Der serbische Autor Marko Vidojkovic spricht im FR-Interview über gezielte Medienkampagnen gegen kritische Stimmen, seinen Gang ins Exil und Putins Einfluss auf Belgrad. Ein Interview von Evelyn Schalk
Der serbische Journalist Marko Vidojkovic ist einer der prominentesten Kritiker von Präsident Aleksandar Vucic. Seit Veröffentlichung seines Romans „Ðubre“ („Trash“) Ende 2020 hat er an die 100 Morddrohungen erhalten und zwei Jahre lang seine Wohnung in Belgrad kaum verlassen. Zu Jahresbeginn 2023 ist der Druck so groß geworden, dass er mit Hilfe des Schriftstellerverbandes PEN International ins Ausland floh. Seither reisen er und seine Frau durch Europa an wechselnde Orte, die öffentlich unbekannt bleiben.
Herr Vidojkovic, Sie äußern seit vielen Jahren massive Kritik an der serbischen Regierung und Präsident Vucic. Was hat sich in den vergangenen Monaten verändert, dass Sie um Ihr Leben fürchten ließ und dazu veranlasst hat, das Land zu verlassen?
Je mehr das Regime sich seinem Ende zuneigt, desto harscher werden die Angriffe auf seine Kritiker. In den letzten zwei, drei Jahren ist es unerträglich geworden. Die Attacken kommen direkt von Aleksandar Vucic und Premierministerin Ana Brnabic. In jedem anderen Land würde meine Arbeit bestenfalls als alternative Position am Rand wahrgenommen werden. Aber in Serbien hat mich meine Regimekritik zum Ziel zahlreicher akkordierter Kampagnen gemacht. Sie wollen an mir ein Exempel statuieren.
Und mit welchen Mitteln macht das die Regierung?
Das Regime kontrolliert fast alle Medien, sämtliche öffentliche TV-Frequenzen und über 90 Prozent der Tageszeitungen und Magazine. Wenn sie eine Kampagne gegen jemand starten, wird man auf sämtlichen Titelseiten gleichzeitig attackiert, darauf folgen Tausende Angriffe über die sozialen Netzwerke. Dann kommt es auf dein „Vergehen“ an. Wenn man, wie ich, als Verräter gebrandmarkt wird, weil man es wagt, über den Völkermord in Srebrenica zu sprechen oder die Serbisch-Orthodoxe Kirche kritisiert, landen bald darauf Morddrohungen im Postfach oder werden gleich live im nationalen TV ausgesprochen. Ich bin seit 2004 öffentlich tätig, ich habe auch die Regierungen von Vojoslav Koštunica und Boris Tadic scharf kritisiert. Aber ich hatte nie Angst um mein Leben. Das begann erst mit der Machtübernahme Vucics. Sein Regime regiert das Land durch Einschüchterung, mit absoluter Medienzensur und totaler Unterdrückung aller kritischen Stimmen.
Sie haben auch den russischen Überfall auf die Ukraine verurteilt, daraufhin wurden Sie zum Ziel weiterer Drohungen – eine Folge von Putins weiter wachsendem Einfluss in Serbien?
Wie üblich balanciert Serbien zwischen den Fronten. Einerseits weigert sich das Regime, Sanktionen gegen Russland zu verhängen, andererseits liefert Vucic nachweislich Munition an die Ukraine. Die Angriffe auf mich wurden aber schon seit der Veröffentlichung meines Romans „Trash“ 2020 immer heftiger. Es ist ein Roman über das Regime und die moderne serbische Gesellschaft. Ich habe einige Spitznamen verwendet, die eventuell politischen Akteuren zuordenbar sind. Aber ich denke, wenn sich diese in den Helden meiner Geschichte wiedererkennen, dann haben sie immer noch eine viel zu hohe Meinung von sich selbst. Denn die Realität in Serbien und ihre Verantwortlichen sind noch viel schlimmer als die Figuren in meinem Roman. Es gab fürchterliche Medienkampagnen gegen meine Frau und mich, dann kamen die Morddrohungen. Seither wird alles, was ich sage, aus dem Kontext gerissen. Zuletzt hat der Bürgermeister von Belgrad Aleksandar Šabic, meinen Kollegen Nenad Kulacin und mich live im öffentlichen Fernsehen bedroht, uns gehöre das Herz rausgerissen. Wir haben ihn angezeigt, er ist Vizepräsident der SNS (Regierungspartei Vucics, d. Red.). Natürlich hieß es, das sei nur ein Scherz gewesen. Kurz darauf erfuhr ich jedoch beziehungsweise ließ man es mich wissen, dass hochrangige Regimevertreter über mich und meine Adresse Erkundigungen einholen. Das sind Geheimdienstleute, ich kann nicht so tun, als wäre das normal, zu Hause hocken und warten, bis etwas passiert.
Wie reagierte denn Ihr Umfeld auf diese Situation?
In einer solchen Situation hast du keine Freunde mehr, alle wenden sich von dir ab, keiner fragt, wie es dir geht. Alle haben Angst. Ende 2022 ist die Situation dann völlig eskaliert. „Danas“ (die einzige unabhängige Tageszeitung Serbiens, Vidojkovic schreibt für sie als Kolumnist, d. Red.) hat einen Drohbrief von serbischen Nationalisten erhalten, sie würden uns umbringen, ein serbisches „Charlie Hebdo“, auf der Todesliste stand auch mein Name. Kurz darauf ging die Kampagne gegen mich los, als ich in unserem Podcast die serbische Fussballnationalmannschaft während der WM in Katar kritisierte. Dann wurde auch noch Aleksandar Vulin, der ehemalige Innenminister, der mir 2021 öffentlich mit Verhaftung gedroht hatte, Chef des serbischen Geheimdienstes. Die Organisation hat Gespräche russischer Oppositioneller mitgeschnitten und Vulin brachte die Aufnahmen persönlich zu Putin. Die USA haben ihre Beziehungen zum serbischen Geheimdienst eingefroren. Wenn du von jemand in so einer Position bedroht wirst, kannst du dich nie mehr sicher fühlen.
Zur Person
Marko Vidojkovic (48) ist Autor, Aktivist, Jurist, Ex-Chefredakteur des serbischen „Maxim“ wie des „Playboy“, Kolumnist der Tageszeitung „Danas“, TV-Moderator und Podcaster von „Dobar, loš, zao“ (Das Gute, das Schlechte, das Böse) auf „Nova.rs“ in Zusammenarbeit mit Nenad Kulacin.
PEN International setzte Vidojkovic voriges Jahr auf die Liste der 115 schlimmsten Fälle von Repressionen gegen freie Meinungsäußerung weltweit. evs bild: Schalk
Die wöchentlichen Massenproteste gegen Gewalt in Serbien, die nach den beiden Amokläufen im Mai begonnen haben, halten weiter an. Sehen Sie darin eine Chance auf Veränderung?
Die Demonstrationen werden von der Opposition organisiert. Das ist ihr gutes Recht, aber ich befürchte, sie missbrauchen sie in eigener Sache. Umgekehrt können wir aber nur gemeinsam gegen dieses Regime ankommen und das bisschen Demokratie zurückholen, das wir einmal hatten. Wenn die Proteste den Effekt einer geeinten Opposition hätten, wäre ich schon zufrieden. Aber so wie ich die Protagonisten kenne, bleibt das wohl Wunschdenken. Wäre ich vor Ort, würde ich dafür plädieren, täglich auf die Straße zu gehen, wie wir es bei den Protesten gegen Miloševic gemacht haben. Aber nun sind seit den furchtbaren Massenmorden, die diese Proteste ausgelöst haben, schon mehrere Monate vergangen und vonseiten des Regimes gibt es nicht das kleinste Signal einer Veränderung. Sie bestehen auf ihrer Version, sie hätten keine Fehler gemacht, Serbien befinde sich im goldenen Zeitalter, die üblichen Lügen. Aber das ist typisch, wenn man ein Land durch Einschüchterung regiert.
Wie sehen Sie die Rolle Europas und westlicher Medien in diesem Kontext?
Ich denke, es geht dem Westen bei seiner Toleranz gegenüber Vucic vor allem darum, dass er Geflüchtete daran hindert, in die EU zu kommen, zumindest will man das glauben. Letztens bei seinem Treffen mit Orbán und dem österreichischen Bundeskanzler Nehammer in Wien wurde das ganz offen verdeutlicht. Einerseits ist da das Menschenrecht auf Asyl, andererseits hat aber jedes Land das Recht zu entscheiden, wen es einreisen lässt. Wenn man aber zwei Autokraten an der Macht hält, damit sie Geflüchtete von den eigenen Grenzen fernhalten, dann ist das mehr als bedenklich, um es freundlich zu formulieren. Dazu kommt, dass Schlepperei ein lukratives Business in Serbien ist und wie hinter jedem zwielichtigen Geschäft steht auch hier das Regime. Gleichzeitig wird Putins Einfluss in Belgrad immer größer. Also, wie nützlich ist Vucic für Europa wirklich?
Fühlen Sie sich im Exil sicher?
Nicht ganz. Meine Frau und ich, aber auch meine Mutter in Serbien tragen immer Pfefferspray bei uns. Gewisse Leute erkennen mich auch außerhalb des Landes. Umgekehrt will ich mich aber nicht in einen neuen Hausarrest begeben, mich nicht verstecken. Ich bin vorsichtig, aber nicht paranoid. Das war in Serbien anders, aus gutem Grund. Denn die Gefahr ist real. Im Januar ist der Journalist Vladan Radosavljevicc zu Tode gekommen, er wurde von drei entsprechend trainierten Hunden so schwer verletzt, dass er an den Bisswunden starb. Offiziell wurde sein Tod als Unfall behandelt, wir waren mit unserem Podcast die Einzigen, die Fragen gestellt haben. Daraufhin sind wir selbst wieder bedroht worden.
Trotz – oder wegen – alldem schreiben Sie weiter Ihre Kolumne, äußern sich in Interviews und auch Ihr Podcast läuft nach wie vor. Wie soll es weitergehen?
Ich wollte immer weiterarbeiten, in Sicherheit. Das ist mein Job. Ich werde via Skype zu meinen Podcasts zugeschaltet, mein Kollege Nenad Kulacin zählt zu den gefährdetsten Journalisten Serbiens, er hat ebenfalls zahlreiche Drohungen erhalten. Nie wurde jemand dafür zur Verantwortung gezogen. Mein Verlag erwartet ein neues Buch, „Trash“ hat sich trotz schwierigster Umstände über 20 000-mal verkauft. Aber das wird dauern, wir ziehen ständig um, bleiben nie am selben Ort. Doch in harten Zeiten muss man als öffentliche Person seine eigentliche Berufung zurückstellen und aktivistisch tätig sein. Am meisten wünsche ich mir, Bücher in einem freien, demokratischen Serbien schreiben zu können. Ob und wann das je möglich sein wird, weiß ich nicht.