- VonFelix Lillschließen
Japan beginnt am Donnerstag mit der Ableitung des verbrauchten Kühlwassers aus dem Kraftwerk. Die Stimmung bleibt dem Vorhaben gegenüber ambivalent.
Gut zwölf Jahre nach dem Atomdesaster quillt Fukushimas Kraftwerkanlage fast über. Ab Donnerstag wird das verbrauchte Kühlwasser nun vor Japans Küste in den Ozean geleitet. Eigentlich war es nur eine Frage der Zeit, aber als dann Fakten geschaffen waren, verbreitete sich die Nachricht wie ein Lauffeuer. „Die Regierung beschließt Datum zur Freigabe des behandelten Wassers“, titelte der öffentliche Rundfunksender NHK.
Weniger vorsichtig formulierte es die führende Nachrichtenagentur Kyodo: „Japan beginnt das kontroverse Ableiten radioaktiven Wassers aus Fukushima.“ Das Thema treibt Japan bereits seit nunmehr gut einem Jahrzehnt um. Was tun mit dem verbrauchten Kühlwasser, das die Temperaturen in der Atomruine von Fukushima auf erträglichen Temperaturen hält, damit weiteres Unheil vermieden wird? Seit dem Reaktorgau vom März 2011, als ganze Ortschaften evakuiert wurden, ist die Zahl mit radioaktivem Kühlwasser gefüllter Tanks auf über 1000 angestiegen. Bald geht der Platz für sie aus.
Im Juli hatte die Internationale Atomenergiebehörde, die schon länger bekannten Pläne der japanischen Regierung für gesundheitlich bedenkenlos erklärt. Am Dienstag hieß es in einem Statement: „Der Ansatz und die Aktivitäten für diese Ableitung sind im Einklang mit internationalen Sicherheitsstandards und haben eine vernachlässigbare radiologische Auswirkung auf Menschen und Umwelt.“
Hintergrund ist das vom japanischen Konzern Toshiba entwickelte Reinigungssystem ALPS Advanced Liquid Processing System, das aus dem Kühlwasser diverse radioaktive Substanzen herausfiltern soll. Durch diese Technologie wird das Wasser um 62 verschiedene Radionuklide erleichtert. Tritium kann es allerdings nicht herausfiltern. Dies wiederum will die Regierung so weit verwässern lassen, dass das Tritiumniveau auf ein Siebtel der Standards der Weltgesundheitsorganisation für Trinkwasser gesenkt wird. Bis all das gelagerte Kühlwasser abgelassen ist, dürften 30 Jahre vergehen.
Premierminister Fumio Kishida erklärte: „Die Regierung übernimmt die volle Verantwortung, auch wenn es Jahrzehnte dauert“, um die besorgte Bevölkerung zu beruhigen. Aber solche Äußerungen können wohl kaum die Sicherheit spenden, die sich viele Menschen wünschen. Masanobu Sakamoto, der Vorsitzende des nationalen Fischereiverbands erklärte beispielsweise: „Wir können die Haltung der Regierung, dass eine Ableitung in den Ozean die einzige Lösung ist, nicht gutheißen.“ Der Verband sorgt sich um bleibende Reputationsschäden für seine Branche, die einen wichtigen Wirtschaftszweig in der Region darstellt.
Eine oppositionelle Haltung, dem Vorhaben gegenüber, verbindet mehr Menschen, als jene, die direkt betroffen sind. Im August ergab eine Umfrage, dass 82 Prozent der Meinung sind, die Regierung habe ihr Vorhaben nicht ausreichend erklärt. Den Premierminister, der schon länger mit geringen Beliebtheitswerten zu kämpfen hat, könnte diese Angelegenheit letztlich den Job kosten, glaubt der Politikprofessor Hiroshi Shiratori. „Sicherheit durch Wissenschaft und Seelenfrieden sind unterschiedliche Dinge“, erklärte er. In mehreren Präfekturen im Nordosten Japans finden in diesem Jahr noch Regionalwahlen statt. Der Popularität von Kishidas konservativer Partei, die immerzu an der Atomkraft festgehalten und die Gefahren durch das Atomdesaster heruntergespielt hat, dürfte der jetzige Start des geplanten Abflusses kaum gut tun.
Die Ableitung sorgt nicht nur im Inland für Aufregung, sondern auch im Ausland. Laut dpa forderte speziell China den Verzicht Japans auf die Ableitung. China werde, laut einem Sprecher des Außenministeriums, alle notwendigen Maßnahmen ergreifen, um die Meeresumwelt, die Lebensmittelsicherheit und die öffentliche Gesundheit zu schützen. Seit dem Atomdesaster haben China, sowie Südkorea und Taiwan, Nahrungsmittelimporte aus Fukushima untersagt. Die EU und die USA haben einstige Beschränkungen wieder aufgehoben.