Elon Musk: Vom grünen Visionär zum rechten Ideologen
VonDavid Zauner
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Elon Musk galt lange als umweltfreundlicher Unternehmer. Heute verbreitet er Klima-Mythen – und noch viel mehr mindestens ebenso Schlimmes.
Kürzlich schaltete sich Elon Musk in den vorweihnachtlichen Bundestags-Wahlkampf ein. Auf seiner Social-Media-Plattform X ließ er seine 208 Millionen Follower:innen wissen: „Nur die AfD kann Deutschland noch retten“. Ein Satz, der vor nicht so langer Zeit noch viele erstaunt hätte, mittlerweile aber wie eine vor mindestens vier Jahren begonnene natürliche Entwicklung nach rechts wirkt.
Im US-Wahlkampf hat der Tesla-Chef mit haufenweise Falschnachrichten und rassistischer wie sexistischer Polemik Donald Trump unterstützt. Immer wieder lobte er auch die Politik des rechtspopulistischen Präsidenten Argentiniens, Javier Milei, und drückte seine Unterstützung für Italiens Ministerpräsidentin Georgia Meloni von der postfaschistischen Partei Fratelli d’Italia aus. Nachdem er den britischen Labour-Premierminister Keir Starmer mehrmals zum Rücktritt aufgefordert hatte, traf er sich zu Gesprächen mit Nigel Farage und will ihn und seine rechtspopulistische Partei Reform UK mit bis zu 100 Millionen US-Dollar unterstützen.
Ideologien-Wandel bei Elon Musk: Erst notorisch polemisch, jetzt „eindeutig rechtsradikal“
Der Germanist Adrian Daub von der US-Universität Stanford ordnet Musks Äußerungen mittlerweile als eindeutig rechtsradikal ein. Wer auf X notgedrungen immer wieder über seine Posts stolpert, dürfte von dieser Bewertung kaum überrascht sein: Mal verklärt Musk den britischen Kolonialismus zu einer Heldengeschichte, mal unterstützt er eine sexistische Theorie, nach der nur „Alpha-Männer“ mit hohem Testosteronlevel die Fähigkeit hätten, „frei zu denken“, und deshalb auch nur sie in einer Gesellschaft Entscheidungen fällen sollten. Wes Geistes Kind er ist, führt Musk der Welt immer wieder auf seiner eigenen Social-Media-Plattform vor.
Auch wenn er schon früher immer wieder mit Polemik auffiel, hat sich das Profil des Unternehmers in den letzten Jahren doch grundlegend verändert. Es ist nicht lange her, da galt Elon Musk als der prototypische grüne Unternehmer. Statt mit großen Luxusyachten und opulenten Villen machte er mit Elektroautos und Rhetorik gegen fossile Konzerne von sich reden.
Chef von Tesla, Space X und X: Elon Musk galt früher als Visionär
Noch 2016 kritisierte der Tesla-Chef und Gründer des Raumfahrtunternehmens Space X in der National-Geographic-Dokumentation „Before the Flood“ die Macht des fossilen Sektors. Im Film erläuterte er seine Vision einer globalen Transformation hin zu einem dezentralen, klimafreundlichen Stromsystem mit Solarzellen und Batterien. Die fossilen Konzerne stünden dieser Transformation im Weg. „Sie haben mehr Geld und Einfluss als jeder andere Sektor.“
Im Gespräch mit dem Schauspieler und Moderator der Dokumentation, Leonardo DiCaprio, argumentierte Musk, dass es gegen die Fossilen besser früher als später „eine Art Volksaufstand“ geben solle. Immer wieder betonte er die Notwendigkeit einer CO2-Besteuerung. Für alle internen Tesla-Präsentationen machte er es zur Vorschrift, Grafiken aus Al Gores Klimawandel-Dokumentation „Eine unbequeme Wahrheit“ zu zeigen.
Von Klima-Warnungen zu Mars-Plänen: Die Entwicklung des Elon Musk
Als die USA während der ersten Trump-Legislatur aus dem Pariser Klimaabkommen ausstiegen, schmiss der Tech-Milliardär seine Position als Regierungsberater hin. „Der Klimawandel ist real“, schrieb Musk als Erklärung bei Twitter. Das Paris-Abkommen zu verlassen, sei weder gut für die USA noch für die Welt. Das könnte man als Beleg für Musks frühere Überzeugung werten oder dahinter den Versuch erkennen, die eigene Marke zu schärfen und der fossilen Konkurrenz zu schaden. Aber dass er die Gefahr der Klimakrise ernst genommen hat, attestieren ihm viele seiner Weggefährt:innen.
Unter Berufung auf Musks nahes Umfeld versucht auch die Zeitung Washington Post in einem Artikel, den Sinneswandel des reichsten Menschen der Welt nachzuvollziehen. Er sei nach wie vor der Ansicht, dass die Klimakrise ein Problem sei, schreiben die Autor:innen. Allerdings sei er mittlerweile der Überzeugung, dass die Gefahr überbewertet werde. Andere Themen seien seiner Ansicht nach drängender, wie die Risiken künstlicher Intelligenz, die sinkenden Geburtenraten in Industrienationen – und natürlich sein Herzensprojekt, die Besiedelung des Mars.
Über die Klimakrise spricht der designierte Leiter der von Trump angekündigten Abteilung für Regierungseffizienz inzwischen kaum noch. Und wenn, dann verbreitet er Falschinformationen. Im Gespräch mit Donald Trump, gestreamt auf X, versicherte er dem Präsidentschaftskandidaten noch im August, dass man sich mit dem Klimaschutz nicht beeilen müsse. Zwar führe CO2 bei sehr hohen Konzentrationen ab etwa 1000 ppm – gegenwärtig liegt der CO2-Anteil in der Atmosphäre bei etwa 420 ppm – zu einer Reizung der Atemwege, weshalb ein Umstieg auf grüne Alternativen langfristig sinnvoll sei, es gebe aber keinen Grund zur Eile.
Elon Musk: Erst US-Schattenpräsident – und jetzt Trump-Gegenspieler?
Corona-Folgen und Anti-Woke-Bewegung: Musks Beweggründe
Wegen Klima-Falschinformationen wie diesen sowie der neuen Sympathie ihres Chefs für Rechtspopulist:innen und Verschwörungsideologien haben laut dem Washington-Post-Artikel bereits zahlreiche führende Tesla-Angestellte gekündigt. Auch dass Musk offenbar den Tesla-Plan, preisgünstige E-Kleinwagen auf den Markt zu bringen, eingestampft habe und stattdessen in künstliche Intelligenz für die Luxusmodelle investiere, sei ein Symptom für seinen Sinneswandel in Bezug auf Klimaschutz, heißt es weiter.
Um Musks Metamorphose nachzuvollziehen, hat die Washington Post mit fünf Vertrauten von ihm gesprochen, die alle anonym bleiben wollen. Diese machen eine Reihe von persönlichen Ereignissen verantwortlich. 2020 musste Musk aufgrund von Corona-Auflagen sein wichtigstes Tesla-Werk in Kalifornien schließen. Der Milliardär war außer sich und ordnete nur wenige Monate später den Umzug des Hauptsitzes in die Nähe von Austin in Texas an.
Etwa zur gleichen Zeit erhielt Musks Tochter Vivian Wilson – eine Transfrau – eine geschlechtsangleichende Behandlung. Er sei darüber am Boden zerstört gewesen, erklärten Bekannte. Seitdem sagt Musk immer wieder, er wolle den „Woke-Mind-Virus“, der „meinen Sohn getötet hat“, zerstören.
2024 wärmstes Jahr
Das vergangene Jahr war im Kernland der USA das heißeste und eines der feuchtesten seit Beginn der Messungen.
Die durchschnittliche Temperatur auf dem US-Staatsgebiet – ohne Alaska und Hawaii – habe bei 13,1 Grad gelegen und somit auf dem höchsten in 130 Jahren festgestellten Wert, heißt es in einem Bericht der US-Klimabehörde National Oceanic and Atmospheric Administration (NOAA).
Mit 802,1 Millimetern wurde zudem die dritthöchste Niederschlagsmenge seit Messbeginn festgestellt.
Das US-Kernland wurde zudem von einer deutlich überdurchschnittlichen Menge an Extremwetterereignissen getroffen. So wurden im gesamten Gebiet 1735 Tornados festgestellt, der zweithöchste je gemessene Wert. Lediglich im Jahr 2004 waren noch mehr Hurrikans gemeldet worden.
27 Naturkatastrophen verursachten der NOAA zufolge im US-Kernland im vergangenen Jahr Gesamtschäden von mehr als einer Milliarde Dollar, lediglich 2023 war bei mehr Katastrophen diese Schwelle überschritten worden. (afp)
Kritik und Proteste: Elon Musks Weg in die rechtskonservative Bubble
Beides habe Musk gegen die Politik der Demokratischen Partei aufgebracht und ihn in der Folge auch dazu bewogen, seine Haltung zur Klimakrise zu überdenken. Laut Musks Biograf Walter Isaacson hat auch die öffentliche Kritik an ihm von demokratischen Politiker:innen wie Alexandria Ocasio-Cortez zu seinem politischen Wandel beigetragen. Ein Jahr später lud der scheidende Präsident Joe Biden große US-Autohersteller zu einem E-Auto-Gipfel ein, Tesla erhielt keine Einladung. Musk sei außer sich gewesen und habe sich weiter von den Demokrat:innen abgewandt.
In der folgenden Zeit sei der 53-Jährige immer stärker in eine rechtskonservative Bubble eingetaucht, online wie offline. Zu seinen neuen Bekanntschaften zählen der Software-Unternehmer Joe Lonsdale und der Pharma-Unternehmer Vivek Ramaswamy. Beide vertreten wissenschaftsfeindliche Positionen über die Klimakrise. Ramaswamy etwa hält es nicht für belegt, dass die Folgen des Klimawandels negativ statt förderlich für die Menschheit sein werden.
Auch die Proteste von Umweltinitiativen hätten Elon Musk weiter radikalisiert, erklären Vertraute. Noch 2018 wurde bekannt, dass Musk eine hohe Summe an die bedeutende US-Naturschutzorganisation Sierra Club gespendet hatte. Nachdem einige Gruppen, auch der Sierra Club, immer wieder gegen geplante Tesla-Werkserweiterungen vorgegangen waren, änderte sich seine Position.
Ideologischer Werdegang von Elon Musk spiegelt traurigen Trend wider
Auch die Proteste in Grünheide bei Berlin im vergangenen Frühjahr mit einer Waldbesetzung und großen Demonstrationen – zudem musste die Gigafactory auch aufgrund eines Sabotageaktes für mehrere Tage die Produktion einstellen – hätten starken Eindruck auf Musk gemacht. Auf X beschimpfte er die Protestierenden als entweder „extrem dumm“ oder „Marionetten derjenigen, die keine guten Umweltziele verfolgen“.
Welche Umweltziele Musk mittlerweile verfolgt, ist vollends unklar. Ob Trump, Milei oder die AfD, alle drei erfreuen sich nicht nur der Gunst des modernen Krösus, sondern leugnen auch den menschengemachten Klimawandel.
Der ideologische Werdegang von Elon Musk ist einer von Millionen. Besonders seit der Corona-Pandemie haben Verschwörungsideologien, vereinfachte, rechtspopulistische Erklärungsmuster und Wissenschaftsleugnung Hochkonjunktur.
Einflussreich und Umstritten: Politik fordert auch Konsequenzen für Nachrichtendienst X
Was die Entwicklung von Musk so wichtig macht, ist sein enormer Einfluss. Er ist der reichste Mensch der Welt, er besitzt eine der größten Social-Media-Plattformen der Welt, und wie die letzten Monate zweifelsohne gezeigt haben, will er diese Macht nutzen, um Einfluss auf Wahlen und politische Entscheidungen zu nehmen.
In der deutschen Politik fällt das Urteil über Musk unterschiedlich aus. Die AfD-Vorsitzende Alice Weidel hat die Wahlwerbung Musks wenig überraschend begrüßt. FDP-Chef Christian Lindner kritisierte die Wahlempfehlung, lud aber Elon Musk gleich zu einem Gespräch ein. Er wolle ihm zeigen, wofür die FDP stehe. Schon zuvor hatte Lindner dafür geworben, „mehr Musk und Milei zu wagen“.
Gesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) sprach hingegen von einer „unwürdigen und hochproblematischen“ Einmischung. CDU-Europaabgeordnete haben zudem gefordert, die Sichtbarkeit von Musks Beiträgen auf X zu untersuchen. Viele Nutzer:innen würden berichten, dass sie regelmäßig Beiträge von Musk sehen würden, ohne ihm zu folgen oder auf seine Beiträge zu reagieren, erklärte der CDU-Politiker Daniel Caspary. Das werfe grundlegende Fragen zu Transparenz und Neutralität des Netzwerks auf. (David Zauner)