VonKlaus Ehringfeldschließen
Konfliktexperte Diego Da Rin spricht im Interview über die Strategie von Haitis Kriminellen.
Herr Da Rin, seit einer Woche wird Haiti von einer beispiellosen Welle der Gewalt überrollt. Was passiert da gerade?
Wir sehen einen Wendepunkt in der jüngsten Gewaltgeschichte Haitis. Denn die unzähligen Banden kämpfen erstmals nicht gegeneinander, sondern haben sich verbündet und verfolgen ein gemeinsames Ziel: den Sturz der Regierung von Premierminister Ariel Henry. Wir sehen derzeit den aggressivsten Angriff der Banden auf den Staat und auf die kritische Infrastruktur.
Was wollen die Gangs denn erreichen?
Zweierlei. Zum einen wollen sie die Rückkehr von Henry nach Haiti verhindern. Und darüber hinaus demonstrieren sie, dass sie den Staat in die Knie zwingen können, wann immer sie wollen. Sie wollen zeigen, dass eine politische Lösung nur über sie und mit ihnen am Verhandlungstisch erreicht werden kann. Letztlich wissen wir aber nicht ganz genau, ob die Banden völlig autonom handeln oder möglicherweise von den politischen oder wirtschaftlichen Eliten Haitis instrumentalisiert werden. Zum anderen wollen die Gangs mit ihrer Gewalt Kenia und andere Länder abschrecken und so verhindern, dass die geplante UN-gestützte internationale Polizeitruppe aufgestellt wird. Sie hätten viel zu verlieren, wenn die Polizeimission wirklich kommt.
Zur Person
Diego Da Rin (30) ist Haiti-Analyst der International Crisis Group, einem Thinktank zur Schlichtung tödlicher Konflikte weltweit. Der Kolumbianer hat Jura, Philosophie und Sozialwissenschaften an der Sorbonne in Paris studiert und sich am „Institut des Hautes Études d’Amérique Latine“ (IHEAL) in lateinamerikanischer Geschichte spezialisiert. keh Bild: Privat
Bandenführer Jimmy Chérizer hat vor einem Bürgerkrieg gewarnt, sollte Premier Henry nach Haiti zurückkehren. Wie ernst ist diese Drohung zu nehmen?
Die Gefahr sehe ich im Moment nicht. Wir sehen vielmehr hochgerüstete Banden vor allem in der Hauptstadt Port-au-Prince und dem Departement Artibonite mit der zweitgrößten Stadt des Landes, Gonaïves. Sie wollen den Staat mit ihren hochgerüsteten Kämpfern herausfordern. Aber sollte Henry tatsächlich zurückkommen, dann wird die Gewalt noch einmal ansteigen.
Es scheint so, als weine in Haiti dem seit 2021 amtierenden Premier Henry kaum jemand eine Träne nach …
Nein, er ist in der Bevölkerung sehr unpopulär. Und auch die Opposition sieht in ihm mittlerweile nur noch ein Hindernis für eine Lösung der institutionellen Krise. Er verweigert sich einer Übergangsregierung und hat immer wieder Versprechen gebrochen, Wahlen abzuhalten. Er ist gegen ein System mit mehr Checks und Balances. Sein Rücktritt wird von vielen schon lange gefordert.
Welche Lösung kann es denn überhaupt geben?
Es ist im Moment schwer zu sagen, weil sich die Lage nahezu täglich verändert. Sollte Premier Henry nicht nach Haiti zurückgehen und sich stattdessen für einen Rücktritt entscheiden, muss es eine sehr gute Koordinierung zwischen dieser Ankündigung und einer neuen Übergangsregierung geben. Sonst besteht die Gefahr, dass dieses Vakuum von politischen Akteuren dafür genutzt wird, sich mit den Gangs zu verbünden und eine Art De-facto-Regierung zu schaffen.
Interview: Klaus Ehringfeld
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