VonRobert Wagnerschließen
Ein abgesagter Vortrag über Zweigeschlechtlichkeit erhitzt die Gemüter. Die Diskussion macht deutlich, wie viel Nachholbedarf die Gesellschaft noch hat.
MEINUNG
Seit einiger Zeit wird in Deutschland und anderen westlichen Ländern vermehrt über die Rechte trans- und intersexueller Menschen diskutiert. Geprägt wird dieser Diskurs zu weiten Teilen von reaktionären Narrativen, die durch etablierte Medien an Reichweite gewinnen. Der Anfang Juni in der WELT veröffentlichte, absurde Vorwurf an ARD und ZDF, mit Transgender-Themen „Kinder zu sexualisieren“, ist ein gutes Beispiel für diese bedenkliche Entwicklung.
Am vergangenen Wochenende erfuhr diese von Vorurteilen und purer Unwissenheit geprägte Debatte einen neuen Höhepunkt. Was war geschehen? Für Samstag, den 2. Juni, war im Rahmen der „Langen Nacht der Wissenschaften“ im Hauptgebäude der Berliner Humboldt-Universität (HU) ein Vortrag der Biologie-Doktorandin Marie-Luise Vollbrecht geplant. Dessen Thema lautete „Geschlecht ist nicht gleich Geschlecht. Sex, Gender und warum es in der Biologie nur zwei Geschlechter gibt“ und sorgte im Vorfeld für viel Unmut.
Mehrere Studierendengruppen, darunter der „Arbeitskreis kritischer Jurist*innen“, protestierten gegen diesen Vortrag. Ihr zentraler Vorwurf: Vollbrechts These, es gäbe in der Natur und damit auch beim Menschen ausschließlich zwei Geschlechter, sei unwissenschaftlich, menschenverachtend sowie queer- und transfeindlich. Sie kündigten Proteste vor dem HU-Gebäude an. Die Leitung der HU beschloss daraufhin den Vortrag kurzfristig abzusagen, angeblich wegen Sicherheitsbedenken, wie der rbb am Sonntag berichtete.
Twitter offenbart viel Unwissenheit über Geschlechtlichkeit
Als das Thema schließlich Twitter erreicht hatte, setzte eine hitzige Debatte über diese Ereignisse ein, die zu einer Grundsatzdiskussion über das Reizthema Trans- und Intersexualität wurde – und zu einer nicht endlos sprudelnden Quelle von Unwissenheit, Gleichgültigkeit und Hass.
Bis zum Montag dominierten die Hashtags #MarieHatRecht und #HumboldtUni die Twitter-Trends. Es zeigte sich, dass sehr viele Menschen sich nicht vorstellen können oder wollen, dass das Thema der biologischen Geschlechtlichkeit komplexer ist, als es uns aus der allgemeinen Lebenserfahrung heraus vorkommt. Man zeigte sich „entsetzt“ darüber, dass es Menschen gibt, die an der „biologischen Zweigeschlechtlichkeit“ zweifeln, und stellte diese Haltung als anmaßend und unwissenschaftlich dar. Die binäre Zweigeschlechtlichkeit, das heiß die saubere Trennung zwischen männlich und weiblich, sei in der Biologie unumstritten.
Ich bin ehrlich entsetzt über die Anzahl der Personen die vermutlich ernsthaft glauben dass biologische Zweigeschlechtlichkeit in irgend einer Form umstritten wäre! #HumboldtUni #MarieHatRecht https://t.co/MKGU3mXJYD
— 🥝urban_fox🦖 (@urban_fox_ldn) July 4, 2022
Laut Twitter-"Experten" kennen sich folgende Personen mit Biologie aus:
— Jonas **reloaded** (@nerd_at_home) July 4, 2022
- Journalisten
- Juristen
- Soziologen
- Informatiker
- Gender-Studies-Spezialisten
Laut Twitter-"Experten" kennen sich folgende Personen mit Biologie NICHT aus:
- Biologen#MarieHatRecht
Manche gingen in ihrer Unwissenheit so weit, Vollbrechts Kritiker*innen vorzuwerfen, sie würden die Evolutuinstheorie anzweifeln. Ein Vorwurf, der darauf fußt, dass der kritisierte Vortrag das Thema Geschlechtlichkeit im Rahmen von deren evolutionärer Entwicklung behandelt. Demnächst würden auch Menschen „gesteinigt“, die das heliozentrische Weltbild vertreten.
Sind wir jetzt tatsächlich wieder in Zeiten angekommen, in denen Leute sich fürchten müssen und boykottiert werden, weil sie über Evolutionstheorie reden?
— Fabio (@wanner_fabio) July 3, 2022
Was kommt als nächstes? Steinigen wir Leute, die es wagen zu behaupten, dass die Erde um die Sonne kreist?#HumboldtUni
Es kam sogar der Trend auf, seinen Account mit einem Kiwi-Icon zu schmücken, um sich als Anhänger der Zweigeschlechtlichkeit zu erkennen zu geben. „Wenn ihr wisst, dass es nur zwei Geschlechter gibt, packt eine Kiwi in eure Bio oder Namen“, lautete die Devise. Angeblich eine Anspielung auf den Inhalt des Vortrags, der später auf YouTube gestreamt wurde. Twitter-Nutzer merkten an, dass der eigentliche Ursprung dieses Symbols in den toxischen Internetabgründen von Imageboards wie 4chan zu suchen ist.
CN Transfeidlichkeit
— Nat 🚂 (@AnnNat) July 4, 2022
Die Kiwi-Gang auf der Suche nach dem Dritten Geschlecht - vielleicht der neue Bestseller von Rowling ?
Ein Account erklärt dies zum Beweis der Binärität - alle Hobby 🥝 Biologen copy pasten es &fühlen sich dabei sehr smart
#TERF #MarieHatRecht #HumboldtUni pic.twitter.com/r2DMScy0bw
Ein paar bekannte TERF Accounts haben dazu aufgerufen …
— Nat 🚂 (@AnnNat) July 4, 2022
Ur-Ursprung 4 chain https://t.co/XihLZpeorX pic.twitter.com/gvZM5A4p9H
Ein hochkomplexes Thema, über das nur Fachleute dozieren sollten
Tatsächlich ist die Frage, was Geschlechter eigentlich sind, komplexer als sich die meisten vorstellen. Abgesehen davon, dass es sich beim Kulturwesen Mensch ohnehin anders verhält als Im Tierreich, auf das sich Vollbrechts Vortrag beschränkt. Das Thema Gender spielt dort überhaupt keine Rolle, während es in den heutigen Debatten im Mittelpunkt steht. Vom Gender unabhängig betrachtet wird das biologische Geschlecht (Sex), das beim Menschen ein weites Spektrum „vielfältiger Ausprägungen von Geschlechtlichkeit“ umfasst, wie es spektrum.de erklärt.
Die Fortpflanzung von Säugetieren geschieht zweigeschlechtlich.
— Halle Verkehrt #StopBurningFossilFuels (@HalleVerkehrt) July 4, 2022
Menschen sind Säugetiere.
Daraus folgern ideologisch verblendete oder sehr schlichte Gemüter, dass man alle Menschen in zwei klar voneinander getrennte Geschlechter trennen kann und nennen das "Biologie".
Für besonders viel Kritik an Vollbrecht sorgte die Tatsache, dass sie Meeresbiologin ist und gar nicht zum Themenkomplex der Geschlechtlichkeit bzw. Sex und Gender beim Menschen forscht. Der Sprachwissenschaftler Anatol Stefanowitsch merkte dazu an, dass die „Lange Nacht der Wissenschaften“ gar nicht der richtige Ort für einen solchen Vortrag sei. Die LNDW sei dazu da, Wissenschaftler:innen eine Bühne zu geben, um die eigene Forschung der Allgemeinheit nahezubringen.
Frau Vollbrecht ist übrigens Meeresbiologin, keine Spezialistin von Geschlecht Als würde eine Historiker*in der Antike sich als Expert*in des Nationalsozialismus gerieren... Naja. Biologie hin oder her. Gesellschaft ist mehr als Biologie
— 🇺🇦🍷 sonja dolinsek 🧩 - 🇺🇦 (@sonjdol) July 3, 2022
Dafür war die LNDW von vornherein nicht der richtige Ort und der richtige Kontext, und eine Doktorandin, die weder zur Biologie von Geschlecht noch zur Soziologie von Geschlechterrollen noch zur Psychologie von Geschlechtsidentität forscht, ist nicht die richtige Referentin. 8/
— Anatol Stefanowitsch (@astefanowitsch) July 4, 2022
Auch an der fachlichen Seriosität von Vollbrecht wurden Zweifel angemeldet. Auch und gerade das Thema der Geschlechtlichkeit im Tierreich ist hochkomplex und nicht so binär, wie es Vollbrecht in ihrem Vortrag darstellt. Für Laien allerdings nur schwer zu durchdringen.
1/12 Ich hebe mir den Quatsch jetzt mal angetan und benenne Euch diverse fachliche Fehler im Vortrag: Bei Minute 7:30 beginnt der Vortrag. Die Frage, warum es in der Biologie genau zwei Geschlechter gibt ist trivial. Weil man nur bei Oogamie von Geschlechtern redet, https://t.co/GMM9DDlvuk
— Reinhold Tüxen (@Institut_ZK) July 4, 2022
Wissenschaft für Dummies: Arthur Harris / Facebook nimmt die Grundthese des von der Humboldt-Universität abgesagten Vortrags der Biologin Marie-Luise Vollbrecht zur Zweigeschlechtlichkeit im Tierreich sehr hübsch auseinander. pic.twitter.com/BqlPbGF9PV
— Claas Gefroi (@ClaasGefroi) July 3, 2022
Diskurs über trans* Rechte ist Einfallstor für rechtsradikale Akteure
Was die Diskussion um Vollbrechts Vortrag neben sehr viel Unwissenheit auch ans Licht bringt: Rechte Diskurse sind mittlerweile weit in die Gesellschaft vorgedrungen. Die Empörung über die angeblich durch „linke Chaoten“ bedrohte Wissenschaftsfreiheit wird gezielt von rechtsradikale Akteuren angeheizt. Das Bedenkliche ist, dass diese „reaktionäre Empörung“ von etablierten Medien aufgegriffen und vorbehaltlos in diesem Sinne geframt wird. Das ist letztlich das Ziel rechter Metapolitik, wie ein ein kluger Beobachter auf Twitter anmerkt. Ähnlich argumentiert auch Tessa Ganserer in einem Interview mit BuzzFeed News Deutschland über trans* Rechte.
Die reaktionäre Empörung darüber passt aktuell gut in die queerfeindliche Kampagne, die das rechte Spektrum aktuell durchpeitscht. Das fängt bei Neonazis an, geht mit der faschistischen IB weiter, über AfD, bis hin zu Welt und Bild. Die Feinde des Fortschritts vereint.
— Antiautoritärer Impfpräsident (@Chronik_ge_Re) July 3, 2022
So + nicht anders geht rechte Metapolitik, unter bereitwilliger Mitarbeit von Institutionen und Staat, unter Herbeibeschwörung "gewaltbereiter Linker", und zu Lasten der trans*Menschen, die nirgendwo zu Wort kommen.
— DieAusnahmeUndDieRegel (@StrickSimon) July 4, 2022
Alles in 2 tagen, von Twitter zu Springer zu BMBF und zurück. 5/
Wie ernst es den selbsternannten Verteidigern der Wissenschaft mit dieser ist, zeigt sich daran, dass sie für eine Person streiten, die null Expertise zum Thema Geschlechterforschung besitzt und die bislang nicht als Forscherin, sondern Anti-Gender-Aktivistin auffiel. #Vollbrecht
— Claas Gefroi (@ClaasGefroi) July 5, 2022
