Landtagsvizepräsidentin Aminata Touré (Grüne) tritt als Spitzenkandidatin bei der Landtagswahl in Schleswig-Holstein an.
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VonLeonie Zimmermannschließen
Die Grünen-Politikerin Aminata Touré engagiert sich als Vize-Landtagspräsidentin in Schleswig-Holstein für Frauenrechte, Gleichberechtigung und Vielfalt. Ein Interview.
Berlin – Als sie im Jahr 2012 bei den Grünen einstieg, war das ein Schritt ohne große Hintergedanken – heute ist Aminata Touré Vize-Präsidentin des Landtags in Schleswig-Holstein. Gemeinsam mit ihrer Parteikollegin Monika Heinold tritt sie nun als Spitzenkandidatin für die Landtagswahl am 8. Mai 2022 an. Im Exklusiv-Interview mit kreiszeitung.de erzählt die 29-Jährige, wie Schleswig-Holstein klimaneutral werden soll, warum wir Frauen nicht zur politischen Teilhabe motivieren müssen und was jeder Einzelne von uns gegen Alltagsrassismus tun kann.
| Name: | Aminata Touré |
| Geburtstag: | 15. November 1992 |
| Partei: | Bündnis90/ Die Grünen |
| Position: | Vize-Landtagspräsidentin in Schleswig-Holstein |
Frau Touré, alles Gute zum Internationalen Frauentag! Der Einsatz für Frauenrechte rückt aus gutem Grund immer mehr in die Mitte unserer Gesellschaft. Wie definieren Sie modernen Feminismus?
Ich setze mich für einen Feminismus ein, der wirklich jede Frau mit einbezieht. Das bedeutet, dass feministische Themen auch trans Frauen, Frauen mit Migrationshintergrund und Frauen jedes Alters ansprechen.
In der deutschen Politik sind Frauen ja noch immer unterrepräsentiert. Wie können wir mehr Frauen dafür begeistern, sich in der Politik zu engagieren?
Ehrlich gesagt bin ich es langsam Leid, darüber zu sprechen, wie wir Frauen motivieren können. Das wirkt immer ein bisschen so, als ob Frauen nicht intellektuell oder engagiert genug sind. Das entspricht absolut nicht der Realität. Es ist viel wichtiger, dass wir Männer dazu bewegen, sich mal ein bisschen zurückzunehmen. Wenn es um politische Posten geht, dann schreien Männer oft „Hier“, ohne sich darüber zu informieren, um was es dabei eigentlich geht. Wir Frauen ticken wegen unserer Sozialisation da komplett anders und denken erstmal darüber nach, bevor wir uns für ein Amt ins Rennen bringen. Dadurch ist die Politik noch immer von Männern dominiert. Dabei könnten Frauen die Aufgaben genauso gut ausführen, wenn nicht in manchen Fällen sogar besser. Wir brauchen also mehr Männer, die den Frauen bewusst den Vortritt lassen und sich aktiv für eine Frauenquote einsetzen.
Grünen-Politikerin Aminata Touré: Es gibt viele Möglichkeiten gegen Alltagsrassismus
Neben Frauenrechten steht auch der Kampf gegen Rassismus auf Ihrer politischen Agenda. Wie sehen Sie denn die aktuelle Situation von People of Colour in Deutschland?
Rassismus ist genauso wie auch der Kampf für mehr Frauenrechte ein großes Thema in unserer Gesellschaft. Wir haben in den vergangenen Jahren viel erreicht. Rassismusfrei ist Deutschland aber auch heute noch nicht. Im Alltag kommt es noch viel zu oft zu rassistischen Anfeindungen und Übergriffen. In vielen Bereichen des öffentlichen Lebens werden Menschen mit Migrationshintergrund noch strukturell benachteiligt. Durch Bewegungen wie Black-Lives-Matter haben wir große Fortschritte gemacht, aber wir müssen unbedingt weiter dran bleiben.
Was kann jeder einzelne von uns denn gegen Alltagsrassismus tun?
Um das Problem anzugehen, ist es zunächst wichtig, eine Sache zu verstehen: Alltagsrassismus ist oft die Folge von strukturellem Rassismus. Es gibt heutzutage unheimlich viele Möglichkeiten, sich über die rassistischen Muster und die Geschichte zu informieren. Viele People of Colour teilen ihre Perspektive auf Social Media, in Podcasts oder in anderen Medien. Für jeden, der etwas gegen Alltagsrassismus tun möchte, gibt es also viele Möglichkeiten sich zu informieren – die Bereitschaft muss nur da sein.
Sie haben den strukturellen Rassismus angesprochen. Den gibt es leider noch fast überall auf der Welt, auch in Deutschland. Wer ist dafür zuständig, dieses Problem anzugehen?
Die Politik ist klar dafür verantwortlich, gegen strukturellen Rassismus vorzugehen. Die richtigen Lösungen für das Problem finden wir aber nur gemeinsam mit der Zivilgesellschaft. Die Ampel-Regierung hat dafür ja die Verbesserung des Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes vereinbart, das auch im Koalitionsvertrag steht. Im Grunde geht es darin darum, dass jeder Mensch die gleichen Chancen hat, beziehungsweise um die Umsetzung des Grundrechts für alle.
Klimaschutz vs. soziale Gerechtigkeit: Aminata Touré sieht Chancen in Ausgleichsmaßnahmen
In Ihrer Position als Vize-Präsidentin des Landtags in Schleswig-Holstein sind Sie auch ein Vorbild für viele junge Frauen und People of Colour. Was möchten Sie vorleben?
Ich habe über dieses Thema ein ganzes Buch geschrieben, weil es mir so sehr am Herzen liegt. Junge und diverse Menschen sollten sich in die Politik einbringen. Ich möchte zeigen, dass wirklich jeder etwas bewirken kann und sich der Einsatz für mehr Solidarität und Gleichberechtigung immer lohnt.
Klimaschutz ist ja zu Recht ein großes Thema in unserer Gesellschaft. Viele Menschen fürchten allerdings noch immer, dass sie durch die Maßnahmen ihre Privilegien verlieren. Verstehen Sie diese Bedenken?
Also ehrlich gesagt halte ich die Sorge für vollkommen berechtigt. In der öffentlichen Wahrnehmung ist es ja oft so, dass sich Klimaschutz nur Reiche leisten, die sich vegan ernähren oder auf das E-Bike umsteigen. Dabei haben wir jetzt schon die Situation, dass die Auswirkungen der Klimaschutzmaßnahmen auch bei den Ärmsten deutlich spürbar sind.
Welche Konsequenzen sollte die Politik aus dieser Erkenntnis ziehen?
Die Politik muss zu jeder Klima-Maßnahme auch einen sozialen Ausgleich schaffen. Die Ampel-Regierung hat diese Wechselwirkung auf dem Schirm. Die steigenden Kosten sollen zum Beispiel durch einen Heizkostenzuschuss, einen höheren Mindestlohn oder die geplante Kindergrundsicherung ausgeglichen werden. Wir dürfen aber nicht den Fehler machen, die soziale Gerechtigkeit in Deutschland nur noch im Zusammenhang mit dem Klimawandel zu betrachten. Es gibt ja schon lange viel zu viele Menschen in Deutschland, die sich tausend Sachen nicht leisten können. Die Klimamaßnahmen verschärfen das Problem dann zwar oft, sind aber meistens nicht die einzige Ursache dafür. Unsere Aufgabe ist es, auch die anderen Ursachen anzugehen.
Aminara Touré zur Landtagswahl in Schleswig-Holstein: „Klimaneutralität ist unser großes Ziel“
Im Mai ist wieder Landtagswahl in Schleswig-Holstein. Sie treten gemeinsam mit Ihrer Parteikollegin Monika Heinold als Spitzenduo für die Grünen an. Ein Kernziel Ihrer Partei ist dabei Klimaneutralität bis 2035. Mal ehrlich: Wie wollen Sie das erreichen?
Klimaneutralität bis 2035 steht in unserem Wahlprogramm für Schleswig-Holstein und ist mit Sicherheit ein ambitioniertes Ziel, aber wenn wir es ernst meinen mit dem Pariser Klimaabkommen, dann ist genau das jetzt nötig. Um das zu erreichen, wollen wir Grünen in Schleswig-Holstein gleich in mehreren Bereichen aktiv werden. Zum Beispiel wollen wir den Ausbau der Erneuerbaren Energien beschleunigen, eine Mobilitätswende einläuten und uns für nachhaltigere Gebäude im Bundesland einsetzen.
Werfen wir noch einen Blick in die Zukunft: Wenn Sie später einmal auf Ihre Arbeit als Politikerin zurückblicken, was möchten Sie dann sehen?
Ich möchte vor allem Veränderung sehen. Eine gerechtere Gesellschaft, einen starken Zusammenhalt und mehr Chancengleichheit für alle. Jeder Mensch, ganz egal, wo er herkommt und welche Hautfarbe, welches Geschlecht oder welchen Wohnort er hat, sollte die gleichen Möglichkeiten haben, sich weiterzuentwickeln. Ich möchte mehr Vielfalt in der Politik sehen und natürlich einen Erfolg im Kampf gegen den Klimawandel. Es wäre schon schön, wenn wir das 1,5 Grad Ziel erreichen und es schaffen, für einen nachhaltigen Frieden in der Welt zu sorgen. *kreiszeitung.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.
