Nachfolge von Boris Johnson

Liz Truss gegen Rishi Sunak: Das Duell, das nie eines war

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Der Kampf um die Nachfolge Boris Johnsons an der Spitze Großbritanniens verkommt von Tag zu Tag mehr zu einer unappetitlichen Farce.

London – Wäre Liz Truss einfach nur von simplem Gemüt, eine völlig normale Person mit alltäglichen Vorstellungen und Wünschen – sie würde vielleicht zum Rollenmodell reichen in einer der ewigen Nachbarschafts-Soaps, für die das britische Fernsehen legendär ist.

Aber Liz Truss will mehr, sie will den „König der Welt“ beerben und ihr erster Schachzug war, ihr von allen Seiten als bieder bis billig gescholtenes Outfit dem der Tory-Ikone – und britischen Hassfigur – Margaret Thatcher anzugleichen. Eine Schleife am Blusenkragen sollte vermitteln, sie werde ebenso hart zulangen wie weiland Thatcher und das Vereinigte Königreich einer goldenen Zukunft entgegenführen.

Rishi Sunak (l.) und liz Truss während der TV-Debatte „Britain‘s Next Prime Minister“.

Oder zumindest – wie Thatcher – diejenigen Krisengewinnler und -gewinnlerinnen, die die Zerschlagung des sozialdemokratischen Wohlfahrtsstaates in den 80ern in klingende Münze umzusetzen verstanden. Aber das passt ja: Schließlich wählt dank des Sturzes von Boris Johnson „nur“ an der Parteispitze eine nicht repräsentative, überalterte und vornehmlich männliche Minderheit von Parteimitgliedern den nächsten Premierminister – Quatsch: die nächste Premierministerin.

Nachfolge für Boris Johnson: Über Liz Truss‘ Konkurrenten Rishi Sunak brauchen wir nicht groß nachzudenken

Nota bene: Truss wird nach Thatcher und Teresa May dann die dritte Regierungschefin Großbritanniens werden. Die Labour-Opposition, die sich ab und an gerne unheimlich weiblich, dramatisch divers und linkisch links gibt, hat bisher keine einzige Frau nach 10 Downing Street befördern können.

Liz Truss eifert Margaret Thatcher nach.

Und nochmals Nota bene: Wir brauchen – zumindest zu diesem Zeitpunkt im Wettkampf um BoJos „Weltkrone“ nicht über Truss’ Konkurrent Rishi Sunak groß nachzudenken. Der smarte Investmentbanker mit den scharf geschnittenen Anzügen erscheint denen im Land, die in Gefahr sind, im Krisenwinter 2022/23 vielleicht alles zu verlieren, wie ein Wiedergänger der skrupellosen Yuppies aus Maggies Epoche.

Und denen, die Liz Truss wählen werden, erscheint das Kind Zugewanderter wie ein Emporkömmling, dem eine Lektion erteilt gehört, wo er hingehört. Nämlich immer eine Stufe unter den reinweißen Engländern – eiserne Ladys mal ausgenommen.

Wer wird nächster Premierminister in Großbritannien: Liz Truss punktet mit einfachen Feindbildern

Apropos Rassismus: Quasi pünktlich zur Halbzeit des „Wahlkampfs“ – Truss und Sunak wurden am Dienstag zu ihrem siebten von zwölf Duellen im schottischen Perth erwartet – lieferte Truss einen Fehltritt, der in den früheren, tatsächlich zivilisierteren Zeiten für sie das komplette politische Aus bedeutet hätte.

Boris Johnson: Mit Skandalen an die Spitze

Die Rivalität zwischen England und Deutschland ist im Fußball nichts Neues. Diese Rivalität nahm sich Boris Johnson im Jahr 2006 offenbar besonders zu Herzen, als er in einem Benefizspiel den ehemaligen deutschen Nationalspieler Maurizio Gaudino foulte. Dabei setzte Johnson allerdings nicht mit den Füßen zur Grätsche an, sondern ging, ähnlich wie ein Ziegenbock, mit dem Kopf voran gegen Gaudino vor.
Die Rivalität zwischen England und Deutschland ist im Fußball nichts Neues. Diese Rivalität nahm sich Boris Johnson im Jahr 2006 offenbar besonders zu Herzen, als er in einem Benefizspiel den ehemaligen deutschen Nationalspieler Maurizio Gaudino foulte. Dabei setzte Johnson allerdings nicht mit den Füßen zur Grätsche an, sondern ging, ähnlich wie ein Ziegenbock, mit dem Kopf voran gegen Gaudino vor. © YouTube Screenshot
Um die anstehende Rugby-WM in Japan zu werben, erklärt sich der damalige Londoner Bürgermeister Boris Johnson auf einem Besuch in Tokio zu einem „lockerem“ Rugby-Spiel bereit. Einer seiner Gegner: der 10-jährige Toki Sekiguchi. Dass Johnson beim Sport keine Freunde kennt, musste neben Gaudino auch der junge Japaner erfahren. „Es hat zwar ein bisschen wehgetan, aber so schlimm war es auch nicht“, sagte der 10-Jährige im Anschluss über Johnsons Tackle.
Um die anstehende Rugby-WM in Japan zu werben, erklärt sich der damalige Londoner Bürgermeister Boris Johnson auf einem Besuch in Tokio zu einem „lockerem“ Rugby-Spiel bereit. Einer seiner Gegner: der 10-jährige Toki Sekiguchi. Dass Johnson beim Sport keine Freunde kennt, musste neben Gaudino auch der junge Japaner erfahren. „Es hat zwar ein bisschen wehgetan, aber so schlimm war es auch nicht“, sagte der 10-Jährige im Anschluss über Johnsons Tackle. © Imago
Auch als Großbritannien die erste Goldmedaille bei den Olympischen Spielen 2012 in London holte, schaffte es der amtierende Bürgermeister, sich ebenfalls ins Rampenlicht zu drängen. Boris Johnson stahl den Athlet:innen jedoch nicht etwa bei einer offiziellen Gratulation die Show, sondern als er im Victoria Park eine neue Attraktion ausprobieren wollte. Doch die Zip-Line-Konstruktion funktionierte nicht wie gewünscht, Johnson verhedderte sich und blieb mitten in der Luft hängen – zur Belustigung der Parkbesucher:innen.
Auch als Großbritannien die erste Goldmedaille bei den Olympischen Spielen 2012 in London holte, schaffte es der amtierende Bürgermeister, sich ebenfalls ins Rampenlicht zu drängen. Boris Johnson stahl den Athlet:innen jedoch nicht etwa bei einer offiziellen Gratulation die Show, sondern als er im Victoria Park eine neue Attraktion ausprobieren wollte. Doch die Zip-Line-Konstruktion funktionierte nicht wie gewünscht, Johnson verhedderte sich und blieb mitten in der Luft hängen – zur Belustigung der Parkbesucher:innen. © YouTube Screenshot
Seit Jahren besitzt Boris Johnson den Ruf des Tollpatschs. Einige politische Beobachter:innen theoretisieren sogar, dass der britische Premierminister absichtlich das Bild des unschuldigen Trampels abgibt, um unterschätzt zu werden. Boris Johnsons wilde Frisur würde dieses Bild jedenfalls vervollständigen.
Seit Jahren besitzt Boris Johnson den Ruf des Tollpatschs. Einige politische Beobachter theoretisieren sogar, dass der britische Premierminister absichtlich das Bild des unschuldigen Trampels abgibt, um unterschätzt zu werden. Boris Johnsons wilde Frisur würde dieses Bild jedenfalls vervollständigen.  © Imago
Boris Johnson, damals noch Bürgermeister von London, beim Tauziehen für den guten Zweck. Hier zeigte sich der amtierende Premierminister Großbritanniens wieder einmal von seiner tollpatschigen Seite. Zu seiner Verteidigung sei jedoch gesagt, dass das Wetter an jenem Tag – wie für England oft üblich – für Nässe sorgte.
Boris Johnson, damals noch Bürgermeister von London, beim Tauziehen für den guten Zweck. Hier zeigte sich der amtierende Premierminister Großbritanniens wieder einmal von seiner tollpatschigen Seite. Zu seiner Verteidigung sei jedoch gesagt, dass das Wetter an jenem Tag – wie für England oft üblich – für Nässe sorgte. © Imago
Der Luxusurlaub auf der Insel Mustique bildet nur einen von vielen Skandalen des Boris Johnson. An Weihnachten 2019 verschwand der Premierminister gemeinsam mit seiner Verlobten für einige Tage in die Karibik. Rund 17.000 Euro soll die Reise gekostet haben, doch wer hat die überhaupt finanziert? Johnson geriet in Bedrängnis und behauptete später, dass ein Spender der konservativen Partei den Trip bezahlt hätte.
Der Luxusurlaub auf der Insel Mustique bildet nur einen von vielen Skandalen des Boris Johnson. An Weihnachten 2019 verschwand der Premierminister gemeinsam mit seiner Verlobten für einige Tage in die Karibik. Rund 17.000 Euro soll die Reise gekostet haben, doch wer hat die überhaupt finanziert? Johnson geriet in Bedrängnis und behauptete später, dass ein Spender der konservativen Partei den Trip bezahlt hätte. © Imago
Gefüllte Gläser, sich zuprostende Menschen und mittendrin der britische Premierminister: Eigentlich ein ganz normales, unschuldiges Foto – wenn nicht gerade die Corona-Pandemie scharfe Maßnahmen, wie etwa das Vermeiden von Ansammlungen, gefordert hätte. Wie Boris Johnson später eingestanden hatte, lud er unter anderem zu seiner Geburtstagsfeier ein. Die „Partygate-Affäre“ bescherte dem Premier ein Misstrauensvotum, welches er allerdings für sich entscheiden konnte.
Gefüllte Gläser, sich zuprostende Menschen und mittendrin der britische Premierminister: Eigentlich ein ganz normales, unschuldiges Foto – wenn nicht gerade die Corona-Pandemie scharfe Maßnahmen, wie etwa das Vermeiden von Ansammlungen, gefordert hätte. Wie Boris Johnson später eingestanden hatte, lud er unter anderem zu seiner Geburtstagsfeier ein. Die „Partygate-Affäre“ bescherte dem Premier ein Misstrauensvotum, welches er allerdings für sich entscheiden konnte. © Sue Gray Report/Cabinet Office
Die Beamte Sue Gray attestierte Boris Johnson nach den illegalen Feiern im Londoner Regierungssitz sowohl Führungsversagen als auch fehlendes Urteilsvermögen. „Viele dieser Events hätten nicht zugelassen werden dürfen“, schrieb Gray in ihrem Bericht, der noch heute im Internet vollständig zur Verfügung gestellt wird. Für viele Brit:innen stellte die „Partygate-Affäre“ einen besonders großen Skandal dar, da die Bevölkerung monatelang mit den scharfen Corona-Maßnahmen vorlieb nehmen mussten.
Die Beamte Sue Gray attestierte Boris Johnson nach den illegalen Feiern im Londoner Regierungssitz sowohl Führungsversagen als auch fehlendes Urteilsvermögen. „Viele dieser Events hätten nicht zugelassen werden dürfen“, schrieb Gray in ihrem Bericht, der noch heute im Internet vollständig zur Verfügung gestellt wird. Für viele Briten stellte die „Partygate-Affäre“ einen besonders großen Skandal dar, da die Bevölkerung monatelang mit den scharfen Corona-Maßnahmen vorlieb nehmen mussten. © WIktor Szymanowicz/Imago
Anfang 2022 sah sich Boris Johnson Korruptionsvorwürfen ausgesetzt, nachdem ein Austausch von WhatsApp-Nachrichten zwischen ihm und dem wohlhabenden Parteispender David Brownlow veröffentlicht worden war. In dem Chat hatte der Premier um die Freigabe finanzieller Mittel für die Luxus-Renovierung seiner Dienstwohnung in der Londoner Downing Street gebeten. Berichten zufolge sollen sich die Renovierungskosten auf rund 112.000 Pfund belaufen haben. Wer genau den Luxusumbau bezahlt hat, blieb unklar. Wegen einer nicht ordnungsgemäß deklarierten Parteispende musste Johnsons Tory-Partei schlussendlich eine Strafe von 20.000 Pfund zahlen.
Anfang 2022 sah sich Boris Johnson Korruptionsvorwürfen ausgesetzt, nachdem ein Austausch von WhatsApp-Nachrichten zwischen ihm und dem wohlhabenden Parteispender David Brownlow veröffentlicht worden war. In dem Chat hatte der Premier um die Freigabe finanzieller Mittel für die Luxus-Renovierung seiner Dienstwohnung in der Londoner Downing Street gebeten. Berichten zufolge sollen sich die Renovierungskosten auf rund 112.000 Pfund belaufen haben. Wer genau den Luxusumbau bezahlt hat, blieb unklar. Wegen einer nicht ordnungsgemäß deklarierten Parteispende musste Johnsons Tory-Partei schlussendlich eine Strafe von 20.000 Pfund zahlen. © Tolga Akmen/Imago
Auf der UN-Klimakonferenz 2021 in Glasgow zeigten Fotos den britischen Premierminister gelangweilt, mit geschlossenen Augen – und ohne Mund-Nasen-Schutz. Boris Johnsons Büro verteidigte den Premier anschließend und stützte sich auf einen angeblichen, erneuerten Corona-Schutzplan der Veranstaltung, in dem es geheißen haben soll, man dürfe seinen Mund-Nasen-Schutz am Sitzplatz abnehmen. Naturforscher Sir David Attenborough, rechts neben Johnson, wollte sich nicht zu der Situation äußern.
Auf der UN-Klimakonferenz 2021 in Glasgow zeigten Fotos den britischen Premierminister gelangweilt, mit geschlossenen Augen – und ohne Mund-Nasen-Schutz. Boris Johnsons Büro verteidigte den Premier anschließend und stützte sich auf einen angeblichen, erneuerten Corona-Schutzplan der Veranstaltung, in dem es geheißen haben soll, man dürfe seinen Mund-Nasen-Schutz am Sitzplatz abnehmen. Naturforscher Sir David Attenborough, rechts neben Johnson, wollte sich nicht zu der Situation äußern. © Jeff J Mitchell/afp
Nur ein Foto von vielen, welches Boris Johnson mit einem Bier in der Hand zeigt. Trotz zahlreicher Skandale hat der konservative Politiker immer wieder Grund zum Feiern gehabt: wie etwa der Aufstieg zum Londoner Bürgermeister, das Amt des britischen Außenministers, sowie die spätere Ernennung zum Premierminister. Zuletzt hatte Johnson ein Misstrauensvotum gegen sich gewonnen. Ob er sich weiterhin im Amt halten kann, wird die Zukunft zeigen.
Nur ein Foto von vielen, welches Boris Johnson mit einem Bier in der Hand zeigt. Trotz zahlreicher Skandale hat der konservative Politiker immer wieder Grund zum Feiern gehabt: wie etwa der Aufstieg zum Londoner Bürgermeister, das Amt des britischen Außenministers, sowie die spätere Ernennung zum Premierminister. Zuletzt hatte Johnson ein Misstrauensvotum gegen sich gewonnen. Ob er sich weiterhin im Amt halten kann, wird die Zukunft zeigen. © Henry Nicholls/Imago

Die Strategie des Teams Truss („Liz for Leader!“) ist es, überall dort um Unterstützung zu buhlen, wo man glaubt, mit einfachen Feindbildern etwaige Unentschlossene für sich gewinnen zu können. Und so hatte Truss jüngst eine Message für Großbritanniens jüdische Gemeinde: „So viele jüdische Werte sind konservative Werte und auch britische Werte, zum Beispiel die Bedeutung der Familie und alle Versuche, sie zu beschützen, außerdem der Wert harten Arbeitens, Eigeninitiative und das Gründen eigener Geschäfte.“

Und hintendran wurde gesetzt, dass der „woke“ (sozial und ethnisch aufmerksame) Umgang des Beamtenstaates viel zu oft in den Antisemitismus abgleite.

Wer wird nächster Premierminister: Liz Truss ist mit ihrer Ignoranz für jeden politischen Anstand die wahre Erbin von Johnson und Thatcher

Der „Guardian“-Kolumnist Simon Hattenstone entlarvte dann für all die, denen es im ersten hier genannten Zitat nicht schon selbst aufgefallen war, Truss’ Wahlwerbung als antisemitisch: Ist es doch die Reduktion von Menschen jüdischen Glaubens auf genau die „konservativen“ Stereotypen, derentwegen sie in ihrer Geschichte immer wieder diffamiert, verfolgt und getötet wurden.

Rishi Sunak

Das Perfide an Truss’ nun schon x-tem Fauxpas ihrer Kandidatur ist aber gar nicht der unterschwellige Antisemitismus, der in der britischen Gesellschaft schon immer existiert hat (Philosemitismus hat es auch schon immer gegeben). Vielmehr ist die Vorwegnahme jeder möglichen Kritik als bloßes Aufbegehren von Gutmenschen, die sich linksliberal geben und in London leben (das ist die wortwörtliche Argumentation des ultrarechten Tory-Rands), die Ohrfeige gleich nach der ersten Klatsche.

Dass Sunak so dreist bisher nicht geworden ist, gereicht ihm beim exklusiven Tory-Wahlvolk zum Nachteil: kein echter Mann. Truss dagegen macht mit solchen – bestenfalls – ungerührten Dummheiten ihren Sieg klar. Und immerhin: Mit ihrer Ignoranz für jeden politischen Anstand ist sie dann auch die wahre Erbin von Johnson und Thatcher. (Peter Rutkowski)

Rubriklistenbild: © Jonathan Hordle/ITV/PA Media/dpa

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