VonJohannes Dieterichschließen
Afrikanische Staaten ringen um Vermittlung im Krisenstaat Sudan. Ein UN-Beobachter spricht von einem Bürgerkrieg „der brutalsten Art“ – und die Kämpfe weiten sich aus.
Nach dem Scheitern der Bemühungen Saudi-Arabiens und der USA, im Sudan einen Waffenstillstand auszuhandeln, ergreifen die Nachbarstaaten des nordostafrikanischen Staats die Initiative – allerdings auch sie vorerst ohne Erfolg.
Der ostafrikanische Staatenbund „Intergovernmental Authority on Development“ (Igad) lud zu Wochenbeginn Vertreter:innen der beiden kriegführenden Generäle zu einem Treffen in der äthiopischen Hauptstadt Addis Abeba ein – doch Sudans Streitkräftechef Abdel Fatah al-Burhan schlug die Einladung aus. Er hatte als Bedingung für die Teilnahme eines Vertreters gestellt, dass den Vorsitz über die vierköpfige Vermittlergruppe nicht der kenianische Präsident William Ruto innehat: Ihn betrachtet al-Burhan als parteiisch. Der Chef der Miliz „Rapid Support Forces“ (RFS), General Mohammed Hamdan Dagalo (alias Hemeti), schickte hingegen einen Abgesandten.
An dem Treffen nahmen vier Regierungsspitzen des acht Mitglieder umfassenden Staatenbundes Igad teil. Neben Kenias William Ruto auch die Präsidenten des Südsudans und Dschibutis sowie der äthiopische Premierminister Abiy Ahmed. Die Repräsentanten des sogenannten „Quartetts“ drückten ihre Sorge über die „zunehmende Eskalation“ des Konflikts im Sudan aus und regten ein Gipfeltreffen der zehn Teilnehmerstaaten der „Ostafrikanischen Eingreiftruppe“ (EASF) an.
Sudan: Auch Kairo will vermitteln
Auf diesem solle über einen militärischen Einsatz im Sudan „zum Schutz von Zivilisten“ und „zur Ermöglichung humanitärer Hilfe“ beraten werden. Ein Termin wurde nicht genannt. Auch ein von dem Igad-Quartett angeregtes direktes Treffen zwischen al-Burhan und Hemeti steht bislang noch aus.
Vier Monate nach dem Ausbruch der Kampfhandlungen versucht jetzt auch Ägypten, sich als nördlicher Nachbar des Sudans in die Bemühungen um eine Beilegung des Konfliktes einzuschalten. Für den heutigen Donnerstag lud Militärherrscher Abdel Fatah el-Sisi die Regierungschefs der sudanesischen Nachbarstaaten zu einem Treffen nach Kairo ein. Vertreter der Kriegsparteien werden dort keine erwartet: Alleine schon, weil el-Sisi als Verbündeter al-Burhans für Hemeti als Vermittler nicht infrage kommt. Im Mittelpunkt des Kairoer Treffens soll stattdessen die Flüchtlingskrise stehen. Mehr als 700 000 Menschen haben bereits Zuflucht in einem der sieben Nachbarstaaten des Sudans gesucht: vor allem im Tschad, dem Südsudan und Ägypten.
Unterdessen werden aus dem Sudan selbst immer heftigere Kämpfe gemeldet. Bei einem Angriff der sudanesischen Luftwaffe auf die Khartumer Zwillingsstadt Omdurman sollen am Wochenende 22 Menschen getötet worden sein. Die wenigen noch betriebenen Krankenhäuser der Stadt seien völlig überfordert, berichtete Rashid Mukhtar Hassan, Personalchef des Al-Nau Lehr-Hospitals, der „New York Times“: In der vergangenen Woche seien an einem einzigen Tag 20 Tote in sein Krankenhaus gebracht worden. „Hier ist die Hölle los“, klagt der Personalchef.
Sudan: Immer mehr Regionen betroffen
UN-Generalsekretär António Guterres sieht den Sudan an der „Schwelle zu einem ausgewachsenen Bürgerkrieg“, der die gesamte Region destabilisiere. „Die dortige Missachtung der humanitären Rechte ist besorgniserregend“, sagte Guterres am Sonntag. Für UN-Nothilfekoordinator Martin Griffiths befindet sich das Land bereits in einem Bürgerkrieg, und zwar „der brutalsten Art“. Der Sudan sei für die Mitarbeiter:innen von Nothilfeorganisationen derzeit „der schlimmste Ort der Welt“. „Wir haben keinerlei Forum, in dem die Kriegsparteien vertreten sind, um die zur Verteilung von Hilfe nötigen Vereinbarungen zu treffen“, klagt Griffiths. Nach UN-Angaben ist mehr als die Hälfte der 48 Millionen Sudanesinnen und Sudanesen auf Nahrungsmittelhilfe angewiesen. Derzeit würden wegen der Kämpfe und anderer Zugangsbehinderungen jedoch nur 2,8 Millionen Menschen erreicht.
Auch aus den Provinzen Nord-Kordofan und Blauer Nil werden inzwischen Gefechte gemeldet. Die Armee hat in den meisten ländlichen Regionen die Oberhand. Die RSF-Miliz weitet dafür offenbar in Khartum die von ihr kontrollierten Gebiete aus. In ihrer Heimat, den Darfur-Provinzen, operiert die Miliz nahezu ungehindert. Dort werden ethnisch motivierte Gewalttaten gemeldet. Die Menschenrechtsorganisation „Human Rights Watch“ fordert bereits Ermittlungen durch den Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag.
