„Aufgeben gibt es nicht“

Zwei Jahre nach dem Hochwasser: Zu Besuch im Ahrtal

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Das Aufräumen geht noch zwei Jahre nach der Katastrophe weiter.

Zwei Jahre nach der Flut ihm Ahrtal nimmt der Tourismus wieder Fahrt auf. Dazu hat die große Unterstützng von Helferinnen und Helfern viel beigetragen.

Astrid Rickert ist guter Laune. Der Wein, den die Kellermeisterin der Winzergenossenschaft Mayschoß verantwortet, ist beliebt. Die Lese des Jahres 2022 brachte mehr Ertrag als normal, 1,3 statt 1,1 Millionen Liter, und im Frühjahr 2023 gab es keinen Frost. Gute Vorzeichen also für den Herbst, die touristische Hauptsaison im Tal der Ahr, die in diesen Tagen matt vor sich hin plätschert.

Andere Menschen wären trotzdem weniger fröhlich als die 54-Jährige. Sie hat, wie die meisten hier an der Ahr, viel mitgemacht in den vergangenen zwei Jahren. In der Nacht vom 14. auf den 15. Juli 2021 schwoll der Fluss durch starken Regen enorm an, riss Brückenteile, Bäume, Straßen und Schienen mit sich – und Häuser, aus denen sich manche Bewohnerinnen und Bewohner nur in höchster Not retten konnten. Und andere gar nicht mehr: 134 Menschen kamen in der Flutnacht ums Leben.

In Astrid Rickerts Privathaus in Dernau, keine fünf Kilometer talabwärts, stand das Wasser in der Nacht des 14. Juli 2021 noch im ersten Stockwerk mehr als zwei Meter hoch. In der Genossenschaft, für die Rickert schon seit fast 30 Jahren tätig ist, schwammen nicht nur die Barriquefässer mit dem Spätburgunder im Keller. Die gesamte Anlage mit Bauten aus dem 19. Jahrhundert und aus den 1970er Jahren wurde derart überflutet, dass sie demnächst abgerissen werden muss. Der Neubau wird ganz anders aussehen, ohne den markanten Treppengiebel des Altbaus, dafür mit einem Haus, das einem Fass nachempfunden werden soll. Geschmackssache. Nur der Weinkeller kann erhalten werden.

Der Ahrwein steht bereit, die Menschen die ihn produzieren auch: Astrid Rickert und Dirk Stephan.

Zwei Jahre Ahrtal: „Aufgeben gibt es bei uns nicht“

Astrid Rickert aber bleibt gut gelaunt. „Wir sind nicht so die ,Kopf-in-den-Sand-Leute‘“, sagt die 54-jährige Westfälin, die im Ahrtal heimisch geworden ist. Dirk Stephan, der Geschäftsführer der Genossenschaft, pflichtet ihr bei: „Aufgeben gibt es bei uns nicht“, fügt er hinzu.

Stephan, 34 Jahre alt, übernahm wenige Monate nach der Katastrophe das Management der Genossenschaft, in der sich sage und schreibe 216 aktive Winzerinnen und Winzer zusammengeschlossen haben und weit über 200 ehemalige. Sie bewirtschaften rund 140 Hektar Weinberge – etwa 17 Hektar weniger als vor der Flut. Stephan kannte den Betrieb gut, er war schon acht Jahre lang für Controlling und Buchführung zuständig gewesen. Doch das hat ihn nicht vorbereitet auf das, was kommen würde. So etwas hatte vorher niemand erlebt in der Genossenschaft, die seit dem Jahr 1868 besteht.

„Du weißt nicht mehr, was Du machen sollst“

Auch Stephan hat das Drama jener Stunden und der folgenden Tage auf erschütternde Weise mitbekommen. „Ich will so eine Nacht nicht nochmal erleben“, sagt der Geschäftsführer. Er war seinerzeit bei der Freiwilligen Feuerwehr im Ort Rech engagiert, als stellvertretender Wehrführer. Dort mussten Menschen aus den Häusern geholt werden, die buchstäblich absoffen, die teilweise weggespült wurden. Es ging um das Leben von Nachbarinnen und Nachbarn, die seit Jahrzehnten an der Ahr gewohnt hatten und nicht glauben konnten, was passierte. „Man musste die Leute anschreien, dass sie raus sollen aus den Häusern“, erinnert sich Stephan. „Wenn die Leute Dir gegenüberstehen, mit Tränen in den Augen, dann weißt Du nicht mehr, was Du machen sollst.“ Die Notrettung gelang in Rech in den meisten Fällen. Doch eine Frau überlebte diese Nacht nicht.

Dirk Stephan musste ein paar Sachen packen, bis ein Feuerwehrkollege gerade noch rechtzeitig darauf drang, dass auch er nun raus müsse. Alle Betroffenen kamen bei anderen Dorfbewohnerinnen und -bewohnern unter. Eine andere Möglichkeit gab es nicht – denn die Brücke von Rech war halb weggerissen worden. Der rechts der Ahr gelegene Ortsteil, in dem Stephan lebt, war abgeschnitten. Ohne Strom, ohne Trinkwasser, ohne Versorgung – bis nach fünf Tagen erstmals ein Hubschrauber Lebensmittel brachte. Stephans Frau war schwanger in diesen Juli-Tagen, doch auch sie überstand die Katastrophe. Im Oktober kam ihre gemeinsame Tochter Lotta zur Welt.

Naturschönheit und Zerstörung unterhalb der Saffenburg bei Mayschoß.

Das Leben ging weiter, für Astrid Rickert, für Dirk Stephan, für ihre Familien und ihre Genossenschaft. Auch dank der Unterstützung von vielen Helferinnen und Helfern, die anpackten, die Spenden sammelten und die zum Teil bis heute wiederkommen. Kein Wunder, dass die Winzergenossenschaft Mayschoß ein Transparent angebracht hat: „Danke an alle Helfer:innen“ – geschmückt mit einem Herzen.

Gerade gehen zwei Wanderinnen vorbei am Genossenschaftsgebäude. Der Tourismus in Verbindung mit dem Weinbau ist im Ahrtal der mit Abstand wichtigste Wirtschaftszweig. Rund 80 Prozent der Wirtschaftskraft hängt mit dem Fremdenverkehr zusammen. Früher kamen eher die Älteren. Mit der Coronazeit hätten aber auch mehr junge Familien das Ahrtal entdeckt, beobachtet Dirk Stephan.

Zur traditionellen Klientel gehören Menschen wie Ulrike Stemmler aus Köln, eine der beiden Wanderinnen, die mit ihrer Freundin Marianne Schubring aus Görlitz zu einer Tagestour unterwegs ist. „Wir haben sehr viel Flutwein gekauft“, berichtet die Stemmler. Zu ihrem Geburtstag kurz vor dem Jahrestag der Flutkatastrophe werde nur „Flutwein“ ausgeschenkt.

„Flutwein“, das war das Markenzeichen jener Weine, die durch das Hochwasser ihre Etiketten verloren hatten. „Flutwein“, das war auch die Bezeichnung für den Spätburgunder, der aus den schwimmenden Fässern gerettet wurde. Mittlerweile sind die Flaschen ausverkauft, ein voller Erfolg für den Wiederaufbau. Er hat nicht wenig dazu beigetragen, dass die Winzerinnen und Winzer aus dem Ahrtal eine positive Bilanz ziehen können. „Es war ein sehr erfolgreiches Jahr“, weiß Geschäftsführer Stephan zu berichten. Finanziell könne man den Wiederaufbau gut wegstecken.

Der Neustart nach der Flut

Denn der Tourismus ist zurück, auch dank der jüngst preisgekrönten Werbekampagne mit dem Slogan „We AHR open“. Noch muss die Ahrtalbahn, die Ende 2025 wieder eröffnen soll, durch Busverkehr ersetzt werden, noch fehlt ein Großteil der Fahrradwege. Doch es geht eindeutig aufwärts. „Die Aussichten für 2023 machen aus Sicht des Ahrtal-Tourismus Hoffnung“, urteilt eine Sprecherin des Tourismusvereins. Zwar habe es 2022 nur gut 430 000 Übernachtungen gegeben, zwei Drittel weniger als im Vorkrisenjahr 2019. Doch die Zahl werde weiter zulegen, auch weil weitere Hotels und Gaststätten ihre Wiedereröffnung angekündigt hätten – darunter das Steigenberger Hotel Bad Neuenahr, das zur Wintersaison wieder einsteigen wolle. Der Jahresbeginn 2023 macht ebenfalls Mut. Das Innenministerium in Mainz bilanziert, man habe die Zahl der Gäste im ersten Quartal weit mehr als verdoppeln können gegenüber dem Vorjahr.

Das schmucke kleine Hotel von Udo Loerakker hat zu dieser Steigerung im ersten Quartal noch nicht beigetragen. Jetzt aber ist das „Hotel Ännchen“ seit Mai wieder geöffnet in der Altstadt von Ahrweiler, nahe an der weitgehend erhaltenen Stadtmauer aus dem Mittelalter – und an einigen Tagen sind die 18 Zimmer bereits ausgebucht. Eigentlich sollte in diesem Sommer die Landesgartenschau in Bad Neuenahr-Ahrweiler stattfinden, so war es vor der Flut geplant. Doch die Wassermassen haben viele Pläne zunichte gemacht, auch diesen.

Udo Loerakker im zerstörten Hotel Ännchen im Juli 2022.

Nun stehen im „Hotel Ännchen“ zwei Liegestühle in Regenbogenfarben, die eigentlich für die Gartenschau vorgesehen waren. Vor einem Jahr stand Loerakker in den Resten seines Hotels, das er erst 2017 vollständig renoviert hatte. Es wirkte wie ein Rohbau – unverputzte Wände, kahle Böden, kahle Decken, aus denen Leitungen hingen. Auch das Privathaus des 60-Jährigen war abgesoffen. Der Hotelier scherzte mit Galgenhumor: „Nur einmal betroffen wäre ja langweilig.“

Nun aber, zwei Jahre nach der Flut, ist alles erneuert. Das Telefon klingelt mehrfach während des Gesprächs an seiner Rezeption, Gäste aus Lübeck melden sich an. Dann muss Loerakker los, das Gepäck für die vierköpfige Radler-Gruppe aus den Niederlanden zu deren nächstem Ziel an die Ahr hinauf transportieren. Warum man wieder an die Ahr kommen sollte? „Es ist einfach schön“, sagt Loerakker, selbst wenn am Flusslauf noch Flutschäden zu sehen seien. „Wir brauchen die Gäste, es ist Teil unseres Lebens.“ Tatsächlich sind die Marktplätze und die Gaststätten wieder recht gut besucht. In der Altstadt von Ahrweiler etwa sind viele Häuser liebevoll restauriert.

An gleicher Stelle die komplett renovierte Rezeption im Juli 2023.

Derweil schwirren schon allerhand Ideen durch das Ahrtal, wie weitere Besucherinnen und Besucher angelockt werden soll. Über eine Hängebrücke über die Ahr wird diskutiert, die von Mayschoß hinüber zur mittelalterlichen Saffenburg führen könnte. Über eine Seilbahn, die ein Highlight für Ausflugs- und Wandergruppen wäre. Oder über ein Flutmuseum, das Erinnerungen an die Katastrophe von 2021 wachhält, aber auch die historischen Erfahrungen mit Fluten an der Ahr thematisiert. Wäre das angemessen oder würde es die Ahr-Region stigmatisieren? Loerakker findet, man solle sich einem solchen Projekt nicht verschließen. „Es ist ein Teil unserer Geschichte.“

Auch die Politik weiß das. Zwei Jahre nach der Katastrophe kommen sie alle wieder ins Ahrtal, Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer und ihr gesamte Kabinett, die Fraktionen aus dem Landtag. Ob es den Betroffenen hilft? Dirk Stephan von der Winzergenossenschaft Mayschoß bezweifelt das. Ihn ärgern vielmehr die Sperrungen, die aus Sicherheitsgründen für die ranghohen Gäste vorgenommen werden. „Das ist ein Tag ohne Umsätze“, sagt Stephan. „Ich finde es ein Unding. Wer hat da etwas davon?“

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