VonJakob Maurerschließen
Menschen, die an der US-Südgrenze auf Asyl hoffen, werden oft misshandelt, kriminalisiert und ignoriert. Flüchtlingshelferin Jennifer Long steht ihnen bei.
Nachts rattert ein Güterzug von Mexiko kommend durch die US-Grenzstadt Eagle Pass. Er passiert eine Flüchtlingsunterkunft, vor der ein Reisebus wartet. Einer, wie sie Texas einsetzt, um Geflüchtete, die nicht sofort zurückgewiesen werden, vom Südwesten auf das ganze Land zu verteilen.
Vor einem Jahr noch überquerten Tausende auf solchen Waggons die Grenze. Jetzt kommen hier so wenige Flüchtende an wie seit Jahren nicht mehr. Doch weil das Thema Migration im Wahljahr immer hitziger diskutiert wird, steigt der Druck dennoch.
Menschenrechtsgruppen wie „Human Rights First“ kritisieren die Regierung von Joe Biden und Kamala Harris für eine Verschärfung im Juni, die laut Weißem Haus „verhindert, dass Migranten, die unsere Südgrenze illegal überqueren, Asyl erhalten“. Dies verletze internationales Recht, lautet der Vorwurf, Asyl-Gesuche würden vielfach nicht einmal mehr geprüft.
Und in texanischen Schutzunterkünften wie der an den Gleisen von Eagle Pass geht wenige Wochen vor der US-Wahl die Angst um. „Tut mir leid, ich kann derzeit nicht reden“, schreibt eine engagierte Person. „Da sich die Dinge täglich ändern“, heißt es in einer anderen Nachricht, „geben wir derzeit keine Medienauskünfte.“
Die Republikaner im erzkonservativen Bundesstaat gehen gegen Organisationen vor, die jenen mit dem Nötigsten helfen, die vor Verfolgung und Gewalt fliehen, die ein besseres Leben suchen und sich dafür durch viele Länder bis über den Rio Grande wagen. In Städten wie El Paso und Houston werden Gruppen des Menschenhandels bezichtigt. Sie wehren sich dagegen, bislang blieben die Klagen gegen sie erfolglos.
Gut fünf Autostunden von Eagle Pass entfernt, am Ende einer unscheinbaren Straße der texanischen Hauptstadt Austin betreibt Jennifer Long eine Flüchtlingsunterkunft. Eine, die für Medien noch offen ist: die Casa Marianella. „Wir haben keine Angst“, sagt die 67-Jährige der Frankfurter Rundschau. Die Stadt unterstütze sie und der Staat Texas hätte sie noch nicht drangsaliert, „was nicht heißt, dass sie es nicht tun werden.“
Drei einstöckige, schlichte Häuser stehen im Schatten großer Ulmen und Platanen. Gelb und blau sind sie bemalt. Hühner laufen gackernd umher. An einem Nachmittag hämmern Handwerker im Akkord ein neues Dach auf das Haupthaus. Die Einrichtung, benannt nach der salvadorianischen Menschenrechtlerin Marianella García Villas, gibt es seit fast 40 Jahren und sie wird weiter gebraucht.
Long arbeitet seit mehr als drei Jahrzehnten hier. Als Friedensaktivistin in den Achtzigern habe sie gegen US-Eingriffe in Mittelamerika protestiert, bis ihr klar geworden sei, dass sie die Lage nicht ändern kann. „Ich beschloss, lieber echten Menschen zu helfen.“
Sie zeigt auf einer bunten Weltkarte an der Wand, woher die Geflüchteten kommen: Von Russland über China springt ihr Zeigefinger nach Afghanistan, in den Nahen Osten, quer durch Afrika, hinüber nach Südamerika und hinauf nach Mexiko.
573 Menschen aus gut 50 Ländern, so sagt sie, hätten 2023 hier gelebt. Die meisten kamen aus Angola, Venezuela und Kolumbien. Drei Monate dürfen sie bleiben und müssen den Behörden bekannt sein. Die 60 Plätze sind dauerhaft vergeben.
Long schildert das abgeklärt und fokussiert – und gibt sich kämpferisch. Selbst, wenn Donald Trump, der radikaler als Harris von einer „Invasion“ an der Grenze spricht, Geflüchtete als Kriminelle verteufelt und Abschiebungen im großen Stil ankündigt, im November ein zweites Mal US-Präsident würde: Sie und ihr 40-köpfiges Team würden „weiter versuchen, das zu tun, was wir jeden Tag tun: den Menschen helfen, die nächsten Schritte ihrer Integration zu gehen“.
Einer der Geflüchteten ist Jesús, ein 30-Jähriger aus Venezuela. Sein Blick ist glasig und gedankenversunken, der Mund schmal und geschlossen, die Schultern und der Kopf gesenkt. „Ich muss viele Dinge verarbeiten“, sagt er. Hier hat er die Zeit dafür. Und die Ruhe.
Alle tragen ihre Odyssee mit sich herum. Der „Albtraum“, so sagen es mehrere in der Casa Marianella, habe für sie aber erst an der US-Grenze begonnen. Wie also ist die Lage dort?
Zurück nach Eagle Pass: Im August griffen die US-Behörden im Grenzsektor in den Kreisen rund um die Stadt 7666 Menschen auf. Das waren etwas mehr als im Juli, aber 89 Prozent weniger als beim Höchststand im Dezember 2023 mit mehr als 70 000 Fällen.
Die mexikanischen Behörden halten die Menschen nun verstärkt von der Grenze fern und auf der US-Seite hat zusätzlich zur Grenzbehörde, der Border Patrol, die texanische Armee die Stadt befestigt – unter anderem mit Barrieren aus Bojen im Fluss.
Zur Serie
Wer rettet die USA? Eine Frage, auf die es keine einfache Antwort gibt. Im aktuellen Präsidentschaftswahlkampf geht es um nichts Geringeres, als den Erhalt der Demokratie. Viele Probleme bleiben dabei auf der Strecke. Doch statt sich damit abzufinden, kämpfen mutige Amerikanerinnen und Amerikaner jeden Tag dafür, dass es den Menschen in ihrem Land besser geht.
Jede Woche stellen wir in zwei Folgen Personen und Initiativen vor, die auf ihre Weise versuchen, Amerika zu retten. Vergangene Folgen sowie zusätzliche Bilder finden Sie online auf unserer Themenseite: fr.de/usa
Das macht sich im Alltag bemerkbar. Etwa am Golfplatz direkt neben dem Rio Grande. Vier Männer in Polohemden schwingen hier in der Mittagshitze die Schläger. An Loch vier driftet ein Ball weit ab, dorthin wo ein Patrouillen-Pick-up heranbrettert. Der Ball zischt über das Auto und knallt gegen einen Schiffscontainer, auf dem ein Soldat Wache hält. Container reihen sich hier am Ufer entlang. Stacheldraht windet sich darüber.
Es ist schon ein wenig komisch“, sagt einer der Golfer. Vor wenigen Monaten noch seien Flüchtlinge hier einfach vorbeigelaufen. Zu Trinken hätten sie ihnen gegeben, das Handy für eine Nachricht nach Hause jedoch nicht – alle wissen um den Druck auf Helferinnen und Helfer. Der Mann sagt über das neue Normal: „Jetzt stört uns niemand mehr.“
Doch die Ruhe hat ihren Preis. Die Patrouillen der Polizei, des Grenzschutzes und Militärs sind allgegenwärtig. Einmal knattert ein Helikopter über eine Nachbarschaft zum Fluss. Wurde ein Flüchtling gesichtet? „Ja, wir haben einen aufgegriffen“, sagt ein heraneilender Grenzschützer.
Anwohner:innen fürchten, dass die gebeutelte Grenzgegend mit viel Leerstand zur militarisierten Zone werden könnte, sollte Trump die Wahl gewinnen. Im Hinterland passiert man schon jetzt Checkpoints mit vielen Fragen und noch mehr Kameras und Sensoren.
Erinnerungen werden wach an die Trump-Jahre. Amy Grenier von der „American Immigration Lawyers Association“, einem Interessensverband von Migrationsrechtler:innen, arbeitete damals als Anwältin im überlasteten, unterfinanzierten System und warnt nun als Sprecherin: „Bei einer weiteren Trump-Administration würde ich erwarten, dass der Rückstau der Anträge noch größer wird und die verbleibende Effizienz unseres Einwanderungssystems weiter erodiert.“ Da legale Verfahren jahrelang feststeckten, würden viele erst die Flucht über die Grenze wagen.
Dem stellt sich rund um Eagle Pass Trumps, wie er sagte, „große, schöne Mauer“ entgegen: rostbraune Stangen, so dicht gestaffelt, dass kein Kopf durchpasst. Teils mehr als doppelt so hoch wie einst die Berliner Mauer. 500 Meilen entlang der fast 2000 Meilen langen Grenze wurden damit befestigt für rund 15 Milliarden Dollar, ehe Biden das Projekt 2021 stoppte. Texas will auf eigene Faust Lücken füllen.
All das hat der venezolanische Geflüchtete Jesús hinter sich gelassen. In Austin sitzt er im Hof der Casa Marianella, teilt sich eine Zigarette mit einem Mitbewohner. Es ist die erste US-Station in Freiheit für Geflüchtete wie ihn: ein Dach über dem Kopf, Mahlzeiten, ein Fahrdienst zu Gerichtsterminen, juristischer Beistand, ein Fahrrad, Kleidung, Englischunterricht.
Auch er wurde 2023 an der Grenze aufgegriffen. Er bat um Asyl und landete in einem der Hunderten von Privatunternehmen betriebenen Auffanglagern für Geflüchtete, die über das ganze Land verteilt sind. Ein Jahr und drei Tage sei er in Florence, Arizona eingesperrt gewesen, von August 2023 bis August 2024. Auch er spricht von einem Albtraum.
Wenn man nachfragt, schüttelt er den Kopf, reißt den Mund auf und beißt auf die Zähne: „No good“ sei es gewesen, „hart, furchtbar, entsetzlich“. Man werde wie ein Krimineller behandelt. Wenn man sich über Kakerlaken im Essen beschwerte, hätten die Wachleute sich lustig gemacht: „Geh doch zu Walmart!“
Das „Zauberwort“ laute Abschiebung. Dreimal hätten sie ihn dazu gedrängt einzuwilligen, seien wütend geworden, als er ablehnte. Er könne nicht zurück, denn in der Diktatur von Nicolás Maduro drohe ihm Lebensgefahr, weil er mit Oppositionellen Geschäfte gemacht habe.
Im US-Auffanglager habe er sich über Monate gegen Vorwürfe wehren müssen, Bandenmitglied und Ex-Häftling zu sein. Ohne juristischen Beistand, aber mit Übersetzung habe er sein Verfahren gewonnen. Er hat kein Asyl, sondern den geringeren Schutzstatus „Withholding of Removal“, seine Abschiebung ist aufgrund der drohenden Verfolgung ausgesetzt.
Jennifer Longs Team wendet sich an solche Fälle: die Casa Marianella spricht sich herum in den Auffanglagern, die Menschen melden sich per Telefon oder per Post. In einer Excel-Tabelle sind für 2024 bereits mehr als 1600 Kontaktaufnahmen gelistet. Nach einer Prüfung wird priorisiert und eine Warteliste erstellt.
Pro Woche verschickt Longs Team fünf sogenannter Unterstützungsschreiben. Darin versichern sie den Behörden, der Kontaktperson eine Bleibe auf Zeit zu geben. So wollen sie die Menschen vor der Obdachlosigkeit bewahren, sagt Long, und ihre Chancen im Asylprozess sowie der Integration erhöhen.
Im Büro sammeln sich Briefe in Dutzenden Fächern. Immer wieder klopfen Bewohner:innen an, sie warten auf neue Gerichtstermine, Angaben zur Sozialversicherung und ihre Arbeitserlaubnis. Auf einem Schild stehen Verse von Bob Dylan: „Come in, she said, I’ll give ya shelter from the storm“.
Abends kommt ein Teil der Bewohner:innen zum Englischunterricht. Das Thema lautet Arbeit und Berufe. Jesús erzählt, in Venezuela habe er Getränke vertrieben. Hier verdingt er sich bislang als Tagelöhner. Am Ende präsentieren alle der Gruppe aus Afrika, Asien und Südamerika einen Traumjob. Ein Mauretanier will Koch werden, eine Angolanerin Ärztin. Jesús sagt mit ein wenig Mühe: „I want to be a businessman.“ Und ein Lächeln wandert über sein Gesicht.




