Analyse

Ökologen schlagen Alarm: EU plant neue Glyphosat-Zulassung

Eine Reihe von Ökologen kritisieren den Vorschlag der EU-Kommission für eine erneute Zulassung des umstrittenen Herbizids. Der Schutz der Artenvielfalt komme in vielen EU-Mitgliedstaaten viel zu kurz.

Glyphosat bleibt vorerst ein Zankapfel. Die EU-Kommission wälzt die Verantwortung auf die EU-Mitgliedstaaten ab und verspielt die Chance, harmonisierte Regeln für den Schutz der Artenvielfalt einzuführen. „Der Vorschlag enthält mehrere rechtlich nicht verbindliche Einschränkungen für die Mitgliedsstaaten“, kritisiert der Wiener Forscher Johann Zaller von der Universität für Bodenkultur in Österreich. „Viele Zuständigkeiten werden mit dem Vorschlag einfach auf die Mitgliedsstaaten übertragen. Angesichts des beklagenswerten Zustandes der Biodiversität in den Mitgliedstaaten und der Bedeutung, die sie dem Naturschutz beimessen, bedeutet das nichts Gutes“, kritisiert Zaller.

Landwirt verteilt mit einer Ackerspritze Herbizid (Symbolbild).

Die Forscherin Maria Finckh von der Universität Kassel, Leiterin des Fachgebiets Ökologischer Pflanzenschutz, hält die vorgeschlagenen Einschränkungen EU-weit betrachtet für eine Verbesserung. Konkret nennt sie vor allem das Verbot der Sikkation und die mindestens fünf Meter Randstreifen auf den Feldern, sowie den Verweis auf die Risiken der Beimischungen. Allerdings schränkt sie ein, dass „letzterer Verweis sehr ungenau und damit leicht auszuhebeln“ sei. Für Deutschland seien die Einschränkungen fast keine Veränderung des Status Quo, meint Finckh.

So bekommen Sie den Newsletter von Table.Media

Dieser Artikel liegt IPPEN.MEDIA im Zuge einer Kooperation mit dem Agrifood.Table Professional Briefing vor – zuerst veröffentlicht hatte ihn Agrifood.Table am 26. September 2023.

Erhalten Sie 30 Tage kostenlos Zugang zu weiteren exklusiven Informationen der Table.Media Professional Briefings – das Entscheidende für die Entscheidenden in Wirtschaft, Wissenschaft, Politik, Verwaltung und NGOs.

Die erneute Zulassung des umstrittenen Wirkstoffs soll nach Vorschlag der EU-Kommission an folgende Einschränkungen geknüpft werden:

  • Es werden Höchstwerte für fünf toxikologisch relevante Verunreinigungen im Glyphosat nach Herstellung vorgeschlagen.
  • Die Mitgliedstaaten müssen einen besonderen Fokus auf unerwünschte Wirkungen der Beimischungen des Pflanzenschutzmittels legen.
  • Sie müssen klären, wie hoch die Belastung für Verbraucherinnen und Verbraucher durch Glyphosat-Rückstände sein könnte, die auch in Folgekulturen zu finden sein könnten.
  • Ein Augenmerk sollte außerdem auf den Schutz des Grundwassers und von kleinen pflanzenfressenden Säugetieren gelegt werden.
  • Der Schutz von Land- und Wasserpflanzen, die durch die sogenannte Sprühdrift bei der Ausbringung von Glyphosat mit diesem in Kontakt kommen könnten, soll gewährleistet sein.
  • Es sollen indirekte Effekte auf die Artenvielfalt durch Wechselwirkungen im Nahrungsnetz berücksichtigt und gegebenenfalls durch lokale Regulationen vermieden werden.
  • Die sogenannte Sikkation – die Behandlung unmittelbar vor der Ernte für eine schnellere Reife, die in Deutschland bereits nur noch in Ausnahmefällen erlaubt ist – soll gänzlich untersagt werden. Des Weiteren soll ein mindestens fünf bis zehn Meter breiter, nicht besprühter Pufferstreifen am Feldrand gelassen werden.

Nach der Bewertung der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) hätte die EU-Kommission auch anders entscheiden können. Im Juli hatte die Behörde mit Sitz im italienischen Parma zwar eine positive Risikoeinschätzung für die erneute Zulassung von Glyphosat abgegeben. Aus ihren Schlussfolgerungen wird aber ersichtlich: Obwohl es laut EFSA keine kritischen Problembereiche gibt, die ein Verbot des umstrittenen Herbizids rechtfertigen, macht die Behörde einige Datenlücken, vor allem mit Blick auf die Biodiversität, geltend.

Artenvielfalt in Böden und Gewässern wird nicht berücksichtigt

„Der Vorschlag der EU-Kommission offenbart ein systematisches Leugnen des dramatischen Rückgangs der Biodiversität und der wissenschaftlichen Erkenntnis, dass Glyphosat dazu beiträgt“, kritisiert der österreichische Wissenschaftler Zaller. Er wirft der Brüsseler Behörde eine „Verhöhnung der ökologischen Wissenschaften“ vor und verweist auf die Studienlage zu den Auswirkungen des umstrittenen Wirkstoffs auf terrestrische Ökosysteme.

Der Vorschlag berücksichtige weder Auswirkungen auf das Mikrobiom noch auf Insekten, vor allem Bienen, ergänzt Forscherin Finckh. „Es werden nur indirekte Effekte auf die Biodiversität über das Nahrungsnetz genannt“, sagt Finckh. Aus Sicht der Wissenschaftlerin sei die antibiotische Wirkung von Glyphosat der triftigste Grund, warum der Wirkstoff problematisch ist: Dem Boden zugeführt, schädige er dort lebende Bakterien und Pilze oder führe zu resistenten Keimen, zu denen auch Humanpathogene gehören, welche im menschlichen Organismus Krankheiten hervorrufen können. „Folge sind häufig Dysbiosen: aus dem Gleichgewicht geratene Mikrobiome, zum Beispiel in der Darmflora, aber auch andernorts“, sagt Finckh. Die EU-Kommission unterlaufe mit diesem Vorschlag eigene Bemühungen, eine permanente Bodenbedeckung und Begrünung zu fördern, um insgesamt die Kohlenstoffspeicherung in den Böden zu erhöhen, meint Finckh weiter.

Wissenschaftler schlägt Deckelung der Menge vor

„Ich halte den Vorschlag für angemessen“, sagt hingegen Christoph Schäfer vom Fraunhofer-Institut für Molekularbiologie und Angewandte Ökologie. „Das wesentliche Problem von Glyphosat ist sein Einsatz in extrem großem Umfang. Wenn dieser mithilfe der neuen Regulation eingeschränkt wird, ist bereits viel erreicht. Besser ist: ganz ohne Herbizide.“ Hierzu brauche es eine Umstellung der räumlichen und zeitlichen Kulturfolgen und Untersaaten, mechanische Methoden in Verbindung mit Smart Farming, sowie höhere Erzeugerpreise und die Solidarität der Verbraucher.

„Glyphosat ist zwar von den Risiken her gesehen ein Leichtgewicht, aber es ist ein großer Treiber bei den ausgebrachten Mengen“, sagt Horst-Henning Steinmann von der Georg-August-Universität Göttingen. „Vielleicht sollten wir darüber nachdenken, ob ein System einer Mengendeckelung machbar ist.“ Dann könnte erreicht werden, dass Glyphosat nur dort angewendet wird, wo es den größten Nutzen hat und wo es keine praktikable Alternative gibt, meint Steinmann.

(Von Henrike Schirmacher)

Rubriklistenbild: © Martin Wagner/Imago

Kommentare