Interview

Vom Corona-Experten zum Gesundheitspolitiker: Warum Hendrik Streeck in den Bundestag will

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Hendrik Streeck will 2025 für die CDU in den Bundestag gewählt werden.

Der Bonner Virologe Hendrik Streeck will für die CDU in den Bundestag einziehen. Im Interview erklärt er, was seine Kandidatur mit Corona zu tun hat und wie er das Gesundheitssystem verändern würde.

Bonn/Fulda - In der Corona-Pandemie wurde Virologe Hendrik Streeck zu einem der bekanntesten Corona-Experten des Landes. Nun will er in den Bundestag. Für die CDU tritt er im Wahlkreis Bonn an. Wird Streeck der nächste Gesundheitsminister? Über diese Frage spricht der Virologe im Interview mit der Fuldaer Zeitung.

Hendrik Streeck will in den Bundestag: Wird Virologe neuer Gesundheitsminister?

Herr Streeck, als ich davon gehört habe, dass Sie für den Bundestag kandidieren, war meine erste Reaktion, …
Das kann ich Ihnen sagen. Sie haben sich gefragt: Warum tut er sich das an? (lacht)
Nicht ganz. Ich habe mich gefragt: Wird Professor Streeck der neue Bundesgesundheitsminister?
Auch das fragen derzeit viele. Aber: Der Bundestag ist ja kein Posten-Buffet. Viele, die nicht aus Bonn kommen, wissen das nicht: Seit 27 Jahren haben die CDU-Kandidaten den historischen Adenauer-Wahlkreis nicht mehr gewonnen. Daher gilt es für mich als allererstes, diesen Wahlkreis für die CDU zurückzuerobern und ein guter Abgeordneter für die Bonner Bürgerinnen und Bürger zu sein. Meine Expertise liegt in der Tat aber im Gesundheitsbereich, aber auch bei Wissenschaft und Bildung. In beiden Bereichen haben wir sehr große Baustellen und es muss etwas passieren – hier kann die Partei unbedingt Fachexpertise gebrauchen.
Sie haben auf die Absicherung über einen Platz auf der Landesliste absichtlich verzichtet, gehen also auf volles Risiko. Warum?
Das entspricht meinem Verständnis von Politik. Ich will das Bundestagsmandat aus eigenen Stücken erreichen und mich dann für Veränderungen einsetzen. Meine Kandidatur ist natürlich auch ein bewusster Impuls, mehr Fachexpertise direkt in den Bundestag zu wählen. Menschen, die aus dem Bereich Wissenschaft oder Gesundheit kommen wie ich, sind derzeit in der Politik unterrepräsentiert, können aber viel besser beurteilen, was in diesen Bereichen notwendige Veränderungen sind.
Um etwas zu verändern, braucht man auch Macht. Die hätten Sie aber eher als Minister und weniger als einfacher Abgeordneter.
Ja, selbstverständlich. Dennoch geht es um Politik, nicht um Posten. Eines allerdings kann ich Ihnen versprechen: Ich werde mit Sicherheit nicht versuchen, in den Verkehrsausschuss oder ähnliches zu kommen. Mir liegen Gesundheit sowie Wissenschaft und Bildung am Herzen. Da will ich mich einbringen und gestalten.

Corona-Pandemie als Treiber für Bundestags-Kandidatur Streecks

Ist das auch die Antwort auf die Frage, warum Sie sich das antun?
Da spielen mehrere Dinge eine Rolle. Zum einen ist die Kandidatur für mich die logische und emotionale Konsequenz aus den vergangenen Jahren, also auch aus der Corona-Pandemie. Ich bin Arzt. Mir ging es immer darum, Menschen zu helfen. Aber es ist die Politik, die doch die Rahmenbedingungen schafft, wie Menschen besser und gesünder leben und wie gut ihnen geholfen werden kann, wenn sie krank werden. Es ist also der gleiche Antrieb! Und mir ist das Land wichtig. Ich lebe unheimlich gerne in Deutschland. Ich bin auch stolz auf Deutschland. Aber ich sehe, dass wir vor großen Herausforderungen stehen – und dafür brauchen wir eine andere Politik. Es geht nicht nur darum, dass etwas geändert wird, sondern auch um das Wie. Mein Blick ist mehr lösungs- und sachorientiert, analytisch, weniger ideologisch.
Heißt das: Wenn es Corona nicht gegeben hätte, würden Sie jetzt nicht für den Bundestag kandidieren?
Die Pandemie hat uns allen gezeigt, dass Gesundheitspolitik für die Menschen ein hoch emotionales Thema ist, welches das Land gespalten hat. Sie hat auch gezeigt, wie leicht die Wissenschaft für politische Zwecke benutzt werden kann. Und sie hat gezeigt, wie schlecht vorbereitet und international vernetzt wir waren. Natürlich hat diese Zeit dazu beigetragen zu sagen: wenn nicht jetzt, wann dann – wenn nicht ich, wer dann? Demokratie lebt nicht vom Meckern, sondern vom Machen.
Also auch eine Konsequenz aus den vielen Fehlentscheidungen, die aus heutiger Sicht in dieser Zeit getroffen wurden und die bis heute nicht aufgearbeitet wurden?
Ja. Ich habe nun zwei Jahre beharrlich dafür geworben, dass wir eine Aufarbeitung der Pandemie brauchen. Ich habe ein Buch geschrieben, wie ich mir eine Aufarbeitung vorstelle. Aber ich habe gemerkt, dass all das in der Politik nicht fruchtet. Insofern gibt es einen Zusammenhang. Aber ich sage es mal so: Mein erstes Anliegen, sofern ich in den Bundestag gewählt werde, wird nicht sein, für die Aufarbeitung der Pandemie-Maßnahmen zu kämpfen. Dafür sind all die anderen Herausforderungen, die wir derzeit haben, zu groß, zu komplex und zu dringend. Wenn es aber eine Bewegung gibt, die sich für eine Aufarbeitung in Form einer Enquetekommission oder eines Untersuchungsausschuss einsetzt, bin ich der Erste, der das befürwortet und unterstützt. Ich halte es nach wie vor für extrem wichtig, dass wir aus dem, was passiert ist, lernen.

Video: Hendrik Streeck zur Aufarbeitung von Corona-Maßnahmen

Welche sind denn die größten Herausforderungen im Gesundheitssystem, die Sie angehen wollen?
Die Menschen haben Angst, dass ihre Gesundheit zu einem Produkt wird, das quasi wegrationalisiert wird: dass Krankenhäuser in ihrer Region schließen, dass Operationen nur noch durchgeführt werden, um bestimmte Quoten zu erfüllen, dass Ärzte keine Zeit mehr für sie haben. Dass es bei Gesundheit nicht als allererstes um die Gesundheit geht, sondern um Wirtschaftlichkeit. Es kann doch nun wirklich nicht sein, dass der kranke Mensch am Ende lukrativer ist als der gesunde. Das sollte andersherum sein. Und die Gesundheit sollte nicht die Summe aller Behandlungen von Krankheiten sein, sondern die Summe der Behandlungen, die nicht nötig sind. Da müssen wir radikale Veränderungen vornehmen, die Probleme bei der Wurzel packen, also wirklich auch anders denken. Wir müssen hierbei aber andere mit eindenken, etwa die Wissenschaftspolitik und natürlich auch die Sozialpolitik. Denn wenn wir die Forschungen nicht schnell an den Patienten bekommen, weil unser Wissenschaftssystem nicht transferorientiert ist, geht uns zu viel verloren. Und wenn wir das Sozialsystem nicht als Faktor sehen, verlieren wir einen großen Entlastungspunkt für das Gesundheitssystem, denn ein gut gemachtes Sozialsystem schont am Ende auch die Gesundheitssysteme.
Was meinen Sie konkret?
Wir müssen im präventiven Sinne die Leben der Menschen verbessern und Gesundheitskompetenz stärken, da läuft es wirklich nicht gut in Deutschland. Wir haben eines der teuersten Gesundheitssysteme der Welt, aber bei der Lebenserwartung liegen wir sogar unter dem EU-Durchschnitt. Das liegt vor allem daran, dass wir zu wenig Gesundheitskompetenz haben und Prävention nicht den notwendigen Stellenwert hat. Ein Beispiel: Wir haben Familien, die in die Notaufnahme gehen, weil sie tatsächlich nicht mehr wissen, wie Fieber gemessen wird.
Der zweite Punkt ist: Wir brauchen dringend eine Entbürokratisierung. Wenn ein Assistenzarzt allein 44 Prozent seiner Arbeitszeit darauf verwendet, Formulare auszufüllen, eine Pflegekraft 36 Prozent, dann wissen wir, warum wir einen Fachkräftemangel im Gesundheitswesen haben. Wenn wir diese Zeit halbieren würden, sähe die Personallage ganz anders aus.
Und der dritte Punkt?
Ich glaube, Ärzte müssen viel mehr kooperieren. Eine Idee wäre ein Primärarztsystem, bei dem der Hausarzt für seine Patienten der Lotse durch das Gesundheitssystem ist, bei dem auch die Befunde zusammenlaufen. Auch hier ein Beispiel: Orthopäden werden häufig konsultiert von Patienten mit nicht orthopädischen Erkrankungen. Die Menschen haben das Gefühl, die Knochen tun weh, dabei ist es die Milz, die Gefäße oder der Magen. Dass Ärzte hier besser zusammenarbeiten, setzt aber auch eine funktionierende Digitalisierung voraus.
Ist eines der Grundübel nicht auch das System aus privater und gesetzlicher Krankenversicherung – dass nicht alle in einen Topf zahlen, dass es knapp 100 Kassen gibt und damit auch zu viel Bürokratie in der Verwaltung und dass gesetzlich Versicherte keine Termine mehr bei Fachärzten bekommen?
Das ist ein komplexes und gewachsenes System, welches zwar für Wettbewerb sorgt, aber sicher auch ungleiche Zugänge zu Behandlungen schafft. Trotzdem gebe ich Ihnen recht, dass man auch an diese Systeme ran muss. Ich will nicht das System aus PKV und GKV per se abschaffen, aber wir brauchen Reformen, die vor allem die Verwaltung betreffen und positive Veränderungen für alle Patienten haben müssen. Wenn in den Versicherungen ein großer Stab an Mitarbeitern wegen Behandlungen in der Größenordnung von 50 Euro Wirtschaftlichkeitsprüfungen macht, steht das nicht mehr in einem angemessenen Verhältnis.
Aber ich will noch auf ein anderes Problem aufmerksam machen: Zur Wahrheit gehört leider auch, dass die GKV-Pauschalen, die aus Steuergeldern für jeden Bürgergeldempfänger gezahlt werden, deutlich niedriger als die Beiträge anderer Versicherter sind und die Kosten nicht decken. Da geht es um Milliardenbeträge, die dem System fehlen.
Das letzte gesundheitspolitische Projekt, welches die Ampel-Koalition noch durchgesetzt hat, ist Karl Lauterbachs Krankenhausreform, mit der sich – so die Überzeugung des Ministers – die Versorgungsqualität spürbar verbessern wird. Glauben Sie daran?
Zunächst ist es gut, dass es überhaupt eine Krankenhausreform gibt. Aber um es im „Arztsprech“ zu sagen: Die Diagnose ist richtig gestellt, die Therapie jedoch falsch. Das unkontrollierte Sterben von Krankenhäusern vor allem im regionalen Bereich muss auf jeden Fall verhindert werden. Die betroffenen Krankenhäuser müssen in ambulante Versorgungszentren umgewandelt werden, anstatt das einfach so dem Markt zu überlassen. Um bei dem Bild zu bleiben: Wenn die Therapie falsch gewählt wurde, sollte man dringend über einen Arztwechsel nachdenken.

„Therapie falsch gewählt“: Streeck kritisiert Minister Lauterbach

Eine Schlüsselrolle bei der Gesundheitsvorsorge und der Bekämpfung von Krankheiten spielt in Deutschland das Robert Koch-Institut. Die Corona-Protokolle haben offenbart, wie auf die Wissenschaftler politisch Einfluss genommen und der Impf-Druck auf die Bevölkerung künstlich hochgehalten wurde. Würden Sie als Verantwortlicher das RKI stärker vom Gesundheitsministerium trennen?
Ich persönlich würde mir ein starkes, zentrales Institut für öffentliche Gesundheit wünschen, das die Ressourcen, aber auch die Hoheit hat, bei Ausbrüchen wie Corona weisungsunabhängig einzugreifen. Das RKI, die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung und das neu geplante Bundesinstitut für öffentliche Gesundheit sollten dafür zusammengelegt werden. Was durch die RKI-Protokolle zu den Entscheidungsfindungen beim RKI herausgekommen ist, ist Gift für das Vertrauen in die Wissenschaft. Wenn die Bevölkerung glaubt, dass die Wissenschaftler nicht mehr frei reden, sondern sich nur äußern, wie es der Minister will, läuft etwas schief. Das Institut muss auf jeden Fall unabhängig agieren, das schafft am Ende auch wieder Vertrauen.
In der Union wird gerade darüber gestritten, ob eine Koalition mit den Grünen nach der Bundestagswahl ausgeschlossen werden soll. Rein auf die Gesundheitspolitik bezogen: Würden Sie lieber mit den Grünen oder der SPD regieren?
Ich glaube, es ist generell nicht gut, von vornherein eine Koalition mit dieser oder jener Partei auszuschließen. Man muss doch erstmal die Ergebnisse abwarten, um zu sehen, welche Konstellationen überhaupt möglich sind. Ich für meinen Teil denke, dass die CDU ganz klar sein muss in dem, was sie erreichen will – vor allem auch im Gesundheitsbereich. Und ich würde mir wünschen, dass die CDU dann das Gesundheitsministerium übernimmt. Gerade bei den derzeitigen Herausforderungen, dem demografischen Wandel und auch den Krisenherden in den Nachbarländern, muss unser Gesundheitssystem auf starken Füßen stehen. Wir haben keine Zeit, die Probleme nur zu verschlimmbessern. Lösungen dürfen nicht von irgendeiner Ideologie getrieben sein. Wir brauchen jetzt wirklich pragmatische und schnelle Lösungen aus einer Hand, die die Ressorts viel stärker gemeinsam denken, wie eben gesagt, etwa Gesundheit, Wissenschaft und Soziales. Die Menschen haben zurecht genug von Jahren des theatralischen Koalitions-Zoffs: Stellen Sie sich mal vor, auf Station im Krankenhaus würde unter Kollegen so gerungen. Da muss man schnell handeln, pragmatischen Konsens herstellen und anpacken.

Streeck im Interview

Das Interview mit Virologe und CDU-Politiker Hendrik Streeck ist am 14. Dezember 2024 in der Print-Ausgabe und im E-Paper der Fuldaer Zeitung erschienen. Online veröffentlichen wir hier eine gekürzte Fassung.

Sie haben zu Beginn des Gesprächs darauf hingewiesen, dass Sie Ihre Expertise auch im Bereich Wissenschaft und Bildung sehen und für Veränderungen eintreten wollen. Welche Notwendigkeiten sehen Sie?
Ja, meine Kampagne baut auf einen Glaubenssatz von mir auf, der mit dem Wort Wissenschaft spielt: „Wissen schafft…“ Am Anfang allen Fortschritts in diesem Land steht das Wissen. Und das fängt bei Kindern an, geht über die Frage der Bildungswege bis hin zur Frage, wie wir aus der Wissenschaft auch die Wirtschaft noch viel mehr stärken können. Hier sehe ich eines der größten Probleme in der Bürokratie. Wir sind ein Land der Ideen und Innovationen. Wussten Sie, dass es bei uns europaweit die meisten Patentanmeldungen gibt? Aber wir haben es verlernt, diese Ideen auf die Straße zu bekommen. Diese Ideen wandern meistens ins Ausland – und die wissenschaftlichen Talente gleich mit. Hier müssen wir ran, denn Ideen und Innovationen sind immer unser Motor in Deutschland gewesen, und den müssen wir wieder anwerfen. Das kann man auf der einen Seite dadurch tun, dass man die Neugründung von Start-ups massiv erleichtert – zum Beispiel über digitale Formulare, denn derzeit dauert sowas bis zu acht Wochen. Auf der anderen Seite müssen wir die Förderung für solche Start-ups massiv erhöhen. Wir müssen aber auch dringend den sogenannten Mittelbau stärken. Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass die Phase nach der Promotion wirklich hart ist, und hier muss man Perspektiven eröffnen. (Von Bernd Loskant)

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