Junge Wähler wandern massiv ab: Herbe Niederlage für Grüne bei Europawahl – im Gegensatz zur AfD
VonChristoph Gschoßmann
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Der Klimaschutz ist bei der Europawahl kein entscheidendes Thema bei jungen Wählern und Wählerinnen. Dementsprechend viele verlieren die Grünen.
Frankfurt – Bitterer Wahlabend für die Grünen. Nicht nur rutschte die Ökopartei allgemein bei der Europawahl ab, sondern auch bei einer Kerngruppe, auf die sie sich bislang verlassen konnte: bei der Jugend. Nach einer Analyse der Forschungsgruppe Wahlen schnitt dagegen die AfD bei jungen Menschen stark ab.
Die Grünen brechen bei der Jugend auf nunmehr 11 Prozent ein. In der Gruppe der 16- bis 24-Jährigen liegt die AfD mit 17 Prozent gleichauf mit CDU/CSU, die von den Jungen nur gut halb so viele Stimmen wie insgesamt bekommen. Die SPD kommt auf nur noch 9 Prozent – so viel wie auch die Außenseiter-Partei Volt. Laut ZDF gaben 70 Prozent der AfD-Anhänger an, die Partei wegen ihrer Politik zu unterstützen, 28 Prozent wählten die AfD demnach als Denkzettel für andere Parteien.
Grüne verlieren bei den unter 30-Jährigen 21 Prozent an Zuspruch
Bei der Europawahl 2019 noch konnten sich die Grünen auf die Jugend verlassen. Bei den unter 30-Jährigen war die Partei noch stärkste Kraft mit 33 Prozent. Auch hier folgte ein Einbruch auf 12 Prozent. Ein komplett anderes Bild ergibt sich dagegen bei der AfD: Während sie bei allen unter 60 Jahren 19 Prozent holte, vereinte sie bei den Wählern ab 60 nur elf Prozent auf sich.
Auch die Linke kann sich über die Unterstützung der Jugend freuen. Bei den Wählerinnen und Wählern unter 30 hat sie um mehr als das Doppelte an Stimmen im Vergleich zu ihrem Gesamtergebnis gesammelt. Nur geringe Unterschiede, was die Altersgruppen angeht, weisen FDP und BSW auf. Die Union dagegen punktet wie üblich bei den Älteren; so etwa mit 39 Prozent bei den über 60-Jährigen.
Grüne punkten bei Europawahl bei Frauen und Menschen mit hohem Bildungsabschluss
Weitere Unterschiede gibt es bei den Berufsgruppen. Die AfD schnitt bei den Arbeitern gut ab, die Grünen liegen hier deutlich unter ihrem Schnitt. Die Union dagegen punktete bei Selbstständigen und, wie die Grünen, bei Beamten. Hier hatte die AfD einen schweren Stand, während die Selbstständigen die SPD verschmähten. Ebenfalls zeichneten sich Trends beim Bildungsabschluss ab. Je höher dieser war, desto weniger wählten die Bürger die Union. Andersherum verhält es sich bei den Grünen. Die AfD schnitt am besten bei den Wählern mit mittlerer Reife ab.
Auch bei den Geschlechtern gibt es Unterschiede beim Wahlverhalten. Die Grünen schneiden um drei Prozent besser bei Frauen ab als bei Männern (14:11), die AfD um sieben Prozent besser bei Männern (12:19). Bei den anderen Parteien gibt es nur marginale Unterschiede, was die Geschlechter angeht.
Europawahl: AfD behält trotz starkem Ergebnis schlechtes Image – Einbruch bei den Grünen
Auch das Image der Parteien untersuchte die Forschungsgruppe Wahlen in ihrer Analyse. Dort müssen viele Parteien Federn lassen, die Grünen erleben jedoch geradezu einen Einbruch. Auf der von +5 bis -5 reichenden Skala stürzen sie von plus 1,2 bei der Europawahl 2019 auf jetzt minus 0,8 ab. Das AfD-Ansehen bleibt der Wahlanalyse zufolge mit minus 2,8 extrem schlecht (2019: minus 3,1). 74 Prozent sehen der Untersuchung zufolge in der AfD zudem eine Gefahr für die Demokratie. Die CDU/CSU sinkt von plus 1,2 auf plus 0,8, die SPD von plus 0,8 auf 0,0 und die FDP von plus 0,2 auf minus 0,6.
Wandel in Europa: Die Geschichte der EU in Bildern
Bei den Kompetenzwerten zeigt die Kanzlerpartei SPD, deren Führung von Ex-Chef Sigmar Gabriel abgekanzelt wurde, Schwächen. Der Union wird bei den wichtigsten Themen aus Sicht der Bürger – Verteidigung/Sicherheit und Flüchtlinge/Asyl – mehr zugetraut als der SPD. Auch im Politikfeld Europa haben die Genossen das Nachsehen. Scholz überzeugt mit seiner Herangehensweise, deutsche Interessen in der EU durchzusetzen, nur 29 Prozent der Wähler.
Europawahl: Grüne verlieren auch Zuspruch beim Klimaschutz
Beim Klimaschutz führen die Grünen laut Analyse weit weniger souverän als 2019. Die AfD bekomme viel Zuspruch beim Themenbereich Flüchtlinge und Asyl. 65 Prozent fordern eine schärfere EU-Migrationspolitik, darunter mit 88 beziehungsweise 86 Prozent besonders viele AfD- und BSW-Wähler.
Auch das Ansehen der Ampel-Koalition wurde untersucht. Demnach hat SPD, Grünen und FDP ihre schlechte Performance im Bund für die Europawahl geschadet. 66 Prozent der Bürger seien mit der Bundesregierung unzufrieden. Dass es die Union besser machen würde, meinen allerdings auch nur 30 Prozent, und weder Friedrich Merz, noch Markus Söder könnten sich beim Ansehen klar vom schwachen Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) absetzen. Für 46 Prozent der Befragten sei bei ihrer Entscheidung die Politik in Europa ausschlaggebend gewesen, für 49 Prozent die Bundespolitik. Als Gradmesser für den Bund tauge die Europawahl wegen ihrer eigenen Regeln aber nur bedingt, heißt es in der Analyse. (cgsc mit dpa)