Elektronische Kriegsführung

„Dann hast du eine Armee aus dem 19. Jahrhundert“: Insider erklären einstige Schwäche Russlands – und die Reaktion

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Angriff auf die Ukraine: Die russischen Invasoren setzen auf Mehrfachraketenwerfer wie diesen.
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Russland setzt im Ukraine-Krieg vor allem auf Zerstörung. Aber auch auf Störung. Hinsichtlich der elektronischen Kriegsführung hat ein Lerneffekt eingesetzt.

Kiew – Im Ukraine-Krieg wird auf beiden Seiten mit so ziemlich allen Mitteln gekämpft. Dazu gehört auch die elektronische Kriegsführung. Und der kommt in diesem Konflikt eine besonders bedeutende Rolle zu. „Wenn du in der elektronischen Kriegsführung verlierst, hast du eine Armee aus dem 19. Jahrhundert“, zitiert die BBC Jaroslaw Kalinin. Der Geschäftsführer von Infozahyst, das die ukrainischen Truppen mit dem entsprechenden Equipment ausrüstet, ergänzt: „Du würdest deinem Gegner zehn Schritte hinterher sein.“

Elektronische Kriegsführung zwischen Ukraine und Russland: „Krieg der Technologien“

Ähnlich sieht es Colonel Ivan Pawlenko, der im gleichen Artikel zu Wort kommt. „Dies ist ein Krieg der Technologien“, betont der Chef der Abteilung für elektronische und Cyber-Kriegsführung des ukrainischen Generalstabs. Und so setzen die Verteidiger auf Soldaten, die elektronische Signale der Russen abfangen – ob sie nun von Drohnen, Luftabwehrsystemen, Störsendern, Artillerie oder Mehrfachraketenwerfern ausgehen.

Denn fast alle modernen Waffensysteme würden Funkwellen, Mikrowellen, Infrarot oder andere Frequenzen nutzen, um Daten zu empfangen. Und seien somit zu enttarnen. Die gewonnenen Informationen verhelfen Kommandeuren dazu, sich ein Bild vom Kriegsgebiet zu machen. Außerdem kann so die Zerstörung des ausgemachten russischen Equipments eingeleitet werden.

Pawlenko erklärt, welche Schlüsse er aus Beobachtungen ziehen kann: „Wenn ich mehrere Funkstationen am selben Ort entdecke, weiß ich, dass es sich um einen Kommandoposten handelt. Wenn ich mitbekomme, dass sich diese Funkstationen vorwärtsbewegen, verstehe ich, dass es sich um eine Gegenoffensive oder Offensive handeln kann.“

Russland und die elektronische Kriegsführung: „Wollten in Luftabwehrsysteme eindringen“

Russland soll laut Pawlenko zu Beginn der Invasion über 18.000 Einheiten für die elektronische Kriegsführung verfügt haben. Doch der gewünschte Effekt blieb offenbar aus – wohl auch ein Grund, warum der für drei Tage angelegte Eroberungsfeldzug zu einer scheinbar nicht enden wollenden Krieg ausartete.

„Sie haben versucht, unser Radar auszuschalten, um in unsere Luftabwehrsysteme einzudringen“, berichtet Kalinin: „Dabei waren sie teilweise erfolgreich, aber nicht komplett.“ So habe die ukrainische Luftabwehr die Jets der Russen vom Himmel holen können. Und weil die Truppen von Kreml-Chef Wladimir Putin also nicht die Lufthoheit hatten, seien sie an der schnellen Einnahme von Kiew gescheitert.

Den Invasoren sei es auch nicht gelungen, die Kommunikation entscheidend zu stören. Deshalb habe die Ukraine ihre Verteidigung organisieren können. Zwar seien einige militärische Satellitennetze ausgeschaltet worden, doch die Mobilfunk- und Internetkommunikation sei kaum beeinträchtigt gewesen. So hätten bei Russlands Marsch auf die südukrainische Stadt Mykolajiw Einwohner das Militär via Handy über die Truppenbewegungen informieren können.

Elektronische Kriegsführung: Ein russischer Soldat bringt eine Drohne zu einer Abflugvorrichtung.

Russland zu siegesgewiss? Elektronische Waffensysteme wohl zu groß und zu unhandlich

Offenbar ging der Kreml in seiner Siegesgewissheit davon aus, bei weitem nicht alle elektronischen Waffensysteme zu benötigen. Doch diese Überheblichkeit war demnach nicht das einzige Problem der Russen. So schreibt BBC auch, laut Bryan Clark, dem Direktor des Center for Defense Concepts and Technology bei der US-Denkfabrik Hudson Institute, könnten Russlands Einheiten der elektronischen Kriegsführung nicht mit dem Rest der eigenen Truppen mithalten.

„Russische Systeme sind große, unhandliche, fahrzeuggestützte Systeme, die für den Einsatz in der Defensive konzipiert sind“, wird der Experte zitiert: „In der Folge waren ihre Systeme zur elektronischen Kriegsführung nicht sehr wendig, nicht sehr schnell und auch nicht sehr zahlreich.“

Russland mit neuem Equipment: Truppen können nun GPS stören und Radar unterdrücken

Allerdings habe Russland aus seinen Fehlern gelernt und baue nun auf kleinere und schnellere Geräte. So würden entlang der Frontlinie Hunderte von mobilen Einheiten zur elektronischen Kriegsführung eingesetzt werden, um die Gegenoffensive der Ukraine einzubremsen. Darunter seien GPS-Störsender ebenso wie Systeme, die das Radar unterdrücken und verhindern, dass US-Flugzeuge Ziele für einen Angriff der Ukraine identifizieren können.

Die unter Druck stehenden russischen Truppen könnten somit auch Drohnen deaktivieren, die in der Lage sind, Artilleriefeuer zu lenken oder Kamikaze-Angriffe durchzuführen. Auf eine ähnlich funktionierende Waffe zur Störung feindlicher Drohnen baut auch die Ukraine.

Für Putins Truppen könnten sich die Neu-Entwicklungen als besonders effektiv erweisen, weil viele der von Nato-Staaten an die Ukraine gelieferten Waffen zur Navigation ein GPS-Signal senden sollen. Dies gelte etwa für die Lenkraketen des Mehrfachraketensystems Himars, die gerade bei der Gegenoffensive im vergangenen Herbst sehr hilfreich gewesen sein sollen.

Video: Gegenoffensive der Ukraine - Militärexperte sieht Wendepunkt

Russland kann ukrainische Pläne stören: Signal-Reichweite von bis zu 30 Kilometern

Einer Analyse des britischen Royal United Services Institute (RUSI) zufolge zeigen US-Dokumente, dass die russischen Störaktionen Folgen für die sogenannte Joint Direct Attack Munition (JDAM) haben. Bei dieser handelt es sich um Bausätze, mit denen ungelenkte Bomben ausgerüstet werden, um sie zielgenau auf die Reise schicken zu können. Sie enthalten dafür das GPS.

Durch Störangriffe kann Russland die JDAMs zwar nicht ausschalten, aber die Genauigkeit der Flugbahn beeinträchtigen. Gerade bei verhältnismäßig kleinen Zielen stelle dies ein Problem dar. Die Reichweite der russischen Störattacken soll 30 Kilometer betragen. Weiter heißt es, die GPS-Signale seien sehr schwach, wodurch sie mit vergleichsweise wenig Leistung gestört werden könnten.

Bereits in den frühen 2000ern haben die USA demnach der Anfälligkeit ihrer JDAMs entgegengewirkt. Seither reagiert der GPS-Empfänger nur noch auf Signale mit einer bestimmten Verschlüsselung. RUSI will jedoch von einem Experten erfahren haben, dass ein starkes Störsignal noch immer Auswirkungen auf die JDAMs haben kann.

Russland und die Störsignale: Ukraine kann nach Identifizierung Artillerie darauf ansetzen

Um dem entgegenzuwirken, könnte das System so programmiert werden, dass es die Störsignale und deren Richtung erkennt, heißt es weiter. So könnten Signale aus dieser Richtung blockiert werden, während sie aus anderen Gebieten weiter empfangen werden. Dagegen wiederum könnte Russland sich wehren, indem es potenzielle JDAM-Ziele mit mehreren Störsendern schützt, die aus verschiedenen Richtungen zuschlagen.

Zugleich wird darauf hingewiesen, dass die Ukrainer besonders starke Störsignale eher erkennen können. Sei eines identifiziert, könnte die Artillerie darauf angesetzt werden. So könnten sich einige der Verluste Russlands bei den Systemen der elektronischen Kriegsführung erklären.

Allerdings sei es auch möglich, Signale zu fälschen. Dies wäre eine weitere Möglichkeit, die JDAMs von ihrem eigentlichen Ziel abzulenken.

Ziel von Störangriffen? Im Ukraine-Krieg sind auch Himars-Mehrfachraketensysteme im Einsatz. (Symbolbild)

Elektronische Kriegsführung in der Ukraine: „Zug und Gegenzug“ wie beim Schach

In der BBC spricht auch Clarke davon, dass es in der elektronischen Kriegsführung ständig hin und her gehe, wie beim Schach. „Zug und Gegenzug“, nennt es der Experte.

Für Pawlenko unterstreichen diese Fortschritte Russlands nur die Wichtigkeit, deren Systeme der elektronischen Kriegsführung ins Visier zu nehmen. „Bevor wir mit präzisionsgelenkter Munition zuschlagen wollen, müssen wir erst Aufklärungsarbeit leisten“, betont er: „Wenn ein Bereich von einem Störsignal betroffen ist, müssen wir den Störsender finden und zerstören, erst dann setzen wir die Waffe ein.“

Seit Beginn der Invasion hat die Ukraine nach seinen Angaben bereits mehr als 100 bedeutende Systeme der elektronischen Kriegsführung der Russen zerstört. Wie nah diese Zahl an der Wahrheit liegt, weiß wohl nur der Gegner. (mg)

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