Haben sie eine Überlebenschance?

Angst um Hamas-Geiseln: Experte warnt in Bezug auf frühere Entführung – „Dann können sie die nicht retten“

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Die Deutsche Shani Louk und die anderen Geiseln aus Israel werden auch in den Tunnelsystemen der Hamas in Gazastadt vermutet. Ein Experte ordnet ein, was das für die israelische Offensive heißt.

Gazastadt – Der Gazastreifen. Es ist ein schmales Stück Land an der Mittelmeerküste zwischen Israel und Ägypten. Rund 2,2 Millionen Menschen leben hier. Die Städte Gazastadt, Jabalia, Deir al Balah, Chan Yunis und Rafah gelten als dicht besiedelt sowie eng verbaut.

Hamas-Geiseln im Gazastreifen: Israels Armee bereitet Offensive vor

Irgendwo hierhin, oder an mehrere der Orte, soll die radikalislamistische Terrormiliz Hamas nach ihrer brutalen Attacke auf Israel Dutzende Geiseln verschleppt haben – darunter wohl auch einzelne Deutsche wie die junge Frau Shani Louk. Laut verschiedener Berichte sollen es geschätzt zwischen 130 und 150 Geiseln sein, die aus grenznahen Siedlungen und Kleinstädten in die Palästinensischen Autonomiegebiete entführt wurden. Zum Beispiel vom „Nature Party Festival“ beim Kibbutz Re‘im.

Die israelische Armee bereitet an den Grenzen zum Gazastreifen eine Offensive für deren Befreiung und zur Zerschlagung der Hamas vor. Mit 300.000 Reservisten und teils schweren Panzern. Während die Geiseln für die Hamas als Druckmittel dienen. So, wie einst Gilad Schalit? Für einen möglichen Gefangenenaustausch?

Durch Israel schwer bombardiert: Straßenzüge in Gazastadt am 9. Oktober. Dorthin soll die Hamas viele Geiseln verschleppt haben.

Ein Rückblick: Der damalige Soldat Gilad Schalit wurde am 25. Juni 2006 durch Terroristen der Hamas entführt, nachdem diese einen Militärposten in der Nähe von Kerem Schalom im äußersten Südwesten Israels an der Grenze zu Ägypten und zum Gazastreifen überfallen hatten. Mehrere Freischärler der Terrororganisation hatten dazu einen Tunnel unter den israelischen Sicherheitszaun gegraben.

Hamas-Geiseln im Gazastreifen: Glaubt Terrormiliz an Beispiel Gilad Schalit?

Am 18. Oktober 2011 kam er aus der Gefangenschaft frei – nach über fünf Jahren. Die Regierung des israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu war ihrerseits dafür bereit, 1027 palästinensische Häftlinge freizulassen. Sie habe sich auf das Motto der Armee berufen, „keiner bleibt zurück“, berichtete das ZDF. Sind zumindest ähnliche Gefangenenaustausche jetzt denkbar? Geht es nach einem, der bei den Verhandlungen zu Gilad Schalit ganz vorne dabei war, dürfte es noch sehr viel schwieriger werden. Einzig wegen der großen Anzahl an Geiseln.

„Wenn es nach Hamas geht, wird es natürlich einen ganz außergewöhnlichen Austausch geben. Die Gedankenwelt von Hamas richtet sich danach aus: Gilad Schalit war damals 1027 gefangene Palästinenser wert“, sagte Gerhard Conrad, ehemaliger Mitarbeiter beim Bundesnachrichtendienst (BND), im „heute journal“ des ZDF. Jetzt habe die Hamas – die die israelischen Streitkräfte überrumpelte – etwa 130 Geiseln, davon seien mindestens 30 Militärangehörige.

Gazastreifen

Der Gazastreifen ist ein Küstengebiet am östlichen Mittelmeer zwischen Israel und Ägypten mit Gazastadt als Zentrum. Im gesamten Gebiet leben rund 2,2 Millionen Menschen, davon geschätzt 550.000 in Gazastadt. Neben dem Westjordanland ist der Gazastreifen Teil der Palästinensischen Autonomiegebiete. Der Gazastreifen hat bei einer Länge von 40 Kilometern sowie einer Breite von wechselnd sechs bis 14 Kilometer eine Fläche von 360 Quadratkilometern. Nach dem Sechstagekrieg 1967 hatte die israelische Armee das Gebiet bis 2005 besetzt. Seit 2007 herrscht die radikalislamistische Hamas hier diktatorisch.

„Wenn sie alleine diese Gruppe nehmen und mit tausend multiplizieren, sehen sie, in welchen Kategorien wir landen. Das sind Kategorien, die unrealistisch sind. Ich wage es zu behaupten, dass es so viele palästinensische Häftlinge in israelischen Gefängnissen gar nicht gibt, die von Hamas als Kämpfer bezeichnet werden“, meinte der einstige BND-Mann.

Hamas-Geiseln: Israelische Regierung von Benjamin Netanjahu schwer unter Druck

Die Verhandlungen mit der Hamas hätten sich damals über fünf Jahre hingezogen, weil andere israelische Regierungen (ebenfalls unter Netanjahu) sich nicht in der Lage sahen, solch einen Preis zu bezahlen. „Jetzt sind sie in einer wesentlich schlechteren Situation. Und sie haben natürlich die Verantwortung, mehr noch als bei Gilad Schalit. Er ist im Einsatz verwundet und entführt worden. Hier haben Sie jetzt eine Situation, in der das Sicherheitsversprechen des israelischen Staats gegenüber seinen Bewohnern zusammengebrochen ist“, erklärte Conrad: „Die Schuldfrage, wer ist verantwortlich für das Schicksal dieser Menschen, liegt stärker bei der Regierung.“

Für 1027 palästinensische Gefangene freigehandelt: Der israelische Soldat Gilad Schalit (2.v.li.) am 18. Oktober 2011 neben dem israelischen Politiker Benjamin Netanjahu (3.v.li.).

Damals hätten die israelischen Regierungen eine Militäraktion abgelehnt, weil die Gefahr für das Leben von Gilad Schalit zu groß gewesen sei, erzählte der frühere Geheimdienstler. Er meinte zu den aktuellen Vorbereitungen der israelischen Armee: „Eine Bodenoperation nie dagewesenen Umfangs – wenn Sie nicht zufällig den Aufenthaltsort der Geiseln in Erfahrung gebracht haben, dann können sie die auch nicht retten.“ (pm)

Rubriklistenbild: © IMAGO/Mahmoud Ajjour

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