VonJoachim Willeschließen
Deutschland legt einen Schutzplan gegen hohe Temperaturen auf – und ein Institut gibt Tipps, wie der Sommer zu Hause erträglich bleibt.
Deutschland reagiert mit 20 Jahren Verspätung. Frankreich legte bereits nach der verheerenden Hitzewelle 2003 einen nationalen Hitzeschutzplan auf, um die Gefahr von vorzeitigen Todesfällen zu senken. Damals waren europaweit rund 70 000 Menschen wegen der hohen Temperaturen gestorben. Nun endlich verfolgt auch die Bundesregierung das Ziel, gefährdete Personengruppen – wie Ältere, chronisch Kranke, Schwangere – durch koordinierte Maßnahmen besser zu schützen, wie Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) ankündigte. Allerdings sollten auch alle anderen Menschen, egal ob Mieter:in oder Hauseigentümer:in, Vorkehrungen gegen den zunehmenden Hitzestress ergreifen. Hier gibt es eine ganze Reihe von Möglichkeiten.
Hitzeschutz: In Frankreich führen Orte ein Register mit Personen, die bei Hitze besonders gefährdet sind
Wie geht Frankreich vor? Dort gilt landesweit ein vierstufiger „plan canicule“, zu Deutsch: „Hitzewellen-Plan“. Die Kommunen haben auf Basis dieses Plans zum Beispiel ein Register mit älteren, alleinstehenden Personen eingeführt, die als besonders gefährdet gelten und dann bei anhaltender Hitze Hilfe von Sozialdiensten bekommen sollen. Rathäuser bieten in den Kommunen zudem gekühlte Räume an. Obdachlose werden mit Wasser versorgt oder zeitweise untergebracht. Bei der höchsten Warnstufe werden schließlich Sportveranstaltungen und Open-Air-Termine abgesagt, und die Behörden richten Krisenstäbe für Pflegeheime und Kliniken ein.
Hitzeschutz: Grün, Grün und nochmal Grün kühlt die Umgebung ab
Hierzulande soll Ähnliches bereits in den kommenden Wochen anlaufen. Lauterbach denkt unter anderem an koordinierte Warnungen vor dem Beginn von Hitzewellen, etwa über Radio, Fernsehen oder Handy. Denkbar sei es auch, gezielt Ältere über Pflegedienste anzusprechen. Als erstes Angebot ist nun ein Internet-Portal online gegangen, auf dem Kommunen sich über Hitzeschutz-Maßnahmen informieren können – hier geht es unter anderem um die Kommunikation von Hitzewarnungen, Hitzevorsorge in sensiblen Einrichtungen wie Pflegeheimen oder Stadtpläne mit „kühlen Orten“. Der SPD-Politiker betonte, in der Vergangenheit seien in Deutschland jedes Jahr Tausende Menschen an Hitze gestorben. Das ist keine akzeptable Situation.“
Auch Bundesumweltministerin Steffi Lemke (Grüne) hob die zunehmende Bedeutung von Hitzeschutz-Maßnahmen hervor – Stichwort Stadtumbau. Es werde immer wichtiger, die sich besonders stark aufheizenden Städte durch mehr Grün und mehr Schatten abzukühlen und die Verfügbarkeit von Wasser im öffentlichen Raum zu verbessern. Es sei bereits eine gesetzliche Grundlage geschaffen worden, damit Kommunen Trinkwasser-Spender bauen könnten.
Doch es sind eben nicht nur die Risiko-Gruppen, die unter 30-Grad-plus-x-Hitzewellen und den häufiger auch in Deutschland auftretenden „tropischen Nächten“ leiden, in denen die Temperatur nicht unter 20 Grad sinkt. Tage mit solchen Bedingungen gab es in diesem Jahr bereits, obwohl der Sommer gerade erst so richtig begonnen hat.
Hitzeschutz: Wärmepumpen können auch für Kühlung genutzt werden
Ohne Maßnahmen zum Hitzeschutz wird die Wärmebelastung in vielen Häusern schnell unerträglich. Eine intensive Sonne von einem wolkenlosen Himmel, wie in den vergangenen Juni-Wochen vielerorts der Fall, heizt die Gebäude durch Fenster, heiße Fassaden und Dächer zunehmend auf. Am heißesten wird es in den oberen Etagen und in Dachwohnungen, denn auf der Dachoberfläche können Temperaturen von bis zu 80 Grad Celsius entstehen. „Mit einigen Vorkehrungen lässt sich die Überhitzung der Innenräume vermeiden“, sagt Frank Hettler von „Zukunft Altbau“ in Stuttgart, einem vom Umweltministerium Baden-Württemberg geförderten Informationsprogramm. Die Maßnahmen sorgten für eine Senkung der Innentemperaturen um mehrere Grad, insbesondere in den oberen Stockwerken.
Am wichtigsten, um die Temperaturen erträglich zu halten, ist danach die Verschattung der Fensterflächen – etwa durch heruntergelassene Rollläden und Jalousien oder ausgefahrene Markisen. Eine maßgebliche Rolle spiele auch das Lüften in den kühleren Nachtstunden. Die abends im Haus gespeicherte Wärme werde dann abgeführt, am besten durch Querlüften, also das Öffnen gegenüberliegender Fenster.
Hitzeschutz: Wer Wohnungen umbaut oder saniert, sollte an die Sonneneinstrahlung denken
Sind Umbauten oder größere Renovierungen geplant, sollten Eigentümer:innen von Wohnungen oder Häusern den Hitzeschutz mitbedenken. Längere Dachüberstände und Balkone helfen, die Einstrahlung der im Sommer intensiven, hoch stehenden Sonne auf die Fenster zu verringern. Auch moderne Wärmeschutz- oder sogar Sonnenschutz-Fenster mit metallischen Beschichtungen auf dem Glas helfen hier, besonders bei exponierten Süd-Fenstern. Mit modernen Dreifachverglasungen wird erreicht, dass 50 bis 80 Prozent der Sonnenwärme draußen bleiben; der sogenannte g-Wert beträgt hier 0,5 beziehungsweise 0,2.
„Auf der Nordseite lohnen Sonnenschutzfenster sich eher nicht, außer bei Dachfenstern“, erläutert Waldemar Dörr vom Fachverband Glas-Fenster-Fassade Baden-Württemberg. Bedacht werden muss zudem: Sehr niedrige g-Werte sind im Winter nicht erwünscht, weil die Sonnenstrahlung dann zwecks Energiegewinn willkommen ist.
Um im Sommer eine Überwärmung im Haus zu verhindern, lohnt sich außerdem eine Wärmedämmung der Fassaden und des Daches. Sie bremst den Wärmefluss von außen nach innen – und im Winter in die umgekehrte Richtung. Im Sommer kann die Raumtemperatur dadurch um bis zu zehn Grad Celsius niedriger liegen. Hilfreich sind hier auch Gründächer und begrünte Fassaden, die die Lufttemperatur in der direkten Umgebung um bis zu fünf Grad senken.
Hitzeschutz: Klimaanlagen sind nicht die beste Lösung, weil sie sehr viel Strom verbrauchen
Besteht danach noch Kühlbedarf, sollten Hausbesitzerinnen und -besitzer laut „Zukunft Altbau“ möglichst nicht zu einer Klimaanlage greifen, da diese sehr viel Strom verbrauche. Besser sei die Kühlung mit einer Wärmepumpe, die nicht nur im Winter zur effektiven Beheizung, sondern im Sommer auch zur Senkung der Raumtemperatur benutzt werden kann.
Am elegantesten funktioniert das bei Erd-Wärmepumpen, wobei das Aggregat selbst dabei ausgeschaltet bleibt und die Wärme einfach über die Heizkörper und die Umwälzpumpen in das kühlere Erdreich geleitet wird. Bei den zumeist installierten Luft-Wärmepumpen hingegen wird aktiv gekühlt, Kältekreislauf und Verdichter sind dabei aktiv, was dann auch deutlich mehr Strom verbraucht. In diesem Fall ist es am günstigsten, wenn dafür der relativ billige Solarstrom vom eigenen Dach dafür genutzt werden kann.
