München – Bei der Parlamentswahl in Griechenland stehen drei Kandidaten im Mittelpunkt – auch wenn vermutlich keiner von ihnen eine eigene Regierungsmehrheit zustande bringen kann. Beobachter rechnen daher bereits mit einer Neuwahl. Ministerpräsident Kyriakos Mitsotakis hat indes noch keine Wahl gegen seinen Herausforderer Alexis Tsipras verloren und ihn schon drei Mal geschlagen – auf nationaler, lokaler und europäischer Ebene. Anfang Mai verglich er die Parlamentswahl spöttelnd mit einem Basketballspiel in den USA: „Wer verliert, ist raus.“
Eckdaten zur Griechenland-Wahl
Wahl
Parlamentswahl Griechenland
Datum
21. Mai 2023
Legislaturperiode
vier Jahre
Anzahl der Abgeordneten
300
Anzahl der Wahlberechtigten
rund zehn Millionen
Anzahl der Erstwähler
rund 440.000
Griechenland-Wahl 2023: Mitsotakis, Tsipras und Androulakis
Kyriakos Mitsotakis: Der derzeitige griechische Ministerpräsident beruft sich im Wahlkampf auf das Wirtschaftswachstum der zurückliegenden vier Jahre und eine solide Außenpolitik mit zwei wichtigen Bündnissen mit den USA und Frankreich. „Wir haben jetzt viel mehr Erfahrung, um die Veränderungen anzugehen, die aus Griechenland einen modernen europäischen Staat machen werden“, sagte er im Mai in einem Fernsehinterview.
Nach seinen Worten muss das Land angesichts des Ukraine-Krieges und anderer Herausforderungen derzeit mit „starker Hand“ geführt werden. Wenn seine Partei, deren Chef er seit 2016 ist, nicht wiedergewählt würde, wäre Griechenlands Wirtschaftsaufschwung gefährdet. Mitsotakis kommt aus einer Politiker-Familie und versucht, im Umgang mit den Wählern sein elitäres Image abzuschütteln.
Kyriakos Mitsotakis
Steckbrief
Aktuelles Amt
Ministerpräsident
Partei
Nea Dimokratia
Parteiausrichtung
liberal-konservativ
Alter
55
Bildungsabschluss/Beruf
Universität Harvard/Berater für McKinsey
Familienstand
verheiratet, drei Kinder
Alexis Tsipras: Tsipras war von 2015 bis 2019 Regierungschef, als Griechenland durch eine schwere Schulden- und Finanzkrise ging. Er will nun eine zweite Chance bekommen, um zu zeigen, was seine Partei erreichen kann, wenn die Staatsausgaben nicht von der EU und vom Internationalen Weltwährungsfonds (IWF) gedeckelt werden.
Drei Mal hatten EU und IWF Griechenland ab 2010 vor dem Staatsbankrott gerettet, allerdings mit strikten Sparauflagen. Seine Partei hat sich seither weiter in die politische Mitte bewegt. Tsipras war der erste offen atheistische Ministerpräsident im religiösen Griechenland und der jüngste seit hundert Jahren. Er kam mit 16 zur Politik, als er Schulproteste gegen die Bildungspolitik von Mitsotakis‘ Vater organisierte. In seiner Partei stieg er schnell auf, weil für die Bürgermeisterwahl in Athen 2006 ein neues Gesicht gesucht wurde. Zwei Jahre später wurde er Parteichef.
Alexis Tsipras
Steckbrief
Aktuelles Amt
Parteichef
Partei
Syriza
Parteiausrichtung
links
Alter
48
Bildungsabschluss/Beruf
Technische Universität Athen/Bauingenieur
Familienstand
verheiratet, zwei Kinder
Nikos Androulakis: Androulakis wurde schon direkt nach seiner Wahl zum Parteichef 2021 als möglicher Koalitionspartner für Mitsotakis gehandelt. Aber dann wurde bekannt, dass Androulakis‘ Telefon vom Geheimdienst überwacht wurde. Seither fordert er eine Aufklärung der Abhöraffäre.
Androulakis ist Bauingenieur und war schon in der Parteijugend der Pasok engagiert. Für zwei Wahlperioden saß er im Europaparlament, im Parlament in Athen sitzt er bisher nicht. Im März verblüffte er die Öffentlichkeit mit der Bemerkung, er werde nur in eine Regierung eintreten, die weder von Mitsotakis noch von Tsipras angeführt werde.
Nikos Androulakis
Steckbrief
Aktuelles Amt
Parteichef
Partei
Pasok-Kinal
Parteiausrichtung
sozialdemokratisch
Alter
44
Bildungsabschluss/Beruf
Demokrit-Universität Thrakien/Bauingenieur
Familienstand
alleinerziehender Vater
Griechenland-Wahl 2023: Die Umfragen
Mitsotakis liegt in den Umfragen zwar deutlich vorne, dennoch wird keine klare Mehrheit erwartet. Zuletzt war jeder Zehnte der Wahlberechtigten noch unentschieden. In Umfragen erreicht Mitsotakis‘ Partei Nea Dimokratia bis zu 33,6 Prozent der Stimmen, Tsipras‘ Syriza bis zu 26,9 Prozent.
Wahlsystem in Griechenland
In Griechenland gilt aktuell noch das Verhältniswahlrecht. 280 der 300 Abgeordneten werden nach ihm gewählt, und 20 gehen an die Partei mit den meisten Stimmen. Um ins Parlament einzuziehen, müssen die Parteien mindestens drei Prozent der Stimmen erhalten.
Meinungsforscher gehen aber davon aus, dass der Spitzenkandidat dieses Mal 46 Prozent der Stimmen benötigen könnte, um endgültig zu gewinnen. Gelingt dies keiner Partei, wird die Abstimmung wahrscheinlich zu einer Blockade im Parlament führen. Erstens, weil keine Partei in der Lage zu sein scheint, sich eine Mehrheit zu sichern.
Zweitens, weil die drei Spitzenparteien bereits erklärt haben, dass sie nicht zusammenarbeiten wollen. Gelingt es nicht, eine Koalitionsregierung zu bilden, würde dies bedeuten, dass es Anfang Juli zu Neuwahlen kommen würde. Dann würde ein neues Wahlrecht greifen, das dem Wahlsieger zusätzliche Sitze verschafft.
Griechenland-Wahl 2023: die Wahlkampfthemen
Mitsotakis wirbt im Wahlkampf mit Steuersenkungen, einer Wiederbelebung des Tourismus nach Corona und einem kontinuierlichen Wachstum von zuletzt sechs Prozent im Jahr 2022. Seine Partei verspricht, den Mindestlohn auf 1000 Euro zu erhöhen, die Arbeitslosigkeit zu bekämpfen und in Griechenlands Gesundheitssystem zu investieren.
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Tsipras verspricht, das Vertrauen in den Staat wiederherzustellen, das durch einen Abhörskandal beim griechischen Geheimdienst und das schwere Zugunglück im Februar erschüttert wurde. „Mitsotakis kümmert sich nicht um die Durchschnittsbürger, nur um die Mächtigen“, sagte Tsipras im Wahlkampf.
Tsipras will den Bildungshaushalt erhöhen, die Gehälter von Beamten und Gesundheitspersonal anheben und die Inflation bekämpfen, für die er „Kartelle“ im Land verantwortlich macht. „Griechenland hat bulgarische Löhne und britische Preise“, sagte er in der vergangenen Woche. Er wirft Mitsotakis vor, Milliarden Euro an politische Verbündete und seine Familie verschwendet zu haben. (AFP/dpa/frs)