VonErkan Pehlivanschließen
Am anstehenden 1. Januar wird in Istanbul eine bedeutende Pro-Palästina-Kundgebung erwartet. Der Wahlspruch dieser Aktion lässt auf Eroberungsambitionen schließen.
Istanbul – In Istanbul wird es am 1. Januar im neuen Jahr erneut eine große Solidaritätsdemonstration für die Palästinenser geben. Das Motto der Veranstaltung heißt „Gestern die Hagia Sophia, heute die Umayyaden und morgen die Aqsa – Eine Sonne geht auf“. Gemeint ist damit die Hagia Sophia in Istanbul, die heute eine Moschee ist, die Umayyaden Moschee in Damaskus sowie die Al-Aksa-Moschee auf dem Tempelberg in Jerusalem.
Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan hatte bereits die Hagia Sophia in Istanbul am 24. Juli 2020 von einem Museum wieder in eine Moschee umwandeln lassen. Seinen Traum, in der Umayyaden-Moschee in Damaskus zu beten, soll er schon in den kommenden Tagen verwirklichen. Seinen Geheimdienstchef Ibrahim Kalin und seinen Außenminister Hakan Fidan schickte er bereits für die Vorbereitungen dazu in den Hauptstadt von Syrien.
Erdogans Motto nach Sturz von Assad: „Türkei größer als nur die Türkei“
Der Slogan der Solidaritätskundgebung mit den Palästinensern hört sich wie Eroberungsfantasien des mächtigen Mannes in Ankara an. „Die Türkei ist größer als nur die Türkei. Als Nation können wir unseren Horizont nicht auf 782 Tausend Quadratkilometer beschränken. Die und die Nation können nicht vor ihrem Schicksal fliehen und sich verstecken“, hatte Erdogan erst kürzlich auf X mitgeteilt.
Erdogan-Sohn vergleicht Israel mit Nazis
An der Organisation der Demonstration ist die Familie Erdogan unmittelbar mitbeteiligt. Der Organisator ist die sogenannte Milli Irade Plattformu (Deutsch: Nationale Willens-Plattform) – eine Zusammenschluss aus verschiedenen nationalistischen und islamistischen Organisationen, die dem türkischen Präsidenten und seiner Regierungspartei AKP nahestehen. Darunter ist auch die Ilim Yayma Vakfi (Deutsch: Stiftung zur Verbreitung von Wissen), dessen Vorsitzender Bilal Erdogan ist, der Sohn des türkischen Präsidenten. Ähnlich wie sein Vater greift der Präsidentensohn Israel direkt und unmissverständlich an. „Für ein Ende des von Israels nazistischem Apartheidregime verübten Völkermords und für die Befreiung unserer palästinensischen Brüder und Schwestern“, werde die Demonstration organisiert.
Auch am vergangenen 1. Januar hatte es eine ähnliche große Solidaritäts-Kundgebung für die Palästinenser in Istanbul gegeben. Auch damals war der Slogan martialisch: „Barmherzigkeit für unsere Märtyrer, Unterstützung für Palästina, Fluch für Israel.“ Dort hatte Bilal Erdogan ebenfalls Israel heftig kritisiert zur Fortsetzung des Boykotts gegen den jüdischen Staat aufgerufen. „Istanbul, versprecht ihr weiterhin zu boykottieren“, rief er damals bei seiner Rede in die Menge.
Handel zwischen der Türkei und Israel geht weiter
Offiziell hat die Türkei seit dem 2. Mai den Handel mit Israel auch ausgesetzt. Metin Cihan, ein im deutschen Exil lebender Journalist aus der Türkei, hatte immer wieder belegt, dass der Handel zwischen beiden Staaten stattfindet. Immer wieder veröffentlicht Cihan Dokumente, die etwa zeigen, wie Frachtschiffe gegenseitige Häfen ansteuern. „Sie bestritten zunächst den Handel mit Israel und gaben ihn dann zu, einschließlich Erdogans Sohn. Dann sagten sie, sie hätten es gestoppt, aber es stellte sich heraus, dass es über Palästina und andere Drittländer weiterging. Sie lehnten zunächst die Öllieferung (aus Aserbaidschan, Anmerkung der Redaktion) nach Israel ab und verkündeten dann, dass wir 1 Dollar und 27 Cent pro Barrel erhalten würden“, schreibt der Exiljournalist auf X.
In der Türkei ist das Thema ein Tabu. Bei einer Konferenz des Staatssender TRT Ende November waren neun junge Menschen bei der Rede des türkischen Präsidenten aufgestanden und den Handel mit Israel kritisiert. Die Palästina-Aktivisten wurden festgenommen und wegen Beleidigung des Präsidenten angeklagt. (erpe)
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