„Tor ins All“

Nach Trump-Schock: Wie sich Norwegen und Deutschland mit einem Weltraumprogramm gegen Putin rüsten

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Norwegen und Deutschland wollen gemeinsam Spitzenreiter in der Raumfahrt werden – sonst sei Europas Resilienz gegen Russland in Gefahr, heißt es.

Berlin – Man kann sich kaum stimmungsvollere Orte für einen Weltraumbahnhof vorstellen als Andøya, hoch im Norden von Norwegen, wo bisweilen bunte Nordlichter über den Himmel schwirren, wenn die Raketen starten. 1962 stieg Norwegen in die Raumfahrt ein, seit 2023 gibt es mit dem Münchner Start-up Isar Aero Space, das dort seine „Spectrum“-Satellitenträgerraketen abheben lässt, einen deutschen Partner. Das passt in die neue deutsch-norwegische Freundschaft: Die beiden Länder kooperieren seit einigen Jahren besonders eng vor allem beim Thema Verteidigung, bauen gemeinsam U-Boote. Und 2024 hat Norwegen 54 Leopard-2-Panzer in Deutschland eingekauft.

Forschungsrakete „Shefex II“ beim Start vom Andøya Spaceport in Norwegen.

Land, Wasser – und jetzt auch der Weltraum. Im Juli erst hatte Bundeskanzler Friedrich Merz bei einem Deutschlandbesuch von Norwegens Staatschef Jonas Gahr Støre in Berlin Norwegen das europäische „Tor zum All“ genannt. Angesichts der Bedrohung aus Russland müssten die beiden Länder künftig in der Sicherheitspolitik enger zusammenarbeiten, Norwegen leiste mit einem „unabhängigen Zugang“ zum Weltraum einen „Schlüsselbeitrag“.

Im Norden sieht man das ähnlich. „Norwegen und Deutschland ergänzen sich perfekt in diesem Bereich“, sagte Norwegens Botschafterin Laila Stenseng, die am Dienstag zu einer kleinen Runde in ihre Residenz im gediegenen Berliner Stadtteil Grunewald geladen hatte. „Die Zusammenarbeit beim Bau von U-Booten funktioniert hervorragend. Das ist nun der nächste Schritt. Deutschland und Norwegen arbeiten wohl deshalb so gut zusammen, weil beide Seiten den Wert der Kooperation erkannt haben und gemeinsam mehr erreichen“, so die Botschafterin. Das sei ein „Zukunftsmodell“. In Norwegen ist man bestrebt, die Kooperation auch beim Weltraum-Thema mit großen Schritten voranzutreiben. „Wir würden uns freuen, Raumfahrtministerin Dorothee Bär und Friedrich Merz in naher Zukunft in Oslo begrüßen zu dürfen“, so Stenseng.

Nato und Abwehr von Putin-Attacken: Kooperation zwischen Norwegen und Deutschland wird enger

Bei der Raumfahrt soll es auch um Forschung und Alltagstechnologien gehen. Vor allem Konstellationen von Kleinsatelliten in erdnahen Orbits, die deutlich günstiger und flexibler als komplexe Großsatelliten sind, werden zu einem immer größeren Wirtschaftsfaktor. Der Markt für weltraumgestützte Anwendungen werde bis 2040 jährlich um 7,4 Prozent auf 1,25 Billionen Euro wachsen, heißt es zum Beispiel in einer Studie der Unternehmensberatung Roland Berger und des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI). SpaceX, die Raumfahrtfirma von US-Unternehmer Elon Musk, schickt seit Jahren hunderte Satelliten ins All, als „Starlink“-System revolutionieren sie die mobile Kommunikation. Europa und Deutschland hinken bei dem Thema noch immer hinterher – das soll sich mit der stärkeren Zusammenarbeit ändern.

Vornehmlich geht es aber auch um Verteidigung. Seit dem Angriffskrieg von Putins Russland auf die Ukraine nehmen hybride Attacken auf europäische Länder zu. In Norwegen – das Land hat immerhin eine gemeinsame Grenze mit Russland – spürt man das regelmäßig. Fredrik Borgmann, Kapitän zur See und norwegischer Verteidigungsattaché, mag die Formulierung „hybride Kriegsführung“ allerdings nicht. „Der Ausdruck ist so allgemein, dass er den Ernst dessen, was tatsächlich um uns herum geschieht, verschleiern kann“, so Borgmann im Gespräch mit dieser Redaktion am Rande des Botschaftsabends. „Wir sind bereits Angriffen von russischer Seite ausgesetzt – Sabotage, Spionage und Cyberangriffe, aber auch Beeinflussungskampagnen und Desinformation sowie Grenzverletzungen und Drohnenüberflüge“, machte er klar.

Eine Besonderheit vom Standort Andøya: Von hier aus lassen sich Satelliten besonders gut in Orbits schicken, die von Pol zu Pol reichen. Und die maritimen Gebiete hoch im Norden, in denen Nato-Kräfte immer wieder russische Bewegungen wahrnehmen, lassen sich so optimal beobachten.

Spezialmunition für die Ukraine und deutsche Autoteile: Industriepark Raufoss in Norwegen

Ein zugefrorener See in Norwegen nördlich von Oslo
Raufoss liegt zwischen dichten Wäldern und großen Seen – gut 130 Kilometer nördlich der norwegischen Hauptstadt Oslo.  © Peter Sieben
Ein rotes Haus mit Holzfassade in der Dämmerung im Schnee
Bunte Häuser mit Holzfassaden säumen die Straßen. © Peter Sieben
Ein Straßenschild in Raufoss in Norwegen und ein Haus im Schnee
„Verteidigungsausrüstung“ steht auf dem Schild über dem Logo von Rüstungsproduzent Nammo. Wer durchs idyllische Städtchen Raufoss schlendert, rechnet nicht damit, dass direkt nebenan ein bedeutender Industriepark liegt, in dem auch Munition für die Ukraine produziert wird.  © Peter Sieben
Øivind Hansebråten, CEO vom Raufoss Industriepark in Norwegen
Øivind Hansebråten ist CEO vom Raufoss Industriepark, einem der bedeutensten in Norwegen. Im Vergleich zu deutschen Parks ist er recht überschaubar. „Ich weiß, in Deutschland ist alles größer, aber für uns ist das schon ganz gut“, sagt Øivind und grinst. Dafür geht es hier recht familiär zu. © Peter Sieben
Emma Østerbø im Catapult Centre in Raufoss
Know-how wird im Industriepark geteilt: Emma Østerbø ist General Manager beim Raufoss Katapult Center. Hier können Start-Ups Prototypen testen.  © Peter Sieben
Gebäude von Benteler im Raufoss Industriepark in Norwegen
Im Raufoss Industriepark gibt es auch ein großes deutsches Unternehmen: der Autozulieferer Benteler. Dabei sind die Löhne hier höher als in Deutschland. Aber: Das Unternehmen nutzt hier auch norwegisches Know-How, um Automationsmechanismen zu testen.  © Peter Sieben
Mitarbeiter von Benteler in Raufoss in Norwegen
In den Produktionshallen von Benteler arbeiten pro Schicht nur zwei bis drei Menschen – das meiste läuft automatisiert. Das hat zwei Gründe: Fachkräfte sind Mangelware, im riesigen Norwegen leben vergleichsweise wenige Menschen. Und: Die Löhne für Fachkräfte sind hoch. Viele Unternehmen setzen auf Automation.  © Peter Sieben
Das moderne Verwaltungsgebäude von Nammo in Raufoss in Norwegen
Das moderne Verwaltungsgebäude von Nammo: Der Rüstungskonzern und Produzent von Spezialmunition gehört zu den ganz großen und zentralen Unternehmen im Industriepark.  © Peter Sieben
Eine Backstein-Werkshalle von Nammo im Raufoss-Industriepark in Norwegen
Eine der Werkshallen von Nammo: Im Raufoss Industriepark gibt es zahlreiche renovierte historische Gebäude.  © Peter Sieben
Nammo-Munitionsfabrik in Raufoss in Norwegen
Fotos dürfen in der Munitionsfabrik nur an einer einzigen Stelle gemacht werden. Damit keine sensiblen Informationen nach außen dringen, gelten strenge Sicherheitsregeln.  © Peter Sieben
Ein Arbeiter an einer Maschine in der Munitionsfabrik von Nammo in Raufoss in Norwegen
Präzision hat eine hohe Priorität: Mithilfe von Robotern und Computertechnik werden die Projektile gefertigt.  © Peter Sieben
Thorstein Korsvold (links), Pressesprecher von Nammo, im Gespräch mit Redakteur Peter Sieben.
Thorstein Korsvold (links), Pressesprecher von Nammo, im Gespräch mit Redakteur Peter Sieben.  © Ippen.Media
Thorstein Korsvold, Pressesprecher von Nammo, stemmt eine Stahlhülse
Thorstein Korsvold stemmt eine der fertigen Hülsen, die zu Projektilen weiterverarbeitet werden: „Wiegt locker 30 bis 40 Kilo.“ Das meiste, das sie hier produzieren, geht an die ukrainischen Streitkräfte. So werden hier Rohlinge für M72-Panzerabwehrmunition gefertigt, die von ukrainischen Soldaten massenhaft verschossen werden. „Wir sind stolz auf unsere Produktion“, sagt Thorstein. „Aber es hat alles zwei Seiten. Wenn unser Geschäft besonders gut läuft, hat das düstere Gründe.“  © Peter Sieben

Das Thema Weltraum gehöre nun klar zur strategischen Infrastruktur in Europa, auch militärisch, sagt Verteidigungsattaché Borgmann: „Mithilfe von Satelliten und KI können wir ungewöhnliche Bewegungen von Schiffen erkennen und so etwa die Schattenflotte in Schach halten und die Unterwasserinfrastruktur sichern.“ Russlands Schattenflotte mit seinen teils uralten Schiffen ist seit Jahren ein Sicherheitsrisiko im Nordatlantik, auch das Risiko von Sabotageakten gegen Unterwasser-Pipelines bleibt weiterhin groß. Ohne Satelliten wären die Nato-Verbündeten nahezu blind gegenüber solchen Attacken. Unterwasserdrohnen etwa vom norwegischen Rüstungsriesen Kongsberg ergänzen die Abwehrmaßnahmen.

Deutschland wiederum beschafft norwegische Marschflugkörper vom Typ Joint Strike Missile (JSM) für seine F-35-Kampfflugzeuge. Für deren korrekte Steuerung sowie für Langstreckenraketen sind Satellitendaten nötig. Norwegen profitiert dabei von deutscher Sensortechnik, die zur Weltspitze zählt. „Raumfahrt ist der Kern und Schlüssel dessen, was Europa dringend aufbauen muss, um resilient und verteidigungsfähig zu sein“, so Fredrik Borgmann. Besonders deutlich sei das geworden, als US-Präsident Donald Trump im März vorübergehend den Zugang zu nachrichtendienstlichen Informationen gekappt hatte. Ein Schock für Europa – und ein Augenöffner. „Es wurde vielen bewusst, wie stark wir von amerikanischer Aufklärung und Überwachung abhängig sind“, so Borgmann. „Durch den Ausbau einer stärkeren europäischen Fähigkeit im Weltraum können wir eine komplementäre Kapazität zu den USA schaffen und eine größere Redundanz aufbauen – zum Nutzen von Europa, den USA und der Nato“. (Quellen: Eigene Recherchen, Gespräche mit Expertinnen und Experten)

Rubriklistenbild: © Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt e.V./dpa

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