VonPeter Riesbeckschließen
Die Freiheitspartei PVV bleibt trotz Wilders' Rückzug Spitzenreiter in Umfragen, doch Koalitionspartner fehlen dem Rechtspopulisten.
Ein Platz blieb leer: Rechtspopulist Geert Wilders fehlte am Wochenende in der ersten großen Runde der Spitzenkandidaten vor der Wahl in den Niederlanden am 29. Oktober. Nachdem in der Vorwoche ein mutmaßlich islamistisches Anschlagskomplott gegen den belgischen Premier Bart De Wever aufgeflogen war, tauchte auch Wilders Name in den Akten als mögliches Ziel auf. „Ich habe ein ungutes Gefühl und stelle vorerst alle Wahlkampfaktivitäten ein", twitterte Wilders. Gut zwei Wochen vor dem Votum fehlt seiner Kampagne der zentrale Akteur.
Wilders steht bereits seit dem Mord an dem islamkritischen Regisseur Theo van Gogh 2004 unter Polizeischutz. „Bis nicht mehr bekannt ist, gehe ich nirgendwo hin", erklärte Wilders auf der Plattform X. Angebote, die TV-Debatte von einem geheimen Ort aus auszustrahlen, lehnte er ab. So tritt Wilders vorerst nicht öffentlich auf, bestimmt aber weiter die Debatten. In der jüngsten Erhebung für den Sender NOS führt Wilders mit seiner rechtspopulistischen Freiheitspartei PVV die Umfragen mit gut dreißig Sitzen an, vor der christdemokratischen CDA mit Spitzenkandidat Henri Bontenbal (24 Mandate) und dem rot-grünen Listenbündnis aus Sozialdemokraten und Grünen um den früheren Vizechef der EU-Kommission Frans Timmermans (22 Abgeordnete).
Das ist aus zwei Gründen bemerkenswert: Wilders war im Juni aus einer Vierer-Koalition um den parteilosen Premier Dick Schoof im Streit um eine Verschärfung des Asylrechts ausgestiegen. Doch scheint ihm die Flucht aus der Verantwortung in Umfragen kaum zu schaden. Dennoch plagt Wilders ein Problem: Seinen Freiheitlichen fehlen Bündnispartner; außer rechten Splittergruppen will niemand mit ihm koalieren. So radikalisiert sich der Rechtspopulist zunehmend. Zuletzt ließ er im Parlament gar über ein Verbot der Antifa im Land abstimmen. Ein Versuch, die Stimmung im Land anzuheizen. Für Wilders, 62, wird die Wahl Ende Oktober zur letzten Chance. Auch die neue Rechte in Europa wird älter.
Umso härter wird der Kampf um den zweiten Platz geführt. Der rot-grüne Spitzenkandidat Timmermans, 64, erhöhte am Wochenende den Druck. Er werde nur als Premier in eine Regierung eintreten, sagte Timmermans dem „Telegraaf“. „Das ist meine Entscheidung. Ich bin schon Minister gewesen", erklärte der frühere niederländische Außenamtschef und EU-Kommissar.
Timmermans setzt im Wahlkampf auf soziale Themen wie Wohnungsbau. Zugleich bemüht er sich, Koalitionspartner zu gewinnen. Er liebäugelt mit der christdemokratischen CDA und der rechtsliberalen VVD, präsentiert sich als linke Alternative nach der chaotischen Politik der gescheiterten rechten Koalition. Im Gespräch mit der Zeitung „Trouw" bemühte er ein Bild aus den alten Tagen des Bambini-Fußballs: „Mal sehen, ob wir dem Land zeigen können, dass es eine andere Möglichkeit gibt, als ein Knäuel-Gekicke rund um den Ball." Die Stimmen für rot-grün sind in den Umfragen allerdings eher rückläufig. Die Christdemokraten erleben stattdessen ein unerwartetes Comeback. Ihr Kandidat Henri Bontenbal, 42, ist plötzlich das junge Gesicht in der heimischen Politik. Bontenbal fährt eine Mikado-Taktik, darauf bedacht, bloß keine Fehler zu machen. Timmermans geht angesichts dessen zum Angriff über: „Ich möchte das klarstellen. Die Wähler müssen wissen, dass die CDA rechts und nicht links tickt. Wir sind die einzige Alternative zu einer weiteren rechten Regierung", sagt er. Nicht nur für die Niederlande geht es um viel.
