VonPeter Rutkowskischließen
Trumps Verlangen nach Grönland wirft so viele Fragen auf, wie es auch Gefahren für die halbe Welt birgt.
Das ist etwas, das Donald Trump nicht gerne hört, aber es entspricht nun mal der historischen Wahrheit: Er ist nicht der erste US-Präsident, der ein gieriges Auge auf die größte Insel der Welt, Grönland zwischen Arktis und Nordatlantik, geworfen hat. In Washington wurde schon einige Male laut darüber nachgedacht, ob Grönland sich nicht besser als US-Territorium (ein US-Bundesstaat wird nicht jeder so schnell) machen würde. Zum Teil geschah das sehr laut.
Im 20. Jahrhundert geschah das zumindest zweimal. Im Ersten Weltkrieg fürchtete man im Weißen Haus, das deutsche Kaiserreich könnte womöglich noch das neutrale Dänemark besetzen, weshalb man den bereits absehbaren Kriegseintritt der USA nicht mit einer Front vor der eigenen Haustür beginnen wollte. Aus dem einen wie dem anderen wurde nichts.
Im Zweiten Weltkrieg aber besetzte das Nazi-Reich innerhalb weniger Stunden Dänemark und installierte dort willige Kollaborateure. Die Briten landeten dann am unbewaffneten Island an und die US-Amerikaner in Grönland, um der deutschen Kriegsmarine die Passage aus dem besetzten Europa in den Atlantik zu erschweren. Nach dem Krieg bot die US-Regierung unter Harry S. Truman dann Dänemark Gold im Wert von 100 Millionen Dollar an. Die Insel sei doch „völlig wertlos“, so das Argument. Aber das zog nicht.
Und Washington kam sogar noch viel billiger davon: Nach der Gründung der Nato 1949 beschlossen die beiden Mitglieder USA und Dänemark 1951 das Greenland Defense Agreement, wonach der Thule-Militärflughafen am nordöstlichen Rand Grönlands den USA zur freien Verfügung stehen sollte. Drei Jahre später meldete Kopenhagen dann in Washington seine leichte Irritation an, nachdem man in Grönland auf eine bis dahin unbekannte US-„Wetterstation“ (üblicherweise Jargon für eine geheime Abhör-Einheit) gestoßen war. Die USA entschuldigten sich, aber allen war klar: Im Kalten Krieg konnten ruhig so viele US-Militärs auf Grönland stationiert werden wie möglich. 6000 würden es schließlich werden.
Seit dem Ende des Kalten Krieges wurde die US-Präsenz auf derzeit 140 Soldatinnen und Soldaten reduziert. Ihre Thule Air Base wurde nach Gründung der Raumfahrt-Streitkräfte durch Trump zu „Pituffik Space Base“ umbenannt und mit der Überwachung des erdnahen Orbits beauftragt.
Die raue Abgeschiedenheit von Pituffik wurde erst von Trumps Vize JD Vance rüde beendet, als der – kaum drei Monate im Amt – entschied, dort „Urlaub“ zu machen. Weil die grönländische Regierung keine Lust hatte, ihn als Staatsgast zu empfangen, der die Besitzansprüche seines Dienstherrn überbringen wollte. Seitdem eskaliert der Streit um Grönland immer weiter. Während die allgemeine Irritation über das Trump‘sche Insistieren genauso weiterwächst.
Denn bis heute ist nicht klar, warum der Mann im Weißen Haus so darauf versessen ist, Grönland unters Sternenbanner zu holen. Militärisch gibt es keinen Grund. Das Defense Agreement von 1951 würde es den USA erlauben, beliebig viele Truppen aller Teilstreitkräfte dort zu stationieren. Verteidigungspolitisch ist Grönland zudem integraler Bestandteil von Nato-Mitglied Dänemark.
Akquise
Territorium sich einzuverleiben, ist kein Novum für die USA.
1803: Louisiana. Für bloß 15 Millionen Dollar gehen mehr als zwei Millionen Quadratkilometern vom Mississippi bis zu den Rocky Mountains von Napoleons Frankreich an die USA. Das damalige US-Territorium wird damit verdoppelt.
1819: Florida. Für fünf Millionen wird das Gebiet Spanien abgekauft. Die USA verzichten dafür auf Texas (was sie dann erobern). Nach dem Krieg von 1848 tritt Mexiko unter anderem Kalifornien, Nevada, Utah, New Mexico, große Teile von Arizona und Colorado ab. Kostenpunkt: 15 Millionen.
1867: Alaska. Für nur 7,2 Millionen Dollar verkauft das Zarenreich den Amerikas Nordosten
1917: Dänisch-Westindien. Für 25 Millionen gibt es Saint Croix, Saint John und Saint Thomas – damit die Deutschen die Inseln nicht kriegen. dpa
Wirtschaftlich könnte Grönland interessant werden. Da die Arktis wegen des Klimawandels abschmilzt, wird Grönland zugänglicher. Die Ausbeutung von Ressourcen – Seltene Erden, Platinmetalle, Feldspat, Graphit, Molybdän, Titan und Vanadium – ist für fossile Industrien verlockend. Aber wer geht voran und baut die äußerst teure Infrastruktur dafür auf?
Strategisch könnten die USA die Kontrolle über die Arktis nutzen, um Russland und China in Schach zu halten, die ansonsten über ganzjährig befahrbare Polarrouten ungehindert durch alle Weltmeere kreuzen könnten. In Trumps transaktionellem Denken und Handeln wäre ein „Wegezoll“ entlang Grönlands Küsten eine lohnende Einnahmequelle ohne jede Eigenbeteiligung.
Der persönliche – quasi feudale – Besitzanspruch (Haben um des Habens wollen) wird von politischen wie wissenschaftlichen Fachleuten immer häufiger als Erklärung herangezogen dafür, dass Trump nicht lockerlässt, obwohl ihm praktisch täglich mehr Widerstand begegnet. Das ist unbefriedigend, weil unlogisch, entspricht aber den Erfahrungen, die man bislang mit dem US-Präsident gemacht hat.
Auf die Gefahr hin, dass Trump den Bogen schließlich so weit überspannt, dass eine Reaktion der eigentlichen Vertragspartner der USA im Westen ihn zum Brechen bringt, erteilt ein Land nach dem anderen den MAGA-Amerikanern eine Abfuhr. Während Dänemark noch diplomatisch agiert, verkündet Frankreich die Eröffnung eines Konsulats in der Hauptstadt Nuuk, was einer staatlichen Anerkennung fast gleichkommt. In Deutschland empfiehlt der Chef des Reservistenverbands, Patrick Sensburg, die Stationierung deutschen Militärs. Was im Rahmen der Nato eigentlich völlig normal sein könnte. Nur schiebt das dann den USA einen Riegel vor. (mit Agenturen)

