VonHadija Haruna-Oelkerschließen
Der George Floyd Square in Minneapolis ist ein Ort der Erinnerung, aber hilft das den Menschen, die dort leben? Aktivist Marquise Bowie kämpft für ihre Anliegen.
George Floyd. Am 25. Mai 2020 wurde er während eines brutalen Einsatzes in Minneapolis von einem weißen Polizisten ermordet. Eine Tat, die einen internationalen Protest gegen rassistisch motivierte Polizeigewalt und Anti-Schwarzen Rassismus in Gang setzte. Heute ist der Tatort zu einer Touristenattraktion geworden. Nennenswerte Verbesserungen für die örtliche Gemeinschaft gab es kaum. Ein Gespräch mit Nachbarschafts-Aktivist Marquise Bowie, der mit dem „Agape Movement“ die Energie der Straße in eine Energie der Gemeinschaft verwandeln möchte.
Marquise Bowie, Sie wollen einen Ort schaffen, an dem alle für das gegenseitige Wohl verantwortlich sind. Wie geht es ihrer Community kurz vor den US-Wahlen?
Unsere Kreuzung am George Floyd Square besteht aus vier verschiedenen Stadtvierteln. Da ist das CANDO-Viertel, eines der ersten Viertel, in dem seit 1908 Schwarze Menschen leben durften und fortan dorthin gedrängt wurden. Dann gibt es das Powderhorn-Viertel, das Bancroft-Viertel und das Bryant-Viertel. Sie alle bilden den Schnittpunkt des George Floyd Square. Zwei dieser Viertel gehören zu den am stärksten gentrifizierten und unterdrückten Vierteln in South Minneapolis. Wir sind ein Ort, der wie viele andere Städte, unter systemischem Rassismus leidet. Und die Aufmerksamkeit nach dem Mord an George Floyd hat nichts dazu beigetragen, unseren Schmerz zu lindern. Als er ermordet wurde, sagten gewählte Vertreter und Politiker: „Schafft die Polizei ab.“ Dann gingen sie hin und schickten die Nationalgarde. Während ein Haufen fremder Menschen in unsere Gemeinde kamen, um zu feiern, zu rauben, zu plündern und andere Dinge zu tun. Wir sahen über Monate kaum Feuerwehrleute, Sanitäter oder andere Dienste. Selbst die Müllabfuhr kam eine Zeit lang nicht.
Aber die Tourist:innen kommen seither ...
Ja, viele Leute kommen dorthin, um sich die Kunst und die Wandmalereien und all die anderen schönen Dinge anzusehen und „ihren Respekt zu zollen“. Aber es sieht nicht so aus, als ob wirklich viel getan wird, um diesem Problemviertel zu helfen.
Steht deshalb auf Ihrer Visitenkarte, dass Sie ein „Touristen-Unterbrecher“ sind? Ich wurde so genannt, weil dieser Ort so geworden ist. Eine Art Touristenort, ohne Geld und Ressourcen, die helfen könnten. Der Name entstand, weil ich ein Gespräch beginnen und ein gastfreundliches Mitglied der Gemeinschaft sein will. Ich bin davon überzeugt, dass die meisten, die hierher kommen, gute Absichten haben. Aber was bewirken gute Absichten bei Menschen, die vernachlässigt wurden, die mit ihrer psychischen Gesundheit, Drogenmissbrauch, Obdachlosigkeit und Bandenaktivitäten zu kämpfen haben? Es geht mir also darum, diesem Ort einen Kontext zu geben. Ich pflanze Samen, um die Menschen zum Nachdenken anzuregen. Es gibt sicherlich keinen falschen Grund, warum Menschen hierher kommen. Aber der Kern der Gemeinschaft, der seit Jahrzehnten im Überlebensmodus lebt, fühlt sich unsichtbar. Er kann so nicht wachsen, heilen oder gedeihen. Zumindest nicht so, wie es sich die Community wünscht oder erhofft hat.
Sie machen mit ihrer Arbeit darauf aufmerksam, dass man sich für den Kern der Probleme der schwarzen Bevölkerung nicht wirklich interessiert. Sie stehen damit als ein repräsentatives Beispiel. Was ist ihr Ziel?
Ich möchte eine Stimme für die Stimmlosen sein. Vor der Ermordung von George Floyd waren viele Menschen nicht an unserer Gemeinschaft hier interessiert. Ich habe Menschen getroffen, die im Bundesstaat Minnesota geboren und aufgewachsen sind und die sich nicht getraut haben, hier zu uns in die Ecke der 38th zu kommen und das aus gutem Grund. Dann geschah der Mord und jetzt kommen Menschen hierher, um „ihren Respekt zu zollen“, Fotos zu machen und haben keine Angst mehr. Ich kann das nicht verstehen. Und möchte, dass die Leute, die hierherkommen mehr mitnehmen als das, womit sie gekommen sind. Das ist auch das Viertel, in dem der Sänger Prince aufgewachsen ist.
Und diese Kritik machen sie medial öffentlich. Wie sieht Ihre Arbeit vor Ort aus?
Mein täglicher Job ist es, Sicherheitsbeauftragter an der Roosevelt High School zu sein. Ich bin Teil einer gemeinnützigen Organisation namens Agape Movement und Botschafter des 38th Street District für Kunst und Kultur. Außerdem leite ich einen Heilungszirkel für kreatives Schreiben und kritisches Denken. Und eine andere Person, mit der ich zusammenarbeite, leitet einen Buchclub für Teenager. Es gibt hier ein offenes Bücherregal direkt am Tatort. Und ein Beispiel dafür, was Tourist:innen vielleicht übersehen, die aber für uns eine große Sache sind. Schwarze Kinder haben aufgrund finanzieller Schwierigkeiten weniger Zugang zu Büchern. Und wir wurden in der Vergangenheit für das Lesen von Büchern bestraft, weil wir als Schwarze versklavt wurden. Dies ist tief im systemischen Rassismus der Vereinigten Staaten verwurzelt. Darum ist es bedeutsam Bücher in die Hände von Kindern zu bringen, vor allem von Autoren, die wie wir aussehen: Maya Angelou, Langston Hughes. Manchmal können Bücher der einzige Ausweg sein. Ich weiß das aus eigener Erfahrung. Ich war lange Zeit im Gefängnis, und Bücher waren für mich ein Weg, um geistig aus dem Gefängnis herauszukommen. Physisch konnte ich nirgendwo hingehen, das bedeutete, dass ich viele Bücher lesen musste. Das war meine Flucht.
Die Serie
Wer rettet die USA? Eine Frage, auf die es keine einfache Antwort gibt. Im aktuellen Präsidentschaftswahlkampf geht es um nichts Geringeres, als den Erhalt der Demokratie. Viele Probleme bleiben dabei auf der Strecke. Doch statt sich damit abzufinden, kämpfen mutige Amerikanerinnen und Amerikaner jeden Tag dafür, dass es den Menschen in ihrem Land besser geht.
Jede Woche stellen wir in zwei Folgen Personen und Initiativen vor, die auf ihre Weise versuchen, Amerika zu retten. Vergangene Folgen sowie zusätzliche Bilder finden Sie online auf unserer Themenseite: fr.de/usa
Und die hat sie in ein Leben für die Gemeinschaft geführt. Was treibt Sie heute an?
Ich war das einzige Kind meiner Mutter, die mit Drogenmissbrauch kämpfte. Ich hatte nie wirklich positive männliche Figuren in meinem jungen Leben. Ich bin heute also das, was ich in jungen Jahren brauchte. Und einer meiner Mentoren sagte mir, bevor er starb, dass ich einfach ein positives Vorbild sein sollte. Und so wohne ich in dieser Nachbarschaft, bin hier aufgewachsen und kenne den George Floyd Square nun seit mehr als vier Jahren. Ich versuche also jetzt, den Menschen zu helfen, ihr Trauma zu verarbeiten.
Es wird von einer komplizierten Beziehung gesprochen, wenn es um diesen Gedenkort und die Nachbarschaft geht. Die Straße am Platz wurde inzwischen wieder für den Verkehr freigegeben und bis Ende des Jahres soll eine Lösung gefunden werden, wie an diesem Ort erinnert wird. Im Gespräch sind eine Fußgängerzone, ein Platz für ein Mahnmal und Kunst. Was halten Sie davon?
Das ist eine heikle Sache, es gibt keinen wirklichen Konsens darüber. Viele Bürger:innen wurden zu Gesprächen mit der Stadt eingeladen, aber sie haben das Gefühl, dass man uns vorschreibt, was zu tun ist. Dass man uns mit Essen versorgt, während man uns indirekt in den Schlaf wiegt, damit es so aussieht, als würden wir mit der Stadt zusammenarbeiten. Einige Leute sind der Meinung, dass dieser Block nie wieder befahren werden sollte. Sie haben kein Vertrauen in die Stadt. Deshalb wollen sie nicht einmal Hilfe von ihr annehmen, weil das so wäre, als würde man Blutgeld annehmen. Und andere in der Gemeinde wollen mehr Mitspracherecht. Natürlich will man als Stadt, dass es schön aussieht, aber das ist es nicht für uns. Wenn wir dabei als Gemeinschaft keine Arbeitsplätze, Programme, finanziellen Mittel und andere Ressourcen für die Hilfe von psychisch Erkrankten, Betroffenen von Drogenmissbrauch oder in Eigentumsfragen bekommen, dann ist es nicht das Richtige für uns.
Wie sieht eine echte Unterstützung für Sie aus?
Dorthin zu kommen und bereit zu sein, den Schmerz zu teilen. Wenn Menschen hierher kommen, um hilfreiche Verbündete für diese Gemeinschaft zu sein, dann ist der Aufbau von Beziehungen von größter Bedeutung.
Und wie baut man diese auf?
Im Café sitzen und mit den Leuten reden oder die von Schwarzen und POC geführten Unternehmen, unterstützen. Geschäfte wie zum Beispiel die Restaurants Smoke-in-the-Pit oder Just Turkey. Oder Dollar and up, ein Laden an der Ecke, in dem Schwarze Menschen Kleidung, Snacks und Reinigungsmittel zu einem vernünftigen Preis kaufen können. Aber auch den Catering Laden Michelle’s Kitchen oder King Demetrius, einen unabhängigen Journalisten mit seiner Kunstgalerie. Es gibt auch einen wiedereröffneten Coffeeshop, den man unterstützen kann oder uns: Die MN-Agape-Bewegung, die sich zunächst vor Ort für die öffentliche Sicherheit einsetzte und jetzt auch für die Reform der Strafjustiz, die Gefängnisreform, Mentoring und die Förderung der Jugend. Es geht darum, dass die Menschen etwas mitbringen, um den Schmerz zu lindern. Ich frage die Leute oft, ob sie nur mit guten Absichten in ein Obdachlosenlager gehen würden, ohne Wasser, Lebensmittel oder Ressourcen? Nur um sich dort umsehen und Fotos machen zu wollen? Was denken sie, wie sich die obdachlosen Menschen fühlen würden? Genau so fühlt sich ein großer Teil der Gemeinschaft auf dem George Floyd Square. Es wirkt performativ, ohne Substanz und Aktion.
Der George Floyd Square als Erinnerungsort sollte also sozialpolitisch gedacht werden. Als ein Ort des Erinnerns und der Unterstützung. Was sich ja auf viele Orte in den USA übertragen lässt, wenn es um Schwarzes Leben geht. Würde das die USA retten?
Man sollte sich bewusst sein, dass wir eine verletzte Gemeinschaft sind. Wir müssen an der Menschlichkeit arbeiten. Ich meine, denken Sie daran, dass die Vereinigten Staaten auf Völkermord und Versklavung aufgebaut wurden, und das haben sie nie wirklich anerkannt. Sie haben es bis zu einem gewissen Grad getan, aber wir brauchen eine Art von echter Anerkennung. Und für mich geht es auch darum, das zu verarbeiten. Wir brauchen etwas anderes, um all diese Geschichten zu erzählen, an denen Schwarze nicht beteiligt waren, aber so viele Dinge geschaffen haben.

