VonAnika Zuschkeschließen
Ölkonzern Wintershall Dea will die Ölförderung ausweiten – mitten im Naturschutzgebiet vom Wattenmeer. Die Grünen stehen dahinter – Umweltschützer entsetzt.
Cuxhaven – Vor Putins Angriffskrieg auf die Ukraine, der seit Wochen die ganze Welt erschüttert, kamen 55 Prozent des deutschen Gas-Imports aus Russland. Auch fast 40 Prozent des Öls stammen von dort – das Land von Kreml-Chef Wladimir Putin stellte bis vor kurzem den wichtigsten Öllieferanten für Deutschland dar. Neben dem Kohle-Embargo steht aus dem Grund nun auch ein Öl-Embargo im Raum. Doch woher soll der wichtige Rohstoff dann in Zukunft kommen – bereits jetzt drohen Engpässe beim Gas.
Eine Option stellt die Ausweitung der Ölförderung im Nationalpark Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer dar – einem ausgewiesenen Natur- und Landschaftsschutzgebiet. Sogar die Grünen unterstützen das Projekt. Umweltschützer hingegen sind entsetzt über diese Entwicklung.
Ölkonzern Wintershall Dea will Ölförderung im Wattenmeer ausweiten – wegen drohendem Öl-Embargo gegen Russland
Der größte deutsche Öl- und Gaskonzern Wintershall Dea möchte seine Ölförderung ausweiten, mitten im schleswig-holsteinischen Naturschutzgebiet. Im Wattenmeer nördlich von Cuxhaven steht bereits seit Ende der 80er-Jahre die Ölplattform und Bohrinsel Mittelplate. Schon vor etwa drei Jahren beantragte das Unternehmen Wintershall Dea laut Spiegel.de eine südliche Erweiterung des bisherigen Feldes. Dabei gehe es wohl um Förderrechte für 50 Jahre, also bis 2069.
Öl-Embargo der EU wird diskutiert – Ungarn kündigt ein Veto an
Bislang ist dieses Projekt auf wenig Begeisterung gestoßen, doch durch den Ukraine-Krieg erhält es plötzlich neuen Aufschwung. Denn nach dem beschlossenen Kohle-Embargo wird nun EU-weit auch ein Öl-Embargo diskutiert – Ungar hingegen kündigte bereits ein Veto dagegen an. Auch der Krematorien-Bundes-Chef warnt bei einem eventuellen Gas-Embargo vor „Zuständen wie in Bergamo“. Während dem Umweltministerium in Kiel, das von grünen Ministern geführt wird, die Idee einer Ölförderung im Naturschutzgebiet bislang immer übel aufstieß, scheint es kürzlich einen Sinneswandel gegeben zu haben.
Grüne in Kiel unterstützen Ölförderung im Wattenmeer – Umweltschützer: „Ich bin von den Grünen enttäuscht“
Am 11. März 2022 brachte die Jamaikakoalition in Kiel dem Spiegel zufolge den Antrag „Energieversorgung sichern – Erdölförderung befristet gestatten“ ein, um die „vorübergehende Erweiterung der Erdölförderung über die Plattform Mittelplate [...] zu unterstützen“.
Umweltschützer lehnen diesen Antrag aufs Schärfste ab und zeigen sich entsetzt: „Die Ölplattform stört massiv unsere Nationalparklandschaft“, äußert Hans-Ulrich Rösner, Leiter des WWF-Wattenmeerbüros in Husum gegenüber dem Spiegel. Das sei seiner Meinung nach ein Widerspruch zum Schutzstatus des Wattenmeers. „Durch neue Bohrungen bekommen wir noch mehr Schiffsverkehr, es gibt mehr Lärm und Lichtverschmutzung und über allem schwebt immer das Risiko einer Havarie“, fährt Rösner fort. Zugvögel, die in dem Gebiet rasten, seien dort auf ihre Ruhe angewiesen.
„Ich bin von den Grünen enttäuscht, denn trotz des Ölembargos muss man einen kühlen Kopf bewahren und vernünftig nachdenken, ob sich so ein Projekt überhaupt lohnt“, schließt der Leiter des WWF-Wattenmeerbüros in Husum.
„Erschließung neuer Ölfelder ist kompletter Irrsinn“: Umwelthilfe hält nichts von Wattenmeer-Projekt
Auch die Deutsche Umwelthilfe hält wenig von dem Wattenmeer-Projekt. „In Zeiten der Klimakrise ist die Erschließung neuer Ölfelder kompletter Irrsinn und Schutzgebiete sollten im Jahr 2022 ohnehin tabu sein“, äußert Constantin Zerger laut Spiegel und fährt fort: „Die Landesregierung reagiert hier im Panikmodus und zementiert damit die fossile Infrastruktur für die nächsten Jahrzehnte – ohne ein konkretes Ausstiegsdatum zu nennen.“
Der Sinneswandel der Grünen erscheint umso überraschender, wenn man die Aussagen und die Politik Robert Habecks von vor einigen Jahren betrachtet. Im Jahr 2013 ließ der heutige Deutsche Bundesminister für Wirtschaft und Energie gegenüber der SHZ verlauten: „Energiewende heißt, die klimaschädlichen konventionellen Energieträger abzulösen.“ Damals agierte er noch als Umweltminister von Schleswig-Holstein. Die Zukunft des Bundeslandes liege „in den Erneuerbaren, nicht in Kohle, Öl und Gas“, äußerte er demzufolge und fügte hinzu, dass man bei Anträgen für Ölbohrungen die „Belange wie, die des Naturschutzes streng berücksichtigen“ würde. Auch in Habecks Osterpaket 2022 war von „Zeitenwende“ die Rede und von diesem Sinneswandel kein Wort zu finden.
Habeck droht bei Katar-Deal zu scheitern – Baerbock will Abhängigkeit von Russland trotzdem auf null reduzieren
Doch nicht nur im Bereich der Wattenmeer-Ölförderung sorgen die Grünen für Aufsehen. Auch der viel besprochene Flüssiggas-Deal zwischen Habeck und Katar droht, aus mehreren Gründen zu scheitern. Laut Focus ist der entscheidendste Grund dafür, dass die zwei Parteien sich uneinig über die Laufzeit des Vertrages sind. Der Nachrichtenagentur Reuters zufolge sei Deutschland nicht bereit, einen Vertrag mit mindestens 20 Jahren Laufzeit einzugehen. Aus dem Grund stocken die Gespräche mit dem Emirat momentan.
Doch der Wunsch und der feste Vorsatz, sich von der Abhängigkeit Russlands zu lösen, bleibt – und damit steigt der Druck auf Habeck. Denn auch Außenministerin Annalena Baerbock machte eine klare Ansage an Russlands Präsidenten Wladimir Putin: Deutschland werde in den kommenden Monaten seine Abhängigkeit auf null reduzieren – „und zwar für immer“. Unter Experten gilt ein mögliches Ölembargo als schärfste Waffe im Kampf gegen Putin.
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