Großbritannien

Fünf Jahre suizidal

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Im September machte man sich vor Downing Street mit einem Wiedereintrittstanz noch Mut.
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Nach einem halben Jahrzehnt Brexit ist Britannien immer noch weit weg von Europa.

Nun sogar die Surfer! Längst schon hat die Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA) seinen Sitz nach Amsterdam verlegt. Längst ist die Europäische Bankenaufsichtsbehörde (EBA) nach Paris abgewandert. Tausende hochqualifizierte Jobs also sind aus London verschwunden, da hielt die winzige Europäische Surfergemeinschaft (ESF) in Penzance (Grafschaft Cornwall) wacker die Stellung. Jetzt aber ziehen die Surf-Funktionäre nach Lacanau an die französische Atlantikküste. Man hoffe auf Förderung, sagt ESF-Boss Jean-Luc Arassus: „Da ist es sinnvoll, in der EU ansässig zu sein.“

Gewiss erleidet die Volkswirtschaft im äußersten Westen Englands dadurch keinen schweren Verlust, die Sportler selbst suchen weiter den Kontakt mit den Wellen vor Cornwall. Doch symbolisch steht auch dieser Verlust für die täglich spürbaren Folgen eines Schrittes, der in der Nacht zum Samstag genau fünf Jahre zurückliegt: der Austritt des Vereinigten Königreiches aus der Europäischen Union nach 47 Jahren und 30 Tagen Zugehörigkeit.

Investitionen und hochkomplizierte Lieferketten haben schon seit der Volksabstimmung zugunsten des Brexits im Juni 2016 gelitten; viele Konsumenten und kleine Gewerbe erleben die Folgen spätestens seit Ende 2020, als die Insel endgültig auch Binnenmarkt und Zollunion verließ.

Seit mehr als drei Jahrzehnten organisiert beispielsweise das kleine Team von „Lacock Music“ Singwochen für Renaissance- und Barock-Begeisterte. Das normalerweise 80 Seiten starke Noten-Büchlein wird vorab verschickt, damit die Sänger aus ganz Europa gut vorbereitet zum Kurs erscheinen. Neuerdings muss Jessica Webb für ihre EU-Kundschaft Online-Zollerklärungen – Sektion X („Holzzellstoff und anderes zellulosehaltiges Material “), Kapitel 49 („Gedruckte Bücher und andere Produkte der Druckindustrie“), Code 4904000000 („Musik, gedruckt oder als Manuskript“) – ausfüllen. Als symbolischen Wert setzt Webb ein Pfund ein, die Postgebühr beträgt 6,50 Pfund, zusammen also umgerechnet 8,97 Euro.

Bei den Empfängern kommen die Büchlein manchmal gar nicht an, vier Dänen verweigerten kürzlich wegen der „exorbitanten Zollgebühren“ die Annahme. Im Burgund hat Hobbysänger Keith Malin jetzt seine Sendung erhalten und 10 Euro bezahlt. Wie es zu der Höhe der Zollgebühr kommt? „Das gehört zu den Menschheitsrätseln“, sagt Malin ironisch lachend am Telefon. Tatsächlich bleibt für Absender vielfach unklar, welcher Betrag ihrer Kundschaft an der Haustür abgeknöpft werden soll.

Auf beiden Seiten des Ärmelkanals haben Tausende Firmen denselben Schluss gezogen und den gegenseitigen Handel eingeschränkt oder aufgegeben. Exporte kleiner und mittelständischer Unternehmen aus dem Vereinigten Königreich in die EU sind um 30 Prozent zurückgegangen, rund 20 000 Kleinunternehmer haben die Lieferung auf den Kontinent ganz eingestellt. Insgesamt sei der Export von Gütern bis Ende 2023 um 27 Prozent zurückgegangen, weiß Emily Fry vom Thinktank Resolution Foundation.

Große Unternehmen können die zusätzlichen Kosten leichter verkraften. Freilich bedeutet dies im Fall des Einzelhandelsgiganten Marks&Spencer (M&S) die Anmietung einer Lagerhalle in Irland, in der sechs Jahre lang die nötigen Formulare für den irisch-britischen Handel mit Milch und Wurstwaren aufbewahrt werden. Dabei habe keine der beteiligten Behörden „die Papiere auch nur angeschaut“, ärgert sich M&S-Chairman Archie Norman.

Der frühere Sainsbury’s-Chef Justin King bestätigt: Gerade der Lebensmittelsektor habe „brutal gelitten“. Starke Verluste verzeichnet auch die verarbeitende Industrie. Anders als bei Gütern bleibe der Export von Dienstleistungen stabil, auch das Finanzzentrum City of London hat deutlich weniger stark gelitten als vorhergesagt, berichtet Jonathan Portes, Wirtschaftsprofessor am Londoner King’s College. Insgesamt aber gebe es einen „eindeutig negativen Effekt“.

Mittel- und langfristige Folgen spüren längst der Milliarden-schwere Unisektor sowie die Wissenschaft. Als sich die Briten zum Austritt entschlossen, bestand in manchen Fächern bis zu 20 Prozent des Lehrpersonals aus EU-Ausländern, viele Wissenschaftler:innen strebten wenigstens für begrenzte Zeit auf die Insel. Inzwischen haben viele Professor:innen das Königreich verlassen, Nachwuchs zu rekrutieren ist schwieriger geworden. Selbst der Wunsch nach einem Praktikum von wenigen Wochen Länge führt zu teils monatelangem Visumsstreit mit der Ausländerbehörde.

Ob sich an den unbefriedigenden Zuständen etwas ändert? Am Montag ist Keir Starmer zu Gast beim Rat der Staats- und Regierungschefs in Brüssel. Wieder einmal wird der Labour-Premier die Zusammenarbeit bei Verteidigung und Sicherheit rühmen. Weil aber die Anrainerstaaten mehr in britischen Gewässern fischen wollen, die Briten zudem den von Deutschland gewünschten Zugang für junge Leute verweigern, dürften konkrete Fortschritte ausbleiben. Der Brexit verdamme sein Land zu einem „endlosen Zyklus neuer Verhandlungen“, fürchtet Anand Menon vom Thinktank Ukice: „Die EU wird uns nicht loslassen.“

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