VonChristiane Kühlschließen
Am Donnerstag ist die letzte Ausgabe der Peking-kritischen Hongkonger Zeitung „Apple Daily“ erschienen. Viele Menschen standen stundenlang Schlange, um noch einmal das chinesischsprachige Blatt zu kaufen.
Hongkong/München - Es ist das Aus einer Medien-Ikone Hongkongs: Das regierungskritische Boulevardblatt Apple Daily ist unter dem Druck der Behörden zusammengebrochen - und am Donnerstag das letzte Mal erschienen. Am frühen Morgen wurden in der ganzen Stadt Menschen gesehen, die geduldig Schlange standen, um die letzte Ausgabe der Zeitung zu ergattern. Vom Arbeiterviertel Mongkok bis zum Finanzdistrikt Central fand die Schlussausgabe reißenden Absatz. Über Nacht hatte der Verlag nach Angaben der South China Morning Post rund eine Million Ausgaben drucken lassen - weit mehr als die normale Auflage der Zeitung.
Die „‘Apple Daily‘ ist tot“, schrieb der stellvertretende Chefredakteur Chan Pui Man in einem Abschiedsbrief an die Leserinnen und Leser. Die „Pressefreiheit wurde zum Opfer von Tyrannei.“ 26 Jahre hatte die Zeitung bestanden - gegründet wurde sie kurz vor der Rückgabe der einstigen britischen Kronkolonie Hongkong an China.
Das erwartete Aus für die populäre chinesischsprachige Zeitung kam noch früher als erwartet - ursprünglich hatte die Zeitung am Freitag über ihr Schicksal entscheiden wollen. Dann hieß es, Samstag käme die letzte Ausgabe heraus. Aber dann verkündete der Apple Daily-Mutterkonzern Next Digital auch aus Sicherheitsgründen bereits am Mittwochabend das Aus. Die Redaktion, die Website, sowie die Social-Media-Accounts der Zeitung bei Twitter und Facebook wurden geschlossen. Rund tausend Beschäftigte, darunter 700 Journalistinnen und Journalisten, sind nun ohne Arbeit.
Hongkong: Letzte Ausgabe der „Apple Daily“ mit Abschiedsfotos der Redaktionsmitglieder
Auf der Titelseite der letzten Ausgabe prangte ein Foto der Redaktionsmitglieder, die sich winkend von einer Menschenmenge vor dem Redaktionsgebäude verabschieden. „Es ist sehr erschreckend“, zitierte die Nachrichtenagentur AFP eine 30-jährige Frau namens Candy. „Innerhalb von zwei Wochen konnten die Behörden mit Hilfe des nationalen Sicherheitsgesetzes ein börsennotiertes Unternehmen auflösen.“
„Ist die Apple Daily mehr als eine Zeitung?“, fragte die englischsprachige South China Morning Post in einem Kommentar: „Kritiker verabscheuten ihren Sensationshunger, ihre oppositionelle und Anti-China-Gesinnung. Aber loyale Leser liebten ihre furchtlose Berichterstattung gegen die Machthaber und die Weiterentwicklung ihres eigenen Verständnisses davon, wie Demokratie aussehen sollte – frei und ungebunden von Peking.“ Diese Stimme wird nun fehlen. Wie lange die zum chinesischen Alibaba-Konzern gehörende, aber bislang unabhängig berichtende South China Morning Post und andere Blätter noch ungeschoren weitermachen können, ist ungewiss.
Hongkong: Behörden verschärften Vorgehen gegen Peking-kritische Apple Daily
Das Aus der Apple Daily ist ein Zeichen, dass sich das Vorgehen gegen Regierungskritiker in Hongkong nun zunehmend auf den Kampf gegen unliebsame Medien verlagert. Dies bedroht die bislang noch weitgehend intakte Pressefreiheit. Anfangs hatten die Behörden vor allem Aktivisten im Visier, von denen Dutzende festgenommen und teilweise zu Haftstrafen verurteilt wurden.
Als eine der wenigen verbliebenen kritischen Zeitungen der chinesischen Sonderverwaltungszone aber war die Apple Daily Peking seit langem ein Dorn im Auge – mit ihrer konsequenten Unterstützung für die Demokratiebewegung und scharfer Kritik an der autoritären Führung Chinas. In der vergangenen Woche verschärften die Behörden das Vorgehen gegen das Blatt drastisch. Mehrere Mitarbeiter wurden festgenommen, Konten eingefroren und dutzende Computer und Server bei einer Razzia beschlagnahmt. Zu den Festgenommenen gehörten Chefredakteur Ryan Law und Geschäftsführer Cheung Kim Hung.
Die Hongkonger Behörden erklärten, Apple Daily habe zu „Sanktionen“ gegen Hongkong und die Führung in Peking aufgerufen. Den Festgenommenen wurden auf Grundlage des sogenannten nationalen Sicherheitsgesetzes vom vergangenen Jahr „geheime Absprachen mit einem anderen Land oder externen Elementen mit dem Ziel der Gefährdung der nationalen Sicherheit“ vorgeworfen. Der 73-jährige Besitzer der Zeitung, Jimmy Lai, war zuvor bereits wegen seiner Teilnahme an pro-demokratischen Protesten zu mehreren Gefängnisstrafen von insgesamt 20 Monaten verurteilt worden.
Chefredakteur Ryan Law und Apple Daily-Digitalchef fechten die Beschlagnahme von Nachrichtenartikeln durch die Polizei an und klagten laut South China Morning Post beim Hongkonger High Court auf die Rückgabe ihres Besitzes sowie die Zahlung von Schadenersatz.
Hongkong: Schwarze Kleidung zum Zeichen der Trauer
„Die Hongkonger haben ein Medium verloren, das es gewagt hat, sich einzuetzen und auf der Verteidigung der Wahrheit zu bestehen“, erklärten acht örtliche Journalistenvereinigungen in einer gemeinsamen Mitteilung. Sie riefen alle Kollegen dazu auf, am Donnerstag als Zeichen der Trauer schwarze Kleidung zu tragen.
„Die Pressefreiheit in Hongkong ist seit heute endgültig Geschichte“, sagte schon am Mittwoch die Vorsitzende des Bundestagsausschusses für Menschenrechte und humanitäre Hilfe, Gyde Jensen (FDP), als Reaktion auf die angekündigte Schließung der Zeitung. Jensen forderte die EU dazu auf, personenbezogene Sanktionen gegen die Verantwortlichen in Hongkong zu verhängen. Die EU hatte am Mittwoch den Hongkonger Behörden in einer Stellungnahme vorgeworfen, das Nationale Sicherheitsgesetz vorzuschieben, „um Pressefreiheit und Meinungsfreiheit zu unterdrücken“
In Hongkong protestierten Aktivisten 2019 monatelang gegen den wachsenden Einfluss Pekings in ihrer Stadt. Als Reaktion darauf erließ der Nationale Volkskongress im Juni 2020 das sogenannte Sicherheitsgesetz, das den Behörden in Hongkong ein hartes Vorgehen gegen alle Aktivitäten erlaubt, die nach ihrer Auffassung die nationale Sicherheit Chinas bedrohen. Verstöße können mit lebenslanger Haft bestraft werden. (ck/AFP)

