- VonBettina Menzelschließen
Soldaten in der Ukraine erleben jeden Tag die Gräuel des Krieges – egal, auf welcher Seite sie kämpfen. Aufgrund der hohen Suizidrate bietet Kiew russischen Militärs Hilfe an.
Kiew – Es begann schon beim Einmarsch: Zu Beginn von Russlands Angriffskrieg auf die Ukraine hatte der Kreml seine Soldaten im Unklaren über den Einsatz gelassen. Die Männer gingen vermeintlich in eine Übung und befanden sich plötzlich mitten im Ukraine-Krieg – logistisch und psychologisch unvorbereitet. Das hatte Einfluss auf die Moral und Kampfkraft der russischen Truppen.
Der rücksichtslose Umgang mit den eigenen Soldaten zieht sich wie ein roter Faden durch die Invasion von Putins Armee: Immer wieder gibt es Berichte von psychischem Druck, Gewalt und Morden in den eigenen Reihen des russischen Militärs. Angaben der Ukraine zufolge stiegen die Suizide unter russischen Generälen zuletzt deutlich an.
Gräuel im Ukraine-Krieg: Russlands Offiziere und Generäle gehen grausam mit eigenen Truppen um
Im Krieg sind Militärs mit vielen Grausamkeiten konfrontiert. Russland geht Berichten zufolge besonders grausam mit seinen Soldaten im Ukraine-Krieg um. Im Mai vergangenen Jahres hatten fünf russische Soldaten über einen General berichtet, der verletzte Kämpfer mit behandelbaren Verletzungen erschoss. Die Angaben ließen sich nicht unabhängig verifizieren.
Auch die für Menschenrechtsverletzungen bekannte Wagner-Gruppe ging brutal vor. Der Chef der Privatarmee, Jewgeni Prigoschin, warf die Kämpfer als Kanonenfutter an die Front, mit hohen Verlusten. Wer sich weigerte zu kämpfen, wurde teils von den eigenen Kommandeuren erschossen, hieß es.
Gräuel im Ukraine-Krieg: Offzier aus Russland soll eigene Soldaten bewusstlos geschlagen haben
In der Nähe von Tokmak im besetzten Teil der ukrainischen Region Saporischschja sollen verletzte Soldaten kürzlich von ihrem Offizier beschimpft und bewusstlos geschlagen worden sein, als sie um medizinische Hilfe baten. Das geht aus einem Bericht des Telegram-Kanals Astra hervor, der auf Tonbandaufnahmen basiert.
Einer der Kommandeure habe einen Soldaten mit Handschellen an einen Baum gefesselt, wo er etwa 24 Stunden lang hing. Demnach habe er ihm auch seine Waffe in die Hand gedrückt und die Wachen gefragt, ob sie bereit seien zu bestätigen, dass dieser Kämpfer ihn angegriffen habe, so der Astra-Bericht weiter. Die Angaben ließen sich ebenfalls nicht unabhängig verifizieren.
Soldaten im Ukraine-Krieg: Hohes Risiko einer posttraumatischen Belastungsstörung
Derartige Belastungen können zu Traumata führen – bei Militärangehörigen ein bekanntes Problem. Studien zufolge leiden beispielsweise bis zu 23 Prozent der Rettungskräfte, die am 11. September im Einsatz waren, an einer posttraumatischen Belastungsstörung.
Depressionen, Angstzustände, Drogenmissbrauch, aber auch selbstverletzendes Verhalten und Suizid sind mögliche Folgen. Soldaten, die im Ukraine-Krieg dienen, haben laut Forschern ein hohes Risiko, an einer posttraumatischen Belastungsstörung zu erkranken – unabhängig davon, ob sie für Russland oder die Ukraine kämpfen. Auch Zivilisten sind betroffen.
Ukraine meldet Anstieg von Selbsttötungen unter russischen Offizieren
Der Verteidigungsnachrichtendienst der Ukraine meldete nun einen Anstieg von Selbsttötungen unter russischen Offizieren. „Die Anzahl der Selbstmorde unter den pro-russischen und russischen Offizieren hat seit Beginn der groß angelegten Invasion zugenommen, und zwar erheblich“, sagte Andrii Jusow, Sprecher des ukrainischen Verteidigungsnachrichtendienstes, in einer nationalen TV-Sendung, wie Pravda am Freitag berichtete. Dies könne auch mit der Angst zusammenhängen, dass das ukrainische Militär sie finden werde, hieß es weiter.
Jusow betonte, die Ukraine nehme diejenigen Russen auf, die sich „nicht die Hände schmutzig machen und kriminelle Befehle ausführen wollen“, unabhängig von ihrem Rang, vom Gefreiten bis zum General und Kommandeur. Sofern sie sich im Rahmen des staatlichen Projekts „Hochu Zhit“ (zu Deutsch: „Ich will leben“) ergeben. „Wir garantieren eine Behandlung im Einklang mit den Genfer Konventionen und dem humanitären Völkerrecht, obwohl es sich um Mörder und Aggressoren handelt. Das bedeutet, dass wir garantieren, dass [die Kapitulation - Anm. d. Red.] zu Gefangenschaft führt“, versicherte Jusow.
Abgesehen vom Ukraine-Krieg: Russland und Ukraine zählen zu Ländern mit den höchsten Selbstmordraten weltweit
Russland und die Ukraine gehören laut Angaben der Weltgesundheitsorganisation WHO zu den Ländern mit den höchsten Selbstmordraten weltweit. Während Putins Reich lange Zeit auf Platz drei lag, stand die Ukraine schon vor Beginn des Krieges der WHO zufolge auf Platz 13. Besonders Militärangehörige sind davon betroffen.
Die meisten der Todesfälle im ukrainischen Militär gehen Schätzungen zufolge auf diese Ursache zurück, offizielle Zahlen fehlen jedoch. Für die eigenen Soldaten hat die Ukraine ein militärisches Rehabilitationszentrum für posttraumatische Belastungsstörungen in Charkiw eröffnet. Angaben des Economist zufolge kommen jede Woche 100 Soldaten zur Behandlung.
Generell berichten wir nicht über Selbsttötungen, damit solche Fälle mögliche Nachahmer nicht ermutigen. Eine Berichterstattung findet nur dann statt, wenn die Umstände eine besondere öffentliche Aufmerksamkeit erfahren. Wenn Sie oder eine Ihnen bekannte Person unter einer existentiellen Lebenskrise oder Depressionen leiden, kontaktieren Sie bitte die Telefonseelsorge unter der Nummer: 0800-1110111. Hilfe bei Depressionen und anderen psychischen Notfall-Situationen gibt es außerdem unter www.deutsche-depressionshilfe.de.