- VonBernhard Pötterschließen
Rekordtemperaturen am Mittelmeer und im Süden der USA bewegen die Öffentlichkeit.
Dabei entsprechen die Wettermuster exakt den Warnungen des UN-Klimarats IPCC: „Das Mittelmeer ist ein Klimawandel-Hotspot“ und so verwundbar wie wenige Regionen auf der Welt.
Dieser Artikel liegt IPPEN.MEDIA im Zuge einer Kooperation mit dem Climate.Table Professional Briefing vor – zuerst veröffentlicht hatte ihn Climate.Table am 20. Juli 2023.
Die aktuellen Hitzewellen in Europa und Nordamerika sorgen für Höchststände bei den Temperaturen und große Besorgnis – aber für Experten kommen sie nicht unerwartet. Exzessive Wärme rund um das Mittelmeer, Hitzerekorde in den USA und erwartete Temperaturhöchststände in Italien, Frankreich, Spanien, Polen und Deutschland passen in die Projektionen des UN-Weltklimarats IPCC. Das Gremium hat in seinen letzten Berichten vor genau diesen Zuständen gewarnt.
Die EU-Raumfahrtbehörde ESA meldete vergangene Woche, dass eine langandauernde und intensive Hitzeperiode in Europa „gerade erst begonnen“ habe. In Sizilien und Sardinien könnten der historische europäische Hitzerekord gebrochen werden. Der steht bei 48,8 Grad, die 2021 in Sizilien gemessen wurden. Das Hochdruckgebiet „Cerberus“ sorgte für gefährliche Hitze in Italien, Griechenland, Spanien und anderen Mittelmeerländern.
Am Montag teilte die Weltwetterorganisation WMO mit, sie prüfe, ob es tatsächlich neue Rekorde gegeben habe. Die nationalen Meteorologie- und Hydrologiebehörden hätten ihr „eine Anzahl täglicher und stationsbezogener Temperaturrekorde“ gemeldet. Daneben könnten manche Länder nationale Höchsttemperaturen überschritten haben.
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Mittelmeer ist Hotspot für Klimarisiken
Die Region rund um das Mittelmeer gilt unter Wissenschaftlern als Brennpunkt der Erderhitzung: „Wegen ihrer besonderen Kombination aus verschiedenen starken Klimarisiken und hoher Verwundbarkeit ist die Mittelmeerregion ein Hotspot für Klimarisiken, die untereinander verbunden sind“, heißt es in einem zusätzlichen Papier des IPCC im 6. Sachstandsbericht. „Die hauptsächlichen ökonomischen Sektoren in der Region (Landwirtschaft, Fischerei, Waldwirtschaft, Tourismus) sind höchst anfällig gegen Klimarisiken.“
Zum ersten Mal hat der IPCC 2022 die Region als ganze bewertet. Er stellt fest, dass:
- die Durchschnittstemperatur in der Region bereits um 1,5 Grad gegenüber dem vorindustriellen Wert gestiegen ist, 20 Prozent mehr als im globalen Schnitt,
- Dürren häufiger und intensiver geworden sind, vor allem im europäischen Teil, der Niederschlag nahm um zwölf Prozent ab,
- der Meeresspiegel zuletzt immer schneller und um zwei bis drei Millimeter im Jahr gestiegen ist,
- die Meeresoberfläche sich um 0,3 bis 0,4 Grad pro Jahrzehnt erwärmt hat und das Wasser saurer geworden ist,
- etwa 40 Millionen Menschen in Gegenden leben, die vom Anstieg des Meeresspiegels betroffen sind,
- Der Wasserfluss von Flüssen ins Meer sich um fünf bis 70 Prozent reduzieren kann und Getreideernten, die auf Regen angewiesen sind, um 64 Prozent zurückgehen können,
- Waldbrandflächen sich verdoppeln bis knapp verdreifachen können.
IPCC: Anpassung stößt an „harte Grenzen“
Die Anpassung der „natürlichen und der menschlichen Systeme“ an diese Entwicklungen, so warnt das Wissenschaftsgremium, werde auf „harte Grenzen stoßen„. Das bedeutet: an Punkte kommen, wo Anpassung nicht mehr möglich ist. Denn die Effekte von Dürren, Hitzewellen, Meeresspiegelanstieg, Ozeanerwärmung und -versauerung kämen zusammen und verstärkten sich gegenseitig. In manchen Regionen könnten etwa neue Deiche beim Küstenschutz helfen. Aber das sei teuer und reiche irgendwann auch nicht mehr aus.
Wolfgang Cramer ist einer der Hauptautoren des Berichts und Wissenschaftler am französischen Institut IMBE, das die Ökologie des Mittelmeeres erforscht. Er ist nicht überrascht, dass die Wirklichkeit im Mittelmeer die Prognosen einholt: „Das gilt eigentlich für alle Erkenntnisse des IPCC“, sagt Cramer gegenüber Table.Media. „Die Natur bestätigt unsere Modelle.“
Für ihn ist die Entwicklung am Mittelmeer auch „ein Spiegel des Nord-Süd-Konflikts“, bei dem ähnliche Umweltbedingungen ganz unterschiedliche Konsequenzen haben. Denn „ein Kleinbauer im Nildelta ist viel weniger gegen die Auswirkungen geschützt als etwa ein großer Betrieb in der italienischen Po-Ebene, der einen Investor und die EU-Agrarpolitik im Rücken hat.“
Bedroht durch viele Faktoren
Insgesamt bedrohten intensivere Hitze und häufigere Hitzewellen „das menschliche Wohlergehen, die ökonomischen Aktivitäten und auch viele Ökosysteme an Land und im Ozean“, warnt der Bericht. Auch gefährde häufigerer Starkregen Menschen und Infrastruktur durch Überschwemmungen. Besonders anfällig ist die Mittelmeerregion laut IPCC, wegen einer „einzigartigen Kombination von Faktoren“:
- Eine große und wachsende Stadtbevölkerung mit eingeschränktem Zugang zu Klimaanlagen,
- Immer mehr Menschen, die in Gegenden wohnen, die vom Meeresspiegelanstieg bedroht sind,
- Zunehmender Wasserknappheit, die bereits 180 Millionen Menschen betrifft,
- Wachsender Wassernachfrage der Landwirtschaft,
- Hoher ökonomischer Abhängigkeit vom Tourismus, der unter dem Klimawandel leidet, aber auch unter Klimaschutzmaßnahmen, die sich gegen Flug- und Kreuzfahrtreisen richten könnten,
- Verlust von Ökosystemen im Ozean, Feuchtgebieten, Flüssen und Hinterland.
Auch zu den Migrationsbewegungen in der Mittelmeerregion, wo seit 2014 etwa 20.000 Menschen auf der Flucht gestorben sind, trage „wahrscheinlich“ der Klimawandel bei, heißt es im Bericht. Klimaveränderungen in West- und Subsahara-Afrika könnten Fluchtbewegungen auslösen, die Menschen aber auch in ihrer Mobilität behindern. Unsicherheit bei der Lebensmittelversorgung, zu der der Klimawandel beitrage, sei einer der Fluchtgründe. Allerdings gebe es trotz einer langen Dürre „keinen Beleg für einen direkten kausalen Zusammenhang“ zwischen Klimawandel und dem Konflikt in Syrien.
USA: Hitze und Extremregen passen ins Bild
Auch die lang andauernde, ungewöhnliche Hitzewelle in den USA passt in die Projektionen der Klimaforscher. Die aktuellen Rekordtemperaturen in den Wüstenstaaten Arizona, Kalifornien und New Mexiko sind Teil eines IPCC-Szenarios, dem der IPCC in seinem 6. Sachstandsbericht eine „hohe Wahrscheinlichkeit“ zugesprochen hat.
„Klimarisiken durch hydrologische Veränderungen, darunter auch Hitzestress durch mehr Feuchtigkeit, extreme Niederschläge und intensivere Stürme, werden sich laut Projektionen intensivieren“, warnt der Bericht. Auch die extremen Niederschläge im Nordosten der USA, passen hier ins Bild, das die IPCC-Experten für den Bericht zusammengestellt haben.
„Reaktion verzögert durch Missinformation“
Die Experten weisen auch darauf hin, wie die feindliche Stimmung in Teilen der US-Gesellschaft Reaktionen auf die Probleme verzögert hat: Mit „hoher Wahrscheinlichkeit“ sei es dringlicher geworden, diese Risiken anzugehen, weil sie durch „Missinformation über die Klimawissenschaft verzögert wurden, die Unsicherheit gesät haben und das Erkennen von Risiken behindert haben.“
Rubriklistenbild: © Nicolas Economou/Imago
