verkaufen. Denn mit wirklicher Gegenwehr schien der Kreml nicht gerechnet zu haben. Doch das verhältnismäßig kleine Nachbarland stellt sich seit mehr als zwei Jahren entschlossen und tapfer gegen den zumindest zahlenmäßig übermächtigen Aggressor aus dem Osten.

Das bedeutet aufgrund Putins erbarmungsloser Strategie auch, dass enorm viel Blut vergossen wird. Unter den Streitkräften, aber auch unter den Zivilisten, die Moskaus Machthaber offiziell verschonen wollte. Doch längst gehen regelmäßig Raketen in Wohngebieten nieder, auch Bahnhöfe und jüngst ein Baumarkt wurden schon bombardiert, wehrlose Menschen aus dem Leben gerissen.

Kämpfen um ihr Leben: Russische Soldaten beobachten den Einsatz von Mehrfachraketenwerfern.

Russlands Verluste im Ukraine-Krieg: Offenbar mehr als 500.000 Männer und Frauen tot oder verletzt

Auch unter Russlands Truppen soll der Blutzoll besonders hoch sein. So berichtete das britische Verteidigungsministerium an diesem Freitag (31. Mai), laut Geheimdienstinformationen habe die Zahl der russischen Verluste seit Beginn der Invasion wahrscheinlich die Marke von 500.000 überschritten. Dies schließt nicht nur Gefallene ein, sondern auch Verletzte. Damit wäre ein trauriger Meilenstein erreicht.

Allgemein erklärte das Ministerium, dass das Wort „wahrscheinlich“ genutzt werde, wenn zu 55 bis 75 Prozent davon ausgegangen werden könne, dass diese Information so zutreffe. Jedenfalls würden sich die Verluste Moskaus im Jahr 2024 in hohem Maße fortsetzen. Allein im Mai habe Putin durchschnittlich mehr als 1200 Verluste pro Tag zu beklagen gehabt – demnach der höchste Wert seit Kriegsbeginn. Das wären mehr als 37.000 Tote oder Verletzte allein in den vergangenen viereinhalb Wochen.

Alexej Nawalny ist tot: Protest, Anschläge, Gefängnis – sein Leben in Bildern

Wahlen 2012 in Russland: Nawalny protestiert gemeinsam mit Schach-Großmeister Garry Kasparow (l.) für faire Wahlen in Russland – am Ende gewann Wladimir Putin.
Wahlen 2012 in Russland: Nawalny protestiert gemeinsam mit Schach-Großmeister Garri Kasparow (l.) für faire Wahlen in Russland – am Ende gewann Wladimir Putin. © Anatoly Maltsev / dpa
Nawalny – damals bereits sozusagen der Superstar der Protestbewegung in Russland – mit seiner Ehefrau Julija, vor Gericht. Nach seinen Protesten kam er damals vorerst frei.
Nawalny – damals bereits sozusagen der Superstar der Protestbewegung in Russland – mit seiner Ehefrau Julija, vor Gericht. Nach seinen Protesten kam er damals vorerst frei. © Valentina Svistunova / dpa
Kreml-Kritiker Nawalny 2017 nach einer Farbattacke vor seinem Büro.
Kreml-Kritiker Nawalny 2017 nach einer Farbattacke vor seinem Büro. © Evgeny Feldman / dpa
2017 rief Nawalny im ganzen Land zu Protesten gegen Korruption in Russland auf – und wurde zu 15 Tagen Arrest verurteilt.
2017 rief Nawalny im ganzen Land zu Protesten gegen Korruption in Russland auf – und wurde zu 15 Tagen Arrest verurteilt.  © Str/AP/dpa | Str
2015 wird der Oppositionsführer Boris Nemzow in Russland auf offener Straße erschossen. Nawalny beteiligt sich an den Protesten – und wird immer mehr zum neuen Gesicht der Opposition.
2015 wird der Oppositionsführer Boris Nemzow in Russland auf offener Straße erschossen. Nawalny beteiligt sich an den Protesten – hier bei einer Gedenk-Demo 2018 – und wird immer mehr zum neuen Gesicht der Opposition. © Alexander Zemlianichenko / dpa
2018 plante Nawalny, als Kandidat bei der Präsidentschaftswahl gegen Wladimir Putin anzutreten. Allerdings beschloss ein Gericht vorab seinen Ausschluss von den Wahlen.
2018 plante Nawalny, als Kandidat bei der Präsidentschaftswahl gegen Wladimir Putin anzutreten. Allerdings beschloss ein Gericht vorab seinen Ausschluss von den Wahlen. © Evgeny Feldman / dpa
Nawalny vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte im Jahr 2018. Dort war Russland zuvor wegen Festnahmen des Kreml-Kritikers verurteilt worden.
Nawalny vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte im Jahr 2018. Dort war Russland zuvor wegen Festnahmen des Kreml-Kritikers verurteilt worden. © Jean-Francois Badias / dpa
Familie Nawalny: Der russische Oppositionsführer Alexej Nawalny (M), seine Frau Julija (r), seine Tochter Daria (l) und sein Sohn Sachar stehen nach der Stimmabgabe bei einer Stadtratswahl im Jahr 2019 zusammen.
Familie Nawalny: Der russische Oppositionsführer Alexej Nawalny (M), seine Frau Julija (r), seine Tochter Daria (l) und sein Sohn Sachar stehen nach der Stimmabgabe bei einer Stadtratswahl im Jahr 2019 zusammen. © Andrew Lubimov / dpa
September 2020: Nach einer Nowitschok-Vergiftung wird Nawalny in der Berliner Charité behandelt.
September 2020: Nach einer Nowitschok-Vergiftung wird Nawalny in der Berliner Charité behandelt. © Daria Nawalny / dpa
Nach seiner Genesung und Rückkehr aus Deutschland wurde Nawalny in Russland festgenommen – hier zeigt er in Handschellen das „Victory“-Zeichen, begleitet von einer Polizei-Eskorte.
Nach seiner Genesung und Rückkehr aus Deutschland wurde Nawalny in Russland festgenommen – hier zeigt er in Handschellen das „Victory“-Zeichen, begleitet von einer Polizei-Eskorte. © Sergei Bobylev / dpa
Ein großes Portrait von Alexej Nawalny mitten in St. Petersburg. Nach nur wenigen Minuten ließ man es wieder überstreichen.
Ein großes Portrait von Alexej Nawalny mitten in St. Petersburg. Nach nur wenigen Minuten ließ man es wieder überstreichen. © Alexander Demianchuk / Imago
Alexej Nawalny (r) und seine Anwälte im Moskauer Stadtgericht 2021 – ihm droht eine lange Haftstrafe.
Alexej Nawalny (r) und seine Anwälte im Moskauer Stadtgericht 2021 – ihm droht eine lange Haftstrafe. © Moscow City Court Press Service / dpa
Alexej Nawalny Anfang des Jahres 2022 hinter Gittern bei einer Anhörung bezüglich Beschwerden zu seiner Unterbringung während der 3,5-jährigen Haftstrafe.
Alexej Nawalny Anfang des Jahres 2022 hinter Gittern bei einer Anhörung bezüglich Beschwerden zu seiner Unterbringung während der 3,5-jährigen Haftstrafe. © Anna Ustinova / Imago
Kurzer Glücksmoment in schweren Zeiten: Nawalny und Ehefrau Julija Arm in Arm rund um eine weitere Anhörung des Kreml-Kritikers vor Gericht im Februar 2022.
Kurzer Glücksmoment in schweren Zeiten: Nawalny und Ehefrau Julija Arm in Arm rund um eine weitere Anhörung des Kreml-Kritikers vor Gericht im März 2022. Wegen angeblicher Veruntreuung von Spendengeldern wurden 13 weitere Jahre Haft gefordert. © Sergei Fadeichev / Imago / ITAR-TASS
Bilder wie dieses aus dem Mai 2022 von einer weiteren Anhörung schüren Sorgen um den Gesundheitszustand von Nawalny.
Bilder wie dieses aus dem Mai 2022 von einer weiteren Anhörung schüren Sorgen um den Gesundheitszustand von Nawalny. Der Kritiker trat während seiner Haftzeit immer wieder beispielsweise in Hungerstreik. Seine Haft-Unterbringung soll teils dürftig gewesen sein. © IMAGO/Sergei Karpukhin / ITAR-TASS
Nawalny wieder vor Gericht im August 2023.
Nawalny wieder vor Gericht im August 2023. Der Oppositionsführer war erneut zu 19 Jahren Haft unter anderem wegen Extremismus verurteilt worden. © IMAGO/Sofya SandurskayaITAR-TASS
Ende 2023 galt Nawalny kurz als verschwunden
Ende 2023 galt Nawalny kurz als verschwunden. Dann hieß es, er sei in ein Strafgefangenenlager nach Sibirien gebracht worden. Das Foto zeigt ihn im Januar 2024 bei einer weiteren Video-Schalte. © Alexander Zemlianichenko / dpa
Am 16. Februar 2024 kommt überraschend dann die Info aus Russland, Nawalny sei im Strafgefangenenlager gestorben
Am 16. Februar 2024 kommt überraschend dann die Info aus Russland, Nawalny sei im Strafgefangenenlager gestorben. Weltweit wird um den Kreml-Kritiker getrauert. © IMAGO/Vuk Valcic / ZUMA Wire

Hohe Verluste im Ukraine-Krieg: Russland soll im Mai fast 40.000 Tote und Verletzte zu beklagen haben

Der Generalstab der ukrainischen Streitkräfte verbreitete eine konkretere Zahl. Der Übersicht von diesem Samstag zufolge verlor Russland bereits 508.780 ins Kampfgebiet entsendete Männer und Frauen. Binnen 24 Stunden waren es zuletzt 1130. Auch das wären noch 47 pro Stunde.

Zum Vergleich: Am 1. Mai hatte die Militärführung in Kiew die russischen Verluste auf 469.840 beziffert. Somit hätte Putin nach dieser Rechnung binnen eines Monats 38.940 im Krieg verlorene Männer und Frauen zu betrauern. Ob ihn deren Schicksal aber wirklich berührt?

Video: Deutschland und die USA erlauben Waffeneinsatz nach Angriff auf Charkiw

Im Ukraine-Krieg sind Russlands Verluste groß: „Viele Soldaten wohl nur eingeschränkt ausgebildet“

Die Briten geben auch eine Einschätzung zu den hohen Zahlen ab. Diese seien die Folge des Abnutzungskampfes an großen Teilen der Front: „Es ist sehr wahrscheinlich, dass die meisten russischen Soldaten nur eingeschränkt ausgebildet werden und nicht in der Lage sind, komplexe offensive Operationen durchzuführen.“

So zahle Russland einen hohen Preis, um die ukrainische Verteidigung zu schwächen. Ein hoher Preis, den Putin aber offenbar bereitwillig zahlt. Zwar würden weitere Einheiten rekrutiert, doch der stetig benötigte Nachschub an Soldaten werde dazu führen, dass Moskau kaum noch auf besonders leistungsfähige Truppen zurückgreifen könne.

Im Kampf für sein Land gestorben: Einem ukrainischen Soldaten wird in Kiew die letzte Ehre erwiesen.

Russland über Verluste der Ukraine: Offiziell 660 Einheiten bei Vorstößen ausgeschaltet

Derweil vermeldet die russische Nachrichtenagentur Tass unter Berufung auf das mittlerweile von Andrei Beloussow geführte Verteidigungsministerium, Moskaus Truppen hätten der Ukraine bei Verstößen erheblichen Schaden zugefügt. Die Kampfgruppe Süd schaltete demnach 660 Einheiten aus, die Kampfgruppe Nord soll acht Brigaden unter Beschuss genommen haben.

Der Sommer in der Ukraine dürfte ebenfalls blutgetränkt werden. Für viele Soldaten scheint es nach unzähligen Tagen auf dem Schlachtfeld nur noch darum zu gehen, mit dem Leben davonzukommen. Oder zumindest möglichst viele Gegner mit in den Tod zu nehmen. (mg)

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