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Sie ist verseucht: die Ruine von Tschernobyl. Im Ukraine-Krieg hat Russland die Sperrzone besetzt. Nun wurde bekannt: Die Atomenergiebehörde hat den Kontakt verloren.
Update vom 09. März um 13:30 Uhr: Etwa zwei Wochen nach der Einnahme des ehemaligen ukrainischen Atomkraftwerks Tschernobyl durch russische Soldaten ist die Anlage von der Stromversorgung abgeschnitten. Durch die Kämpfe auf dem Reaktorgelände seien Stromleitungen beschädigt worden, teilte der ukrainische Netzbetreiber Ukrenerho am Mittwoch mit. Derzeit könnten diese auch nicht repariert werden, da Kampfhandlungen nördlich von Kiew dies verhindern würden.
Die Lage vor Ort soll für die Arbeiter dramatisch sein: Der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) zufolge seien 210 Techniker und lokale Sicherheitsmitarbeiter seit fast zwei Wochen ununterbrochen im Dienst, weil es unter russischer Kontrolle keinen Schichtwechsel mehr gegeben habe. Zwar würden die Mitarbeiter über Wasser und Nahrung verfügen, allerdings würde sich die Situation weiter verschlechtern. Ein weiteres Problem ist, dass die IAEA die Verbindung zum Atomkraftwerk Tschernobyl verloren hat. Deshalb kann sich aktuell nicht sicherstellen, dass das Nuklearmaterial weiterhin an seinem Platz ist.
Erstmeldung vom 25. Februar um 17:21 Uhr: Kiew/Tschernobyl – Es war ein Schreckmoment, als im Laufe von Tag 1 des russischen Kriegs in der Ukraine die Nachricht verbreitet wurde, dass Kämpfe zwischen russischen und ukrainischen Streitkräften unweit des havarierten Atomreaktors in Tschernobyl stattfinden. Russlands Präsident Wladimir Putin hatte am frühen Donnerstagmorgen den Marschbefehl ins Nachbarland gegeben. Offiziell wurde die Militäraktion damit begründet, dass in den abtrünnigen Regionen in der Ostukraine der Frieden gesichert werden müsste. Wenige Stunden später war aber klar: Die Truppen des Kremls greifen die Ukraine an, auf breiter Front und über das gesamte Land verteilt.
Ukraine-Krieg: Russland erobert Atomkraftwerk Tschernobyl – doch was will Präsident Wladimir Putin mit der Ruine?
Nach der Eroberung des früheren Atomkraftwerks Tschernobyl, das im Jahr 1986 Schauplatz einer der schlimmsten Katastrophen bei der friedlichen Nutzung der Kernenergie war, durch russische Truppen fragt sich nun die Öffentlichkeit, was Wladimir Putin mit dem alten Atommeiler will und ob eine Gefahr für andere Länder droht? Unter anderem hatten sich die Vereinigten Staaten von Amerika äußert besorgt wegen der Einnahme der Sperrzone gezeigt. Die Sprecherin des Weißen Hauses, Jen Psaki, sagte in Washington: „Diese unrechtmäßige und gefährliche Geiselnahme, die routinemäßige Arbeiten zum Erhalt und zur Sicherheit der Atommüll-Einrichtungen aussetzen könnte, ist unglaublich alarmierend und sehr besorgniserregend.“
Während Wladimir Putin weiter zum Angriff auf Kiew bläst, sichern gegenwärtig russische Fallschirmjäger das Gelände um das ehemalige Atomkraftwerk Tschernobyl im Osten der Ukraine. Wie ein Sprecher des russischen Verteidigungsministeriums am Freitag sagte, seien auch Spezialisten eines ukrainischen Wachbataillons nach Absprache weiter im Einsatz. Sorge bereiten den Westen derweil ein möglicher Austritt von Radioaktivität. Die Ukraine hatte zudem im vergangenen Jahr auf dem Gelände um Tschernobyl ein Lager für Atommüll eingerichtet – ursprünglich, um unabhängiger von Russland zu werden.
Krieg in der Ukraine: Wurde die Tschernobyl-Anlage bei Kämpfen getroffen? Atomenergiebehörde wegen Strahlung besorgt
Seitens der Kreml-Regierung von Wladimir Putin, der kaum noch Verbündete an seiner Seite hat, gebe es derzeit keine Auffälligkeiten, die die radioaktiven Werte in der Region betreffen. Eine Aussage, die angesichts der anfänglichen Vertuschungsversuche der Sowjetunion nach dem Reaktorunglück von 1986 vom Westen mit Sicherheit mit Vorsicht aufgenommen wird. Ukrainische Behörden melden hingegen, dass die Strahlenbelastung um Tschernobyl nach den Kämpfen deutlich zugenommen habe. Wegen der gegenwärtigen Lage sei es aber unmöglich, eine Begründung für den Anstieg zu erkennen. Die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA) äußerte sich am Freitagvormittag nicht.
Gegenüber kreiszeitung.de sagte eine Sprecherin des Bundesamts für Strahlenschutz, dass die Lage in der Sperrzone von Tschernobyl aufmerksam beobachtet werde. Auch sie bestätigte, dass mögliche Ursprünge für erhöhte Strahlenwerte derzeit nicht valide überprüft werden können. Mitarbeiter des Bundesamtes seien gegenwärtig in engem Austausch mit internationalen Partnern, darunter auch der Internationalen Atomenergie-Behörde (IAEA). Man verfolge die Entwicklungen sehr genau. „Aufgrund der aktuellen Wetterlage ist allerdings kurzfristig nicht zu erwarten, dass möglicherweise radioaktiv kontaminierte Luft Deutschland erreichen könnte“, sagte die Sprecherin weiter.
Wie gefährlich die Situation in Tschernobyl werden könnte, erklärte Anton Geratschenko, ein Berater des ukrainischen Innenministeriums, am Donnerstag auf Facebook. „Wenn die Artillerie der Invasoren die Kollektoren für nukleare Abfälle trifft und zerstört/beschädigt, kann sich radioaktiver Staub über das Gebiet der Ukraine, Weißrusslands und der EU verteilen“, schrieb der Politiker, wie unter anderem der Business Insider berichtete. Nicht ausgeschlossen wird derzeit laut Associated Press, dass der russische Beschuss ein Lager für radioaktive Abfälle getroffen haben könnte.
Ukraine-Konflikt: Experten rufen Russland und Ukraine zur Zurückhaltung auf
Was Wladimir Putin derweil mit dem Gebiet vorhat, ist weiter unklar und Teil von Mutmaßungen. Wie Lydia Zablotska, Strahlenexpertin an der Universität von Kalifornien in San Francisco, gegenüber dem Business Insider erklärte, handle es sich bei der Ruine Tschernobyl um den am stärksten kontaminierten Ort auf der Erde. „Niemand sollte sich in diese Gebiete begeben“, sagte Zablotska. Das Betreten der Sperrzone sei nicht ohne Grund gefährlich. Das würde auch eine Reihe von Studien belegen.
Vor diesem Hintergrund rief die IAEA alle Parteien zu einem „Höchstmaß an Zurückhaltung“ auf, wie Focus Online berichtete. Wegen der potenziellen Unfallgefahr im Zuge der Kampfhandlungen verfolge man die Situation in der Ukraine mit „großer Sorge“. Warum Tschernobyl überhaupt trotz der Gefahr für alle zum Schauplatz des Krieges wurde, darüber gibt es unterschiedliche Theorien.
Ukraine-News: Russland rückt auf Kiew vor – für die Belagerung spielt auch Tschernobyl eine Rolle
Militärexperten jedenfalls verwundert Putins Vorgehen nicht. So liegt die Anlage nur zehn Kilometer von der Grenze zu Belarus entfernt. Die russischen Truppen nutzten das Land als Basislager für den Angriff auf Kiew. Auf ihrem Vormarsch in Richtung der ukrainischen Hauptstadt kamen die Soldaten praktisch an der Sperrzone vorbei. Es sei „taktisch unklug“, solche Zonen dann nicht auch einzunehmen, sagte Militärexperte Carlo Masala zu kreiszeitung.de.
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Der Professor an der Universität der Bundeswehr in München, der auch Putins Strategie in dem Ukraine-Konflikt analysiert hat, vermutet aber noch einen weiteren Grund für die Einnahme: Neben der alten Ruine werden in Tschernobyl noch vier aktive Reaktoren betrieben, die zuvorderst Kiew mit Strom versorgen. Für den Angriff auf Kiew sei dieser Fakt strategisch nicht unwichtig, sagte der Experte. Bereits am Freitag standen die ersten russischen Truppen vor den Stadttoren. Beim Vorrücken oder einer möglichen Belagerung sei es ein Vorteil, wenn man Zugriff auf die Stromversorgung habe und diese notfalls zur Schwächung des Gegners kappen könnte, so Masala. * kreiszeitung.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.
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