Israel

Hamas-Überfall: „Viele sagen, das war wie ein Pogrom“

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Geburtstagsfeier für for Kfir Bibas, der von der Hamas als Baby entführt wurde. Am 18. Januar wurde er ein Jahr als - vorausgesetzt, er lebt noch.
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Um die posttraumatischen Belastungen der Opfer der Hamas therapieren zu können, muss erst der Krieg enden, sagt der Psychotherapeut Martin Auerbach. Ein Interview von Maria Sterkl.

Am 7. Oktober wurde ganz Israel durch den Überfall der Hamas in eine Schockstarre gestürzt. Kann man von einem nationalen Trauma sprechen?

Ja und nein, es gibt konzentrische Kreise. Es ist ganz unterschiedlich, ob man in einem Haus in einem der Kibbutz im Süden war und sich zwölf Stunden lang verstecken musste, während man hörte, dass draußen Leute herumgehen und Wohnungen in Brand stecken – oder ob man in Netanya (Anm. d. Red.: nahe Tel Aviv) sitzt und sieht all das in den Medien. Wenn man die Kreise größer zieht, gibt es aber niemanden in Israel, den es nicht betrifft. Es ist ja nicht wie 9/11, von dem nur ein kleiner Teil der US-Bevölkerung betroffen war und das danach auch vorbei war. Hier kennt jeder irgendwen, der betroffen war. Und der Krieg ist noch im Gange, Geiseln sind noch in Gaza, und wir haben mehr als 120.000 Menschen, die an ihren Wohnort nicht zurückkönnen.

Kommentar

Zynisches Spiel im Gaza-Streifen

Welche Gefühle löst das aus?

Es gab hier immer Kriege und Bombenanschläge, aber viele Israelis dachten, damit kann man leben. Heute haben viele das Gefühl, dass die Existenzbedrohung realer ist als früher. Regierung und Armee hätten uns beschützen sollen, aber das ist nicht passiert. Speziell für die, die nahe Gaza wohnen, ist das schwierig. Wir wissen, dass es grobe Fehler gegeben hat in der Prävention, dass Warnrufe ignoriert wurden. Dieser Vertrauensbruch, das Gefühl, im Stich gelassen worden zu sein, ist eine enorme Belastung.

Ab wann wird ein Schock zum Trauma?

Wenn ein Ereignis in uns sehr stark Angst auslöst und wir uns zugleich sehr hilflos fühlen, dann ist das ein traumatisches Erlebnis. Ich kann zum Beispiel einen Autounfall haben und sagen, das war ein sehr unangenehmes Erlebnis für mich – aber es ist kein Trauma. Statistiken zeigen, dass 50 bis 60 Prozent der Menschen schon ein traumatisches Erlebnis hatten.

Israel: „Erinnerung an Pogrome ist im kollektiven Bewusstsein da“

Wie überwindet man ein Trauma?

Am Anfang ist man sehr stark mitgenommen, wir nennen das posttraumatische Symptome. Vier von fünf Betroffenen haben sich nach mehreren Wochen von einem Trauma erholt. Für rund zwanzig Prozent der Traumatisierten ist das etwas, was sie nicht überwinden können – das nennen wir Posttraumatische Belastungsstörung. Oft ist entscheidend, wie hilflos man sich gefühlt hat, ob man vielleicht selbst etwas tun konnte, um sich zu befreien oder um anderen zu helfen. Ein weiterer wichtiger Faktor ist, ob es ein Naturereignis war oder etwas, das von Menschen zugefügt wurde. Wenn das Böse des Menschen hineinspielt und unsere Grundannahmen des Vertrauens an den Menschen in Frage stellt, kann man das schwerer verarbeiten.

Inwiefern weckt der 7. Oktober alte kollektive Erinnerungen?

Viele sagen, das Massaker ähnelte einem Pogrom. Und Pogrome gab es über Jahrhunderte, auch Ende des 19. Jahrhunderts noch in Russland und in der Ukraine, und sogar nach dem Zweiten Weltkrieg in Polen. Diese Erinnerung ist im kollektiven Bewusstsein da.

Martin Auerbach ist ein auf Trauma spezialisierter Psychiater und Psychotherapeut in Jerusalem. Er ist Klinischer Leiter von Amcha, Israels Zentrum für psychosoziale Unterstützung von Holocaust-Überlebenden und ihren Familien.

Niemand weiß, wann die Bedrohung nachlassen wird. Wie kann man ein Trauma bearbeiten, wenn die Gefahr immer noch akut ist?

Das macht es sehr schwierig. Das Erste, was man in der Therapie macht, ist zu prüfen: Ist die Gefahr immer noch real? Ein Beispiel: Wird eine Frau immer noch von ihrem gewalttätigen Mann bedroht, dann ist nicht sinnvoll, mit ihr an ihren Alpträumen zu arbeiten – denn die sind ja eine ganz normale Reaktion auf konkrete Gefahr. Sie muss erst aus der Gefahrenzone raus, sonst kann man sie nicht therapieren. Und im Moment gibt es auch in Israel noch Krieg. Es gibt Bombenalarm, niemand weiß, wie es ausgehen wird.

Wie können Therapeuten das Gefühl von Sicherheit vermitteln, wenn die äußeren Umstände so unsicher sind?

Man versucht wenigstens eine relative Stabilität zu bieten. Zum Beispiel, indem man den Menschen einen Tagesablauf gibt. Viele Freiwillige haben das gemacht: Sie sind zu den evakuierten Kindern gegangen und haben mit ihnen gemalt, mit ihnen „Schule“ gemacht. Natürlich ist das nicht dieselbe Schule und viele Klassenkollegen sind nicht mehr am Leben – aber es ist Schule. Sehr oft besteht Normalität einfach darin, dass man sich aktiv mit etwas beschäftigt. Ein Beispiel: Die Angehörigen der Geiseln sind ja sehr aktiv im Kampf, um die Geiseln zurück zu bringen. Sie fahren ins Ausland, klopfen an allen Türen, sprechen mit Medien und sagen: So schlecht es uns geht, wir müssen etwas tun – und das ist etwas, was ihnen extrem hilft.

Zu Ihnen kommen Holocaustüberlebende in Therapie. Wie haben sie den 7. Oktober verarbeitet?

Die Holocaustüberlebenden sind nicht eine homogene Gruppe, sie sind sehr divers. Aber für alle war der 7. Oktober ein erneutes Erdbeben, das die Erinnerungen an die Vergangenheit wieder aufleben lässt. Bei vielen verstärkt es die Existenzängste. Sie haben jetzt mehr Alpträume – vor allem von Dingen, die vor achtzig Jahren passiert sind. Einige trauen sich nicht mehr aus dem Haus, sie horten Lebensmittel und sagen ihren Kindern und Enkelkindern: Bleibt nicht hier, sucht euch ein anderes Land, hier haben wir keine sichere Zukunft. Es gibt aber auch die, die sagen: Weil wir selbst gelitten haben, können wir empathisch sein für die heutigen Opfer, zum Teil auch für die zivilen Opfer in Gaza.

Heute ist es fast unmöglich, sich von verstörenden Bildern der Massaker fernzuhalten. Sie sind im Netz allgegenwärtig. Was bedeutet das für die Überlebenden?

Das hat gute und schlechte Seiten. Viele Shoa-Überlebende sagen: Heute wird das berichtet, das Leid wird öffentlich anerkannt, um uns hat sich damals niemand gekümmert. Das ist positiv, weil die Opfer sich nicht vergessen fühlen oder sogar den Eindruck haben, dass ihnen nicht geglaubt wird – das war während und nach der Shoa nämlich oft der Fall. Die negative Seite ist: Die Bilder können enorm traumatisierend sein. Daher empfehlen wir den Menschen, diese Videoclips nicht zu oft zu sehen, nicht diese Gräuelberichte zu stark zu konsumieren. Die Überflutung mit diesen Nachrichten ist für unsere Seele sehr belastend.

Es ist aber eine bewusste Strategie der israelischen Regierung, diese Bilder zu zeigen, um Bewusstsein für die Gräuel der Hamas zu schaffen. Kann das auch zu Abwehrreaktionen führen?

Es ist immer wichtig, Unrecht, Gewalttaten und das ausgelöste menschliche Leid zu dokumentieren. Die Öffentlichkeit muss sich damit auseinandersetzen, man darf nicht verleugnen und vergessen. Nur so ist eine Aufarbeitung möglich und können Lehren für die Zukunft gezogen werden. Wir sehen in den letzten Monaten, dass dieser Krieg nicht nur militärisch, sondern auch sehr stark psychologisch in den Medien geführt wird. Es gibt Versuche, die Massaker vom 7. Oktober zu verleugnen, und da ist es sehr wichtig, dem entgegenzutreten und Tatsachen zu zeigen. Andererseits ist eine zu konkrete, grafische Darstellung erschütternd und kann zu Abwehrreaktionen führen.

Inwiefern?

Nach der Shoa haben die Alliierten den Bewohnern einer Stadt neben einem KZ in Deutschland gezwungenermaßen Bilder der Gräuel gezeigt. Einerseits ist es natürlich wichtig, weil es die Augen öffnet. Dass man aber alle zwingt, hat bei vielen bewirkt, dass sie sich abgeschottet haben. Sie haben gesagt: Das ist Propaganda.

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