VonBedrettin Bölükbasischließen
Beim blutigen Überraschungsangriff der Hamas gegen Israel stehen Geheimdienste scharf in der Kritik. Auch ein aktiver Oberst sieht einen „großen Fehler“.
Tel Aviv – Eigentlich gehören Mossad und Shin Bet - jeweils Auslands- und Inlandsgeheimdienst Israels – für viele zu den besten Geheimdiensten der Welt. Doch den überraschenden Angriff der palästinensischen Hamas-Militanten am vergangenen Samstag (7. Oktober) konnten die israelischen Geheimdienste trotz aller Mittel nicht vorzeitig aufdecken und verhindern. Das wird ihnen nun vorgeworfen. Es hagelt Kritik und Unverständnis.
Hamas-Angriff gegen Israel: „Haben keinen Großangriff erwartet“
Schließlich geht es um eine großflächige Attacke direkt auf israelisches Territorium mit tausenden Angreifern, die bislang für mehr als 900 Tote sorgte. Dass die israelischen Geheimdienste auf derartige Vorbereitungen der Palästinenser nicht aufmerksam wurden, sorgt für Fragezeichen. Gegenüber der in London ansässigen Publikation Middle East Eye erklärte ein anonymer, jedoch aktiv im israelischen Militär tätige Oberst, wie es dazu kommen konnte.
„Die Situation in Gaza war sehr lange stabil, weshalb wir keinen Großangriff erwartet haben“, sagte er der Publikation. Wegen dieser langjährigen relativ stabilen Sicherheitslage habe sich bei den Militäreinheiten an der Grenze zu Gaza ein großes Defizit an Disziplin entwickelt, erklärte der Oberst weiter. Eigentlich hätten die israelischen Geheimdienste Informationen zu bevorstehenden Angriffend der Hamas erhalten.
Allerdings: Die Informationen dazu seien falsch beziehungsweise fehlerhaft evaluiert worden. So habe man gedacht, so der namentlich nicht genannte Oberst, die Hamas-Militanten würden mehrere, jedoch kleinere Angriffe statt eines einzigen Großangriffes gegen Israel starten. Dementsprechend sei man davon ausgegangen, dass die Hamas etwa ihre Raketen, Motorschirme und Kamikazedrohnen in separaten Angriffen einsetzen werde.
Hamas greift Israel an: Oberst fordert große Bodenoperation in Gaza
Stattdessen kam es jedoch entgegen der Erwartungen Israels zu einem großen Angriff aus Gaza. „Obwohl ich es nicht mag, das als Schwäche zu bezeichnen, hat der Geheimdienst einen großen Fehler gemacht“, räumte der Oberst gegenüber Middle East Eye ein. Er könne keine „logische Erklärung“ abgeben, wie es der Hamas gelungen sei, israelische Siedlungen derartig massiv zu überrennen.
Der Oberst stichelte außerdem gegen die Regierung von Premierminister Benjamin Netanjahu: „Vielleicht sollten Sie die Regierung fragen, die sich ja ständig in die Angelegenheiten des Militärs einmischt“. Das Verhältnis zwischen der Regierung und dem Militär in Israel ist seit Monaten angespannt. Nun müsse der Premierminister den Gazastreifen mit all seiner Macht angreifen, da er keine andere Wahl habe.
Die Idee einer Bodenoperation gegen Gaza unterstützte der Oberst: „Es wird 10 Jahre dauern, bis wir das alles aufgeräumt haben. Damit das passiert, darf Gaza keine großen Probleme verursachen. Was für dafür tun müssen, ist klar; eine große Boden- und Luftoperation. Es gibt keine andere Wahl.“
Kam eine Warnung aus Ägypten? Netanjahu dementiert „Falschmeldungen“
Inmitten der Debatte um das Geheimdienstversagen in Israel kamen weitere Informationen ans Licht, die noch mehr Benzin ins Feuer gießen. Ein anonymer ägyptischer Beamter sagte gegenüber der Nachrichtenagentur Associated Press, die Regierung in Kairo habe Netanjahu gewarnt, dass „etwas Großes“ bevorsteht. Allerdings habe die israelische Regierung diese Warnungen nicht beachtet.
Die israelische Regierung dementierte die Behauptungen in einer offiziellen Erklärung. Die Informationen würden nicht die Wahrheit widerspiegeln, hieß es israelischen Medien zufolge. In einer Ansprache am Montagabend (9. Oktober) unterstrich der israelische Premier Netanjahu, es handle sich bei den Behauptungen um „Falschmeldungen“. (bb)
