Großbritannien

Was wird jetzt aus Boris Johnson?

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Die jugendliche „Rot Squad“ (Schwadron gegen die Verrottung der politischen Sitten“) protestiert vor der Downing Street mit einer Collage des sich davonstehlenden nackerten Johnson. ADRIAN DENNIS/AFP
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Der britische Chaos-Premier Johnson gibt sein Amt auf – und erfindet sich vielleicht ganz neu.

London – Bei seinem Amtsantritt im Juli 2019 stellte Queen Elizabeth ihrem 14. Premierminister eine Frage, die der Monarchin gewiss schon länger Kopfzerbrechen bereitet hatte: Sie könne nicht recht verstehen, „warum eigentlich überhaupt jemand diesen Job haben will“. Boris Johnsons Antwort ist nicht überliefert – und gut drei chaotische, krisenreiche, von einem triumphalen Wahlsieg und zahlreichen Skandalen gekennzeichnete Jahre später lässt die Bilanz seiner Amtszeit nicht nur diese Frage offen.

Übrigens war die Tatsache, dass der damals neue Regierungschef dieses Detail seiner allerersten Audienz brühwarm der Öffentlichkeit weiterplauderte, ein erster Hinweis auf die Besonderheit dieses Politikers. Was scherte ihn die Konvention, wonach die wöchentlichen Zusammentreffen britischer Regierungschefs mit der Königin striktem Stillschweigen beider Seiten unterliegen? Johnson hatte sich nie um Bräuche oder Vorschriften geschert; in 10 Downing Street sah er keinen Grund, daran etwas zu ändern.

Boris Johnson: Wie ein Teenager

Sein Regierungshandeln wirkte häufig wie die Provokationen eines aufsässigen Teenagers gegen die olle Erwachsenenwelt. Kein Zufall, glaubt der Johnson-Biograph Andrew Gimson: „Er machte seine Gegner mit kalkulierten Geschmacklosigkeiten absichtlich so wütend, dass sie gar nicht mehr klar denken konnten.“ Der Autor eines vergnüglichen Buches über sämtliche Premierminister seit 1721 sieht Johnson in der Tradition Benjamin Disraelis: Wie der illustre Vorgänger (1804-81) habe Johnson instinktiv jene Bevölkerungsteile angesprochen, die sich gern über pompöse Rechthaber und Musterknaben lustig machen – das entsprechende Wort „prigs“ liegt nicht umsonst phonetisch sehr nahe an „pricks“, also Deppen oder Trottel.

Mit flotten Sprüchen und zerzaustem Haar, unter dem sich ein scharfer politischer Verstand verbirgt, schaffte es Boris Johnson als Brexit-Premier ins Amt. An der Volksentscheidung für den EU-Austritt 2016 hatte er wichtigen, vielleicht entscheidenden Anteil. Dass er seinem Land den Weg wies aus dem Brexit-Labyrinth, stellt ein wichtiges Verdienst dar – das knappe Ergebnis musste umgesetzt werden, um die zerrissene Nation zu befrieden. Den Brexit „vollendet“ hat Johnson deshalb aber lange nicht. Vielmehr werden mit zunehmender Zeit die vielfältigen Probleme immer deutlicher, die die Scheidung vom europäischen Einigungsprojekt mit sich bringt.

Boris Johnson: Die Partys wurden sein Schicksal

Ähnlich zwiespältig wirkt Johnsons Umgang mit der Pandemie. Er selbst weist gern – und zu Recht – auf das vorbildlich schnelle britische Impfprogramm und die effektiven Hilfen für Firmen und Bürger:innen hin. Kritischere Geister erinnern daran, dass der erste Lockdown im März 2020 viel zu spät kam, was seriösen Berechnungen zufolge mehr als 20.000 Tote forderte. Zudem warf die Regierung panikartig auf der Suche nach Schutzkleidung mit Milliarden um sich, von denen allzu viele in falschen Taschen verschwanden. Die zahlreichen Lockdown-Partys brachen ihm das Genick.

Boris Johnson: Mit Skandalen an die Spitze

Die Rivalität zwischen England und Deutschland ist im Fußball nichts Neues. Diese Rivalität nahm sich Boris Johnson im Jahr 2006 offenbar besonders zu Herzen, als er in einem Benefizspiel den ehemaligen deutschen Nationalspieler Maurizio Gaudino foulte. Dabei setzte Johnson allerdings nicht mit den Füßen zur Grätsche an, sondern ging, ähnlich wie ein Ziegenbock, mit dem Kopf voran gegen Gaudino vor.
Die Rivalität zwischen England und Deutschland ist im Fußball nichts Neues. Diese Rivalität nahm sich Boris Johnson im Jahr 2006 offenbar besonders zu Herzen, als er in einem Benefizspiel den ehemaligen deutschen Nationalspieler Maurizio Gaudino foulte. Dabei setzte Johnson allerdings nicht mit den Füßen zur Grätsche an, sondern ging, ähnlich wie ein Ziegenbock, mit dem Kopf voran gegen Gaudino vor. © YouTube Screenshot
Um die anstehende Rugby-WM in Japan zu werben, erklärt sich der damalige Londoner Bürgermeister Boris Johnson auf einem Besuch in Tokio zu einem „lockerem“ Rugby-Spiel bereit. Einer seiner Gegner: der 10-jährige Toki Sekiguchi. Dass Johnson beim Sport keine Freunde kennt, musste neben Gaudino auch der junge Japaner erfahren. „Es hat zwar ein bisschen wehgetan, aber so schlimm war es auch nicht“, sagte der 10-Jährige im Anschluss über Johnsons Tackle.
Um die anstehende Rugby-WM in Japan zu werben, erklärt sich der damalige Londoner Bürgermeister Boris Johnson auf einem Besuch in Tokio zu einem „lockerem“ Rugby-Spiel bereit. Einer seiner Gegner: der 10-jährige Toki Sekiguchi. Dass Johnson beim Sport keine Freunde kennt, musste neben Gaudino auch der junge Japaner erfahren. „Es hat zwar ein bisschen wehgetan, aber so schlimm war es auch nicht“, sagte der 10-Jährige im Anschluss über Johnsons Tackle. © Imago
Auch als Großbritannien die erste Goldmedaille bei den Olympischen Spielen 2012 in London holte, schaffte es der amtierende Bürgermeister, sich ebenfalls ins Rampenlicht zu drängen. Boris Johnson stahl den Athlet:innen jedoch nicht etwa bei einer offiziellen Gratulation die Show, sondern als er im Victoria Park eine neue Attraktion ausprobieren wollte. Doch die Zip-Line-Konstruktion funktionierte nicht wie gewünscht, Johnson verhedderte sich und blieb mitten in der Luft hängen – zur Belustigung der Parkbesucher:innen.
Auch als Großbritannien die erste Goldmedaille bei den Olympischen Spielen 2012 in London holte, schaffte es der amtierende Bürgermeister, sich ebenfalls ins Rampenlicht zu drängen. Boris Johnson stahl den Athlet:innen jedoch nicht etwa bei einer offiziellen Gratulation die Show, sondern als er im Victoria Park eine neue Attraktion ausprobieren wollte. Doch die Zip-Line-Konstruktion funktionierte nicht wie gewünscht, Johnson verhedderte sich und blieb mitten in der Luft hängen – zur Belustigung der Parkbesucher:innen. © YouTube Screenshot
Seit Jahren besitzt Boris Johnson den Ruf des Tollpatschs. Einige politische Beobachter:innen theoretisieren sogar, dass der britische Premierminister absichtlich das Bild des unschuldigen Trampels abgibt, um unterschätzt zu werden. Boris Johnsons wilde Frisur würde dieses Bild jedenfalls vervollständigen.
Seit Jahren besitzt Boris Johnson den Ruf des Tollpatschs. Einige politische Beobachter theoretisieren sogar, dass der britische Premierminister absichtlich das Bild des unschuldigen Trampels abgibt, um unterschätzt zu werden. Boris Johnsons wilde Frisur würde dieses Bild jedenfalls vervollständigen.  © Imago
Boris Johnson, damals noch Bürgermeister von London, beim Tauziehen für den guten Zweck. Hier zeigte sich der amtierende Premierminister Großbritanniens wieder einmal von seiner tollpatschigen Seite. Zu seiner Verteidigung sei jedoch gesagt, dass das Wetter an jenem Tag – wie für England oft üblich – für Nässe sorgte.
Boris Johnson, damals noch Bürgermeister von London, beim Tauziehen für den guten Zweck. Hier zeigte sich der amtierende Premierminister Großbritanniens wieder einmal von seiner tollpatschigen Seite. Zu seiner Verteidigung sei jedoch gesagt, dass das Wetter an jenem Tag – wie für England oft üblich – für Nässe sorgte. © Imago
Der Luxusurlaub auf der Insel Mustique bildet nur einen von vielen Skandalen des Boris Johnson. An Weihnachten 2019 verschwand der Premierminister gemeinsam mit seiner Verlobten für einige Tage in die Karibik. Rund 17.000 Euro soll die Reise gekostet haben, doch wer hat die überhaupt finanziert? Johnson geriet in Bedrängnis und behauptete später, dass ein Spender der konservativen Partei den Trip bezahlt hätte.
Der Luxusurlaub auf der Insel Mustique bildet nur einen von vielen Skandalen des Boris Johnson. An Weihnachten 2019 verschwand der Premierminister gemeinsam mit seiner Verlobten für einige Tage in die Karibik. Rund 17.000 Euro soll die Reise gekostet haben, doch wer hat die überhaupt finanziert? Johnson geriet in Bedrängnis und behauptete später, dass ein Spender der konservativen Partei den Trip bezahlt hätte. © Imago
Gefüllte Gläser, sich zuprostende Menschen und mittendrin der britische Premierminister: Eigentlich ein ganz normales, unschuldiges Foto – wenn nicht gerade die Corona-Pandemie scharfe Maßnahmen, wie etwa das Vermeiden von Ansammlungen, gefordert hätte. Wie Boris Johnson später eingestanden hatte, lud er unter anderem zu seiner Geburtstagsfeier ein. Die „Partygate-Affäre“ bescherte dem Premier ein Misstrauensvotum, welches er allerdings für sich entscheiden konnte.
Gefüllte Gläser, sich zuprostende Menschen und mittendrin der britische Premierminister: Eigentlich ein ganz normales, unschuldiges Foto – wenn nicht gerade die Corona-Pandemie scharfe Maßnahmen, wie etwa das Vermeiden von Ansammlungen, gefordert hätte. Wie Boris Johnson später eingestanden hatte, lud er unter anderem zu seiner Geburtstagsfeier ein. Die „Partygate-Affäre“ bescherte dem Premier ein Misstrauensvotum, welches er allerdings für sich entscheiden konnte. © Sue Gray Report/Cabinet Office
Die Beamte Sue Gray attestierte Boris Johnson nach den illegalen Feiern im Londoner Regierungssitz sowohl Führungsversagen als auch fehlendes Urteilsvermögen. „Viele dieser Events hätten nicht zugelassen werden dürfen“, schrieb Gray in ihrem Bericht, der noch heute im Internet vollständig zur Verfügung gestellt wird. Für viele Brit:innen stellte die „Partygate-Affäre“ einen besonders großen Skandal dar, da die Bevölkerung monatelang mit den scharfen Corona-Maßnahmen vorlieb nehmen mussten.
Die Beamte Sue Gray attestierte Boris Johnson nach den illegalen Feiern im Londoner Regierungssitz sowohl Führungsversagen als auch fehlendes Urteilsvermögen. „Viele dieser Events hätten nicht zugelassen werden dürfen“, schrieb Gray in ihrem Bericht, der noch heute im Internet vollständig zur Verfügung gestellt wird. Für viele Briten stellte die „Partygate-Affäre“ einen besonders großen Skandal dar, da die Bevölkerung monatelang mit den scharfen Corona-Maßnahmen vorlieb nehmen mussten. © WIktor Szymanowicz/Imago
Anfang 2022 sah sich Boris Johnson Korruptionsvorwürfen ausgesetzt, nachdem ein Austausch von WhatsApp-Nachrichten zwischen ihm und dem wohlhabenden Parteispender David Brownlow veröffentlicht worden war. In dem Chat hatte der Premier um die Freigabe finanzieller Mittel für die Luxus-Renovierung seiner Dienstwohnung in der Londoner Downing Street gebeten. Berichten zufolge sollen sich die Renovierungskosten auf rund 112.000 Pfund belaufen haben. Wer genau den Luxusumbau bezahlt hat, blieb unklar. Wegen einer nicht ordnungsgemäß deklarierten Parteispende musste Johnsons Tory-Partei schlussendlich eine Strafe von 20.000 Pfund zahlen.
Anfang 2022 sah sich Boris Johnson Korruptionsvorwürfen ausgesetzt, nachdem ein Austausch von WhatsApp-Nachrichten zwischen ihm und dem wohlhabenden Parteispender David Brownlow veröffentlicht worden war. In dem Chat hatte der Premier um die Freigabe finanzieller Mittel für die Luxus-Renovierung seiner Dienstwohnung in der Londoner Downing Street gebeten. Berichten zufolge sollen sich die Renovierungskosten auf rund 112.000 Pfund belaufen haben. Wer genau den Luxusumbau bezahlt hat, blieb unklar. Wegen einer nicht ordnungsgemäß deklarierten Parteispende musste Johnsons Tory-Partei schlussendlich eine Strafe von 20.000 Pfund zahlen. © Tolga Akmen/Imago
Auf der UN-Klimakonferenz 2021 in Glasgow zeigten Fotos den britischen Premierminister gelangweilt, mit geschlossenen Augen – und ohne Mund-Nasen-Schutz. Boris Johnsons Büro verteidigte den Premier anschließend und stützte sich auf einen angeblichen, erneuerten Corona-Schutzplan der Veranstaltung, in dem es geheißen haben soll, man dürfe seinen Mund-Nasen-Schutz am Sitzplatz abnehmen. Naturforscher Sir David Attenborough, rechts neben Johnson, wollte sich nicht zu der Situation äußern.
Auf der UN-Klimakonferenz 2021 in Glasgow zeigten Fotos den britischen Premierminister gelangweilt, mit geschlossenen Augen – und ohne Mund-Nasen-Schutz. Boris Johnsons Büro verteidigte den Premier anschließend und stützte sich auf einen angeblichen, erneuerten Corona-Schutzplan der Veranstaltung, in dem es geheißen haben soll, man dürfe seinen Mund-Nasen-Schutz am Sitzplatz abnehmen. Naturforscher Sir David Attenborough, rechts neben Johnson, wollte sich nicht zu der Situation äußern. © Jeff J Mitchell/afp
Nur ein Foto von vielen, welches Boris Johnson mit einem Bier in der Hand zeigt. Trotz zahlreicher Skandale hat der konservative Politiker immer wieder Grund zum Feiern gehabt: wie etwa der Aufstieg zum Londoner Bürgermeister, das Amt des britischen Außenministers, sowie die spätere Ernennung zum Premierminister. Zuletzt hatte Johnson ein Misstrauensvotum gegen sich gewonnen. Ob er sich weiterhin im Amt halten kann, wird die Zukunft zeigen.
Nur ein Foto von vielen, welches Boris Johnson mit einem Bier in der Hand zeigt. Trotz zahlreicher Skandale hat der konservative Politiker immer wieder Grund zum Feiern gehabt: wie etwa der Aufstieg zum Londoner Bürgermeister, das Amt des britischen Außenministers, sowie die spätere Ernennung zum Premierminister. Zuletzt hatte Johnson ein Misstrauensvotum gegen sich gewonnen. Ob er sich weiterhin im Amt halten kann, wird die Zukunft zeigen. © Henry Nicholls/Imago

Ein „Mini-Trump“, wie von Verächtern behauptet, war Johnson aber schon deshalb nicht, weil er dem fürsorgenden Staat eine wichtige Rolle einräumte. Wie sich das aber mit traditionellen konservativen Werten wie disziplinierter Haushaltsführung und Marktgläubigkeit vertragen sollte, blieb stets offen.

Boris Johnson: Kommt es zum „Borisconi“-Phänomen?

Die Fantasie seiner Parteifreunde und der Öffentlichkeit in Großbritannien wird der gescheiterte Premier noch lange beschäftigen, dafür sorgt in allererster Linie Boris Johnson selbst. Genüsslich ist er in den vergangenen Tagen allen Pressefragen nach einem etwaigen Comeback ausgewichen. Schon in der bitteren Rücktrittsrede Anfang Juli schürte er eine alberne Dolchstoß-Legende. Unter den Torys im Unterhaus soll sich ein harter Kern von Johnson-Ultras gebildet haben, der der Wiederkehr des Gestürzten den Weg ebnen will. Durchaus realistisch: In einer kürzlichen Umfrage hielten 51 Prozent der Mitglieder seinen Rücktritt für falsch.

Kommt es also zum „Borisconi“-Phänomen, das der frühere Entwicklungshilfeminister und scharfe Johnson-Kritiker Rory Stewart befürchtet? Wie der nach erster kurzer Amtszeit gescheiterte Silvio Berlusconi könnte auch BoJo ins höchste Partei- und Regierungsamt zurückkehren. Ob aber Johnsons Bündnis von 2019 aus Stamm-Torys im prosperierenden Süden des Landes und dem Brexit-begeisterten früheren Labour-Anhang noch Bestand hat?

Vielleicht widmet sich Johnson doch lieber einer lukrativen Karriere als Festredner und Kolumnist sowie Verfasser von Büchern wie einer lang geplanten Shakespeare-Biografie. Er müsse dringend „Heu machen“, hat der scheidende Premier im Freundeskreis gesagt. (Sebastian Borger)

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