Russland

Im Isolator der Polarwölfe: Wo Alexej Nawalny zuletzt in Haft war

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Die „Besserungskolonie“ IK-3 am Polarkreis. Foto: Antonina FAVORSKAYA/AFP.
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Alexej Nawalny geriet in eine Besserungskolonie, die in der grausamen Tradition der Stalinschen Straflager steht. Es gelang ihm immer wieder, digital auszubrechen, aber seine Überlebenschancen waren gering.

Die Wachmannschaften würden aussehen wie im Kino: „Mit Maschinenpistolen, warmen Fäustlingen und Filzstiefeln. Und mit schönen, flauschigen Schäferhunden“, postete Alexej Nawalny Weihnachten nach seinem Eintreffen in der Besserungskolonie Nr 3, auch bekannt als IK-3 oder „Polarwolf“. „Macht euch um mich keine Sorgen.“

Alexej Nawalny ist tot. Er hat keine zwei Monate in IK- 3 überlebt, einer Anstalt mit verschärften Haftbedingungen in der sibirischen Polarsiedlung Charp. Laut der russischen Strafvollzugsbehörde FSIN brach er am Donnerstag nach dem Hofgang tot zusammen, die Ursache ist völlig unklar.

Nawalnys Leichnam war am Wochenende nicht auffindbar

Nawalnys Mutter und seinem Anwalt sagte man in der Kolonie, Nawalny sei einem „plötzlichen Todessyndrom“ erlegen, der Staatssender RT spricht von einer Thrombose, der Telegramkanal Sota zitiert zwei anonym bleibende Beamte des Ermittlungskomitees, man habe Nawalny seit vergangenem August langsam vergiftet. Sein Leichnam war am Wochenende nicht auffindbar, was den Verdacht nahelegt, dass die Behörden etwas zu verbergen haben. Angeblich soll der Tote zu einer neuen Autopsie nach Moskau gebracht werden.

Menschenrechtsgruppen machen den Kreml und dessen berüchtigtes Vollzugssystem für Nawalnys Tod verantwortlich, ein Netz von über 700 sogenannten Besserungskolonien und mehr als 200 Untersuchungsgefängnissen. Alexander Solschenizyn taufte es zu Sowjetzeiten „Archipel Gulag“ (Gulag ist die russische Abkürzung für „Hauptverwaltung der Lager“). Die Zahl der Einsitzenden ist seit 2013 von fast 700 000 auf 266 000 im vergangenen Oktober geschrumpft, was Fachleute auf gesunkene Kriminalitätsraten und alternative Strafen für leichte Vergehen zurückführen. Aber seit Sommer 2022 wurden auch Zehntausende für die „Spezialoperation“ in der Ukraine angeworben … Und jetzt gibt es wieder über 1000 politische Gefangene, gen Ende der Sowjetunion waren es etwa 700.

„Sie droschen von allen Seiten auf dich ein“

Für die Einrichtung des „Polarwolfs“ nahm man 1961 Gebäude der „Lagerabteilung“ des früheren Gulag-Bauprojekts Nummer 501 in Betrieb. Laut dem Blogger und Historiker Rustem Adagamow ließ Stalin dort eine Eisenbahnlinie verlegen und dafür insgesamt 34 Lager errichten. Deren Insassen seien zu Tausenden umgekommen.

Grausamkeit ist Tradition. „Hier arbeiten die Enkel und Urenkel derer, die schon im Gulag Wache hielten“, erzählte Michail, ein ehemaliger Insasse, der Zeitung „Nowije Iswestija“ 2018. Neuankömmlinge würden zur Begrüßung zusammengeschlagen. „Sie droschen von allen Seiten auf dich ein, aus aller Kraft, auf Kopf, Hals oder Rücken.“

In den Lagern wird um sechs Uhr geweckt: Leibesübungen, Frühstück, Appell, Arbeit, Mittag, Arbeit, Abendessen, Erziehungsmaßnahmen, zwei Kontrollen, eine Stunde Freizeit, 22 Uhr Bettruhe. Die Tagesration eines Häftlings lässt sich der Staat laut dem Wirtschaftsportal RBK 72 Rubel, also 72 Cent kosten.

Vor Alexej Nawalny saß schon Platon Lebedjew im „Polarwolf“

Für offene Hemdknöpfe droht Karzer, für Beschwerden auch. Der Karzer oder „Strafisolator“ ist ein 2 mal 2,5 Meter großes Loch, in das bis zu sieben Leute gepfercht werden. Das WC ist meist defekt, es stinkt und im Winter ist es um die zehn Grad.

Aber im Gegensatz zu Stalins Gulag haben es in Putins Kolonien prominente politische Gefangene oft leichter. Vor Alexej Nawalny saß schon Platon Lebedjew, Geschäftspartner des 2003 verhafteten Ölmilliardärs Michail Chodorkowskij, im „Polarwolf“. Er las mehrere Oppositionszeitungen, die mit ein paar Tagen Verspätung aus Moskau eintrafen, die Anstaltsärzte behandelten ihn mit Respekt, selbst der Direktor überließ ihm einmal sein Büro für ein Treffen mit seinem Anwalt. In der Moskauer U-Haft hatte seine Gesundheit gelitten, im Charp besserte sie sich.

„Es geht darum, Menschen zu erniedrigen, sie zu brechen“

Für „Politische“, die regelmäßig Besuch erhalten und mit Medien korrespondieren, waren Willkür und Gewalt bislang eher selten. Zumindest, solange sie Konflikte mieden. Der Schriftsteller Maxim Gromow, der drei Jahre als „Politischer“ saß, landete wiederholt im Strafisolator, weil er sich für bessere Haftbedingungen einsetzte. „Es geht darum, Menschen zu erniedrigen, sie zu brechen“, sagt er. Nach seiner Entlassung habe er zu trinken begonnen, jahrelang um sein Selbstwertgefühl gerungen.

Alexej Nawalny reichte über seine Anwälte immer wieder Klagen gegen die Lagerleitung ein, die Videoschaltungen aus dem Gefängnis zu den Gerichtsverhandlungen nutzte er für ironische Stegreifeinlagen, rief FSIN-Beamte auf, bei der Wahl gegen Putin zu stimmen.

Nawalny landete immer wieder im Strafisolator

Zumindest digital brach er immer wieder aus der Isolationshaft aus. „Diese erbosten Schufte sind von der Idee besessen, das ganze Land in die Knie zu zwingen“, schrieb er auf Telegram über die Verurteilung einer sibirischen Mitstreiterin zu neun Jahren Haft. „Aber sie stoßen immer wieder auf Leute, an denen sie sich die Zähne ausbeißen.“

Die Zähne des Gulags jedoch sind gusseisern. Nawalny landete immer wieder im Strafisolator, meist wegen Streit mit Wärtern. Am Ende hatte er von über 1120 Tagen in Haft 308 im Karzer verbracht, ein mörderischer Rhythmus. „Nawalny hat ihnen den Fehdehandschuh hingeworfen“, sagt Gromow. „Und die Staatsmacht hat ihn aufgehoben: Du willst bis ans Ende gehen, gut, dann gehen wir bis ans Ende.“ Nawalny starb zwei Tage nach dem letzten Karzer.

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